Kurzgeschichte 3 "Auf und Davon"

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Während er die Sachen aus seinem riesigen Holzschrank in seine Sporttasche packte, schien der Mond draußen hell am Himmel. Vollmond.
Die weiß leuchtende Kugel am Himmel interessierte ihn jedoch weniger, denn er musste aufpassen, dass er nicht zu laut wurde, sonst würde jemand ihn noch hören.

Seufzend setzte er sich an seinen Schreibtisch, den er zu seinem 13. Geburtstag bekommen hatte.
Er nahm sich seinen schwarzen Füller und schrieb auf das zerrissene Blatt vor ihm.
Er schrieb und dachte nicht groß darüber nach, was seine Eltern wohl denken würden, wenn sie es lesen würden.
Nichts hielt in mehr hier in diesem Kaff.

Er zog sich seine Turnschuhe an und warf sich die Tasche über die Schulter.
Dann schlich er sich aus dem Haus, wie er es schon so oft getan hatte.
Seine Mutter lag sicher friedlich in ihrem Bett und sein Vater lag sicherlich neben ihr, dachte er.

Er schloss die Haustür hinter sich und atmete tief ein und aus.
Die kalte Luft füllte seine Lungen und er genoss es, endlich weg zu kommen.

Er lief die Straße runter zu seinem Auto, was er vor einem halben Jahr bekommen hatte, nachdem er die Prüfung und das Abi bestanden hatte.
1,1 im Abi und Führerscheinprüfung perfekt abgeschlossen.
Trotzdem war er nicht stolz auf sich.
Niemand war stolz auf ihn.
Er hätte ja noch besser sein können, hieß es.
Er hätte ja sein bestes geben können, hieß es.
Doch er hatte jedes verdammte Mal sein allerbestes gegeben. Er war nicht gut genug gewesen für die Gesellschaft, für seine Eltern.
Er war nicht genug gewesen.

Also warf er die Tasche auf den Beifahrersitz und fuhr los.
In dem Dorf, wo er lebte, war alles dunkel. Kein Licht brannte, jeder schlief.

Als erstes fuhr er an seinem eigenen Wohnort vorbei, sein 'zuhause' war es schon lange nicht mehr. War es das je?, fragte er sich.
Danach das Nachbarhaus, wo das schöne Mädchen wohnte mit den blonden Haaren, was immer Zigaretten bei ihm geschnorrt hatte.
Darauf folgte das Haus des alten Knackers und das Haus des Jungens, den er mal seinen 'besten Freund' genannt hatte.
Er blies den Rauch in die Luft und zündete sich schon die nächste Zigarette an, während er vorsichtig die Straße entlang fuhr.
Den Stummel der ersten Zigarette warf er dem Haus zu.
Sollte es doch am besten abbrennen, dachte er.
Verräter, dachte er und dachte an seinen ehemaligen besten Freund, der gerade sicher seelenruhig schlief.

Das letzte Haus der Straße war das Haus seines Großvaters.
Sein Großvater und sein Vater hatten ihm so viele Träume zerstört.

Müde dachte er an all die schlechten Erinnerungen und fuhr aus dem Dorf raus.

Endlich weg von hier, dachte er.
Weg von dem Alltag, von dem Trott.
Weg von der Schule, von all den miesen Verrätern und weg von all den Lügnern.
Weg von dem Druck seiner Eltern, weg von dem kleinen Dorf, in dem er verdammte 18 Jahre verbracht hatte.

Viel zu lange war er da geblieben.
Doch kein Grund zu bleiben ist eben ein guter Grund zu gehen.

Also ging er.

Er fuhr aus dem Dorf raus und auf die Autobahn mit einem breiten Grinsen und einer Zigarette zwischen den Lippen.

Endlich raus aus dem scheiß Kaff, dachte er grinsend und fing an zu lachen.

Laut lachte er und drehte die Musik auf.

Es dämmerte.

Die Sonne ging auf und das Morgenrot tönte den Himmel in eine schöne Farbe.

Und als er da so fuhr, alleine auf der Autobahn im roten Schimmer der aufgehenden Sonne, wurde ihm eins klar.

Ihm wurde bewusst, dass er frei war.
Und wie frei er war.
Er konnte tun, was er wollte.

Er müsste nie wieder zurück zu dem Ort, wo die schlechten Erinnerungen lagen und die dunklen Gedanken nur auf ihn auflauerten und ihn überfielen.

Er müsste nie wieder irgendetwas tun, was er nicht wollte.

Und verdammt, diese Freiheit genoss er.

Er genoss den Rauch in seinen Lungen, er genoss die schlechte Charts Musik, er genoss den Morgen, den er immer so gehasst hatte.

Er hatte alles gehasst. Alles. Jeden kleinsten Fleck hatte er gehasst, da, wo er herkam.

Doch jetzt war das vorbei, dachte er.

Er war frei und er konnte endlich lernen, was es heißt zu lieben und zu leben.

Er war auf seinem eigenen Weg und diese Erkenntnis konnte ihm niemand nehmen.

Und ja, als er ganz allein die Straßen entlang fuhr, irgendwohin, wo alles besser war, war er zum ersten Mal seit langem glücklich.

Und zum ersten Mal war er stolz auf sich.

Stolz darauf, dass er es geschafft hatte, sich zu befreien. Er hatte sich von all den schlechten, bösen, niederschmetternden, traurigen und verzweifelten Dingen gelöst.
Ja, er hatte es geschafft.
Er war stolz darauf, losgelassen zu haben.

Jetzt konnte er endlich anfangen zu atmen und zu leben.

x selbst geschrieben

OverthinkingWo Geschichten leben. Entdecke jetzt