Kurzgeschichte 4 "Schnee"

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Ihr Atem war ruhig und es sah aus, als ob sie rauchen würde, wenn sie ihren Atem in die Kälte des Winters pustete.
Sie stand unter einem riesigen Baum, dessen Äste aussahen wie knochige Arme.
Sie vermisste die grünen Blätter und ihr Rauschen im lauwarmen Frühlingswind.

Ihr Blick folgte einem Vogel, der gerade über die alte Kirche flog. Vor ihr lag der Friedhof der Stadt.
Der Schnee bedeckte den Boden und knirschte unter ihren Stiefeln, als sie sich vorsichtig der Kirche näherte.

Der Friedhof war umringt von einer niedrigen Steinmauer.
Das Mädchen streifte mit der Hand an der Mauer entlang und summte ihr Lieblingslied.
Leise begann sie zu singen und blieb dann aber stehen.

Ihre Wangen waren schon rot vor Kälte und ihre Hände begannen, zu zittern.
Sie betrachtete all die Grabsteine vor sich und biss sich auf ihre schon auf aufgeplatzte Unterlippe.
Vorsichtig tapste sie auf einen großen Mamor Stein zu.
In geschwungener Schrift las sie den Namen, den Geburtstag und den Todestag.
Sie kannte die Tote nicht und trotzdem kniete sie sich hin und befreite den Stein vom Schnee.
Das tat sie mit allen Grabsteinen.
Zu jedem ging sie hin und säuberte ihn, nur einen nicht.

Nur einen lies sie in Ruhe.
Nur einer war jetzt noch mit einer Schicht Schnee bedeckt.
Seufzend setzte sie sich vor genau diesen kleinen Grabstein und schmunzelte.

Sie merkte gar nicht, wie der Priester der Kirche auf sie zu kam.
"Guten Tag", hörte sie ihn und schaute zu ihm hoch.
Sein hohes Alter war deutlich zu erkennen und er reichte ihr eine Hand, zum Aufstehen.

Zögerlich lies sie sich helfen und nun standen die beiden vor dem schneebedeckten Grabstein.
"Für wen betest du, Kind?", fragte der Priester.
"Für niemanden", antwortete sie.
"Warum bist du dann hier draußen in der Kälte?"
Sie schaute nachdenklich zu ihm hoch.
"Das weiß ich auch nicht."
Der alte Mann musterte sie besorgt. Irgendwoher kannte er sie. Aber woher?
"Irgendetwas muss dich hierher verleitet haben, oder nicht?"
"Vielleicht war mir nur langweilig", murmelte sie.
Der Gläubige beugte sich vor, um den Namen auf dem Stein zu lesen, da er seine kleine Brille in der Kirche vergessen hatte.

Der Name gehörte einem Mann. Er wurde einundfünfzig Jahre alt.
"Du bist nicht mehr da, wo du warst. Aber überall da, wo wir sind", las er den Spruch unter dem Namen leise vor.
"Den Spruch hab ich ausgesucht", schmunzelte das Mädchen neben ihm.
"Woher kanntest du ihn?"
"Eigentlich kannte ich ihn nicht. Ich glaubte immer, ihn zu kennen, doch das tat ich nie. Bis zu seinem Tod."
Ihre Stimme war leise und ihr müdes Lächeln wirkte gebrochen.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte.
"In welcher Verbindung standest du mit ihm?"
Der Priester wollte ihr helfen, da sie ziemlich traurig aussah.
"Er war mein Vater."
Dem Priester wurde schlagartig einiges bewusst.
Er kannte das Mädchen von einer Beerdigung.
Der Beerdigung des Mannes, der vor ihnen unter der Erde in einem Sarg lag.
Er kannte das Mädchen. Ihr Vater war bei einem Unfall ums Leben gekommen, ziemlich tragisch.
Man hatte damals spekuliert, ob es ein Unfall oder Selbstmord gewesen war.
Der Priester erinnerte sich plötzlich an jedes Detail.

Daran, wie das Mädchen ausgesehen hatte. Sie war wesentlich jünger gewesen.
Daran, wie ihre Mutter schrecklich geweint hatte.
Daran, wie er die Predigt gehalten hatte und daran, wie das Mädchen damals geschaut hatte.
Ihr Blick war so verlassen gewesen, so leer.

Und jetzt, wo er sie nach langer Zeit wieder ansah, merkte er, dass ihre Augen nur noch leerer schienen.

Und er merkte auch, dass der Geburtstag des Mannes, ihres Vaters, heute war. Ihr Vater hatte heute Geburtstag. Er hätte sicherlich Geburtstag gefeiert mit ihr und der restlichen Familie.

"Er hat heute Geburtstag, wissen Sie?"
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
"Er ist beim Herrn. Dort ist er sicher, keine Sorge."
"Ich mach mir gar keine Sorgen. Ich finds auch toll, wenn er bei Gott wäre. Doch eigentlich liegt sein Skelett nur unter uns. Aber ich will nicht mit Ihnen über den Glauben diskutieren."
Der Priester war etwas überrascht.
Nach langer Stille zwischen ihnen, traute sich der alte Mann zu fragen.
"Warum hast du alle Grabsteine gesäubert, nur seinen nicht?"

Sie lächelte und fuhr sich mit einer Hand durch ihre kurzen Haare.
Dann seufzte sie und schloss die Augen.
"Ich meine, du kennst die anderen Menschen, die hier ruhen, doch gar nicht, oder? Aber deinen Vater kennst du, aber gerade seinen Stein befreist du nicht vom Schnee. Wie soll ich das verstehen?", fügte der Priester hinzu.
Sie nickte kurz.
"Das ist ne gute Frage."
Der Priester beugte sich wieder vor und wollte den Schnee selbst beseitigen, da schrie das Mädchen auf.
"Nicht! Lassen Sie den Schnee da, wo er ist, bitte!"
Er schreckte hoch und verzog sein Gesicht.
"Was ist denn?"
"Weil er Schnee liebte."
Fragend schaute er sie an.
"Ich hab den Schnee da gelassen, weil er Schnee liebte."

"Alles Gute zum Geburtstag. Und bis nächstes Jahr, Dad", murmelte sie und fuhr kurz über die Gravierung des Steins.
Dann drehte sie sich um und ging.

Sie verschwand hinter den knochigen, alten Bäumen und lies den Priester alleine stehen.

Dieser schaute ihr traurig hinterher.

Nächstes Jahr würde sie wieder hier sein.

Nächsten Winter würde sie wieder hier aufkreuzen, um ihrem Vater zu gratulieren.

Man würde gar nicht merken, dass sie weg war, denn der Schnee würde zwar schmelzen, doch er würde auch wieder fallen und auf dem Grabstein liegen, so wie jetzt.

Man würde gar nicht merken, dass sie weg war, denn die Zeit verging wie ihm Flug.

Nächstes Jahr würde sie wieder zum Grab ihres Vaters kommen, dachte der Priester.

Doch als der Schnee wieder fiel und der Priester an dem gleichen Tag nur ein Jahr später an dem Stein stand, kam sie nicht.
Ihr Gesicht tauchte nicht hinter den Bäumen hervor, ihre Hände befreiten nicht die Steine vom Schnee und man hörte sie nicht, wie sie ihrem Vater gratulierte.

Der Priester dachte, sie hätte ihn vergessen. Hätte ihn losgelassen.

Doch sie hatte ihn nicht vergessen, nie würde sie.

Sie kam nie wieder zu dem Grabstein ihres Vaters, nein.

Denn sie lag nun neben ihm.

x selbst geschrieben

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