Kapitel 9

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«Ich wähle...» Man sagt doch immer, die Augen sind die Spiegel zur Seele, nicht wahr? Also ging ich dem nach. Ich wollte jedem hier, tief in die Augen schauen, und herausfinden, was sie wirklich fühlen, was ihre tiefsten Gefühle sind, die sich nicht verstecken lassen, so gross die Bemühungen auch sein mögen.

Also sah ich zu Conroy. Ich blickte tief in seine dunklen Augen. Überraschenderweise sah ich in ihnen eine Art Mitleid, gemischt min Schmerz. Nicht die Grausamkeit, die ich erwartet hatte zu finden. Was das wohl über ihn aussagt, dass er trotz Mitleid mich dazu zwingt, jemanden sterben zu lassen? Wer weiss das schon. Mein Blick ging zu Clarissa. In ihren Augen war klar, die grausame Angst zu sterben zu erkennen. Aber auch Vertrauen. Vertrauen in Dravesia, in die Ritter, in mich. Sie vertraute mir, dass ich sie rettete. Doch das Schlimmste an ihrem Vertrauen in mich ist, dass ich nicht weiss, ob ich dessen würdig bin. Ich weiss nicht, ob ich sie retten kann. Dass ich mich fühle, als würde ich dieses Vertrauen missbrauchen. «Ich wähle...» Ich liess meinen Blick ein letztes Mal vor meiner Entscheidung weitergleiten, zu Rey. Doch in seinen Augen sah ich keine Angst, keinen Schrecken, nein. Ich sah Akzeptanz für das Schicksal, welches ihn auch immer ereilen wird. Trauer. Vielleicht darüber, dass es das letzte Mal sein könnte, dass wir uns sehen. Trauer um die Zeit, welche wir nicht mehr haben. Die unerfüllten Träume. Einen Moment nahm ich mir kurz Zeit, um nochmals tief durchzuatmen

«Ich wähle...Reymond Dreyer.»

Nach meiner Aussage herrschte für einige Sekunden schweigen. Dieses wurde dann jedoch durch Conroy durchbrochen. «So soll es sein.» Damit gab er einem seiner Anhänger ein Zeichen. Dieser stiess die kämpfende Clarissa langsam nach hinten zur Kante. Während er sie schubste, fing sie an zu schreien und betteln. «Nein, lasst mich bitte. Bitte Scott, hilf mir. Ich möchte nicht sterben, bitte!»

Die Tränen, welche ich vorher zu unterdrücken versuchte, flossen nun. «Es tut mir so leid, Issa. Es tut mir so furchtbar leid. Aber ich weiss nicht, wie ich euch beide retten kann. Es tut mir so, so leid.»

Schliesslich stiess er sie von der Kante und ich sah wie sie viel. Es fühlte sich an, als würde alles in Zeitlupe passieren. Ihre Augen, welche Angst und Verrat vermittelten. Ihre Schreie um Gnade. Die Angst vor dem Unvermeidlichen. Meine geflüsterten Entschuldigungen. Rey, welcher sie anflehte ihn, statt Issa zu nehmen. Und doch war der Moment auf einmal vorbei, nur das Platschen eines Körpers auf Wasser war für mich zu hören. Es hallte in meinem Kopf immer wieder nach. Ich bemerkte nicht was um mich herum geschah. Ich wollte nicht begreifen, was gerade passiert ist. Ich hörte gedämpfte Stimmen, verstand jedoch nicht, was sie sagten. Meine Gedanken kreisten nur um dieses eine Geräusch, diese eine Tatsache. Ich habe gerade eine meiner besten Freunde getötet.

Auf einmal schlangen sich Arme um mich. Ich startete instinktiv einen schwachen Versuch sie abzuschütteln. Dies hatte jedoch nur zur Folge, dass sich der Griff um mich verstärkte. «Alles wird gut. Es ist alles in Ordnung. Es ist nicht deine Schuld» Diese Wörter drangen langsam zu mir durch. Aber alles war meine Schuld. «Hey, hör mir zu, okay? Niemand hätte verhindern können, dass hier jemand stirbt. Niemand.» War das Reys Stimme? «Und jeder, der behauptet, dass er es hätte verhindern können, lügt.» Hatten sie ihn befreit? «Und diese verdammten Menschen, warte, streich das letzte Wort, diese Monster sind die Schuldigen an dieser Situation. Du musst dir keine Vorwürfe machen, Dummkopf.» «Rey?» «Da ist er ja wieder. Mein bester Freund. Ich dachte wirklich, dass du Issa wählen würdest. Als dein bester Freund, ist es schliesslich meine Aufgabe, im schlimmsten Fall-» Ich unterbrach sein Geschwafel, als ich meine Arme nun auch um ihn schlang und ihn festdrückte. Ich wollte ihn nie mehr loslassen, in der Angst, dass er auch sterben würde. «Ich habe Clarissa getötet...» Flüsterte ich und vergrub meinen Kopf in seiner Halsbeuge. Ich liess meine Tränen frei fliessen.

Light in the darkWo Geschichten leben. Entdecke jetzt