Ich bin nicht so der Blümchentyp. In meinem Garten blühen im Frühjahr drei Tulpen und fünf Märzenbecher (so heißen bei uns die Osterglocken), dazu jede Menge Gänseblümchen im Rasen und Kräuter im Sommer – die meisten davon lila, wie die Bienen es besonders zu lieben scheinen. Deshalb gibt es auch ein paar verstreute Lavendelpflanzen.
Ach ja, drei Rosenstöcke habe ich auch noch – die machen wenig Arbeit. Vom Fenster aus kann ich die Wahnsinnsblütenpracht in den Nachbargärten bewundern, ohne einen Finger rühren zu müssen.
Dagegen bin ich ein ganz spießiger Buchsbaumtyp. Die meisten Pflanzen habe ich liebevoll großgezogen, habe sie in verschiedene Formen geschnitten, am liebsten zu ineinander wachsenden Kugeln. Das Schneiden hatte jeden Herbst etwas meditatives, gefolgt von Kreuzschmerzen am nächsten Tag.
Einmal konnte ich krankheitsbedingt den Schnitt nicht selbst machen, der beste Ehemann von allen – ich habe ihn danach allerdings eine ganze Weile nicht mehr so genannt – hat das übernommen. Von da an hatte ich nur noch ganz viele Hecken und Heckchen, quadratisch, praktisch, gut - zu Würfeln geschnitten. Er hat es eben mehr mit der geradlinigen Symmetrie. Im Gegenzug habe ich ein paar Wochen lang die Tischsets, die immer parallel zur Tischkante liegen müssen, schief verrutscht. Etwas Strafe musste schon sein.
Schließlich habe ich mich an die Quader gewöhnt, hatte meine nicht mehr kugeligen Buchsbäume wieder lieb und meinen Ehemann auch.
Dann kam er: mein Kryptonit, mein Endgegner.
Der Buchsbaumzünsler!
Innerhalb von zwei Wochen hatten sich meine Prachtexemplare links und rechts der Haustür, die wie durch ein Wunder noch nicht zu Kuben geworden waren, in kahles Gestrüpp verwandeln.
Wir holten Gift, natürlich vogelunschädliches, sprühten einen Tag lang alle Hecken ein. Ein paar kleinere Exemplare hatte es auch erwischt.
Im Lauf des Sommers trieben alle Pflanzen wieder aus, erstrahlten in frischgeborenem Grün.
Doch der Falter war ausgesprochen fortpflanzungsfreudig, eine zweite Raupenwelle killte die vorher schon einmal befallenen Heckenteile - dieses Mal irreversibel. Als würden sie uns verspotten wollen, besuchten uns immer wieder Zünsler im Wohnzimmer. Die ersten ungebetenen Gäste ermordete ich eiskalt, hatten sie doch mein Lebenswerk der Gartenkunst zerstört.
Doch die Kerle spielten unfair, sie waren – oder sind – nämlich echt hübsch, beige mit dunklen Rändern, wirklich nett anzusehen.
Dann begann ich zu überlegen. Was ist mehr wert? Ein oller Buchsbaum oder ein hübscher Falter? Weiß ich denn, wofür die Viecher im Naturkreislauf wichtig sind?
Auf alle Fälle haben wir nicht mehr gespritzt, die Meisen und Spatzen in unserem Garten sind kugelrund geworden, weil die gelb-grün-gestreiften Raupen sie sehr gut zu ernähren scheinen.
Heute haben wir nun die Leichen vor dem Haus ausgegraben, also – er hat gegraben, und ich hatte die Oberaufsicht -, haben sie auf dem Grüngutablageplatz unserer Gemeinde würdevoll zur letzten Ruhe gebettet. Anschließend haben wir im Gartencenter zwei Säulenzypressen gekauft – auch kitschig, ich weiß, aber hübsch, so ein Hauch von Toskana.
Dort waren alle Parkplätze belegt, an den Kassen hatten sich lange Schlangen gebildet. Viele Wagen waren vollbeladen. Beim Warten kommt man ja so ins Gespräch - und immer wieder tauchte der Zünsler auf, der Neuanpflanzungen erforderlich machte.
Es scheint, als hätte ein kleiner Falter den Gärtnereien ein kräftiges Umsatzplus besorgt.
Sollte ... ?
Nein! Ein Schuft, der Böses dabei denkt!
Morgen dann kommt die Hecke dran, die es voll erwischt hat. Ich habe bei den Gesprächen an der Kasse erfahren, dass manche Sorten von Buchsbaum gegen die Raupen resistent sind - und manche eben nicht. Deshalb sind auch nicht alle Büsche befallen. Bei den Nachbarn schon, da sieht es noch schlimmer aus als bei uns. Da ist alles braun.
Wir werden wohl in den nächsten Tagen öfter mal im Gartencenter shoppen, ist auch eine angenehme Abwechslung für mich.
Und ich denke, wir werden ein Apfelbäumchen pflanzen. Ihr versteht sicher, warum.
DU LIEST GERADE
Sias Schmunzelecke
Ficção GeralHier werde ich in unregelmäßigen Zeitabständen Geschichten veröffentlichen, die euch hoffentlich zum Schmunzeln, vielleicht auch mal zum Lachen bringen. Manchmal entsprechen sie der Wahrheit, manchmal sind sie etwas überspitzt. Was zutrifft, könnt...
