Am Nachmittag sitzen Mia, Judith und ich zusammen auf meinem Bett.
Einer von Judiths Vorschlägen zum "Aneinander gewöhnen" war, dass meine Schwester und ich ihr beibringen, wie man die typischen afrikanischen Zöpfe macht.
In Kenia sind sie zwar nicht so häufig, aber in Nigeria sind die Rastazöpfe Tradition.
Ich mag den Namen "Rastazöpfe" eigentlich nicht, das erinnerst mich an die Menschen, die immer diese Zöpfe tragen und sich nie die Haare waschen.
Und das finde ich ekelig.
Doch viele Leute, auch im Dorf, haben ihre Zöpfe oft wochenlang.Auch ich habe meine Zöpfe seit Februar und bisher habe ich mich geweigert, sie zu öffnen.
Doch da Mia und Judith ein paar gute Argumente hatten und auch ich langsam merkte, wie fettig meine Haare mittlerweile waren, wusch ich sie mir gleich nach dem Mittagessen.
Mia hatte sie bereits vor einer Woche geöffnet und auch keine neuen Zöpfe mehr gemacht, weshalb ihr die rabenschwarzen Haare tagelang in dichten Wellen über die Schultern fielen."Sollen wir bei dir anfangen, Mia?", fragt Judith und holt mich damit aus meinen Gedanken.
Eigentlich können wir uns mittlerweile selbst die Haare flechten, doch wenn man sie sich gegenseitig flicht, ist es weitaus weniger anstrengend.
Aber zu meinem Erstaunen schüttelt Mia den Kopf.
"Ich möchte erstmal keine Zöpfe mehr haben."
"Was?"
Mit offenem Mund schaue ich sie an.
"Ich möchte keine Zöpfe haben", wiederholt Mia.
"Ich möchte meine Haare mal offen tragen.
Und bevor du von Tradition oder sowas anfängst", fährt sie sehr zu Judiths Unwillen schnippisch auf Swahili fort,
"ich möchte es eben nicht.
Ich bin anders als du.
Ich möchte diese Zeit mal für eine ganze Weile hinter mir lassen!
Und zwar komplett!"
Ich werfe ihr einen giftigen Blick zu, den sie ebenso giftig erwidert.
Wie kann sie Mum und Dad das antun? Die beiden hätten gewollt, dass wir uns wenigstens etwas aus Afrika bewahren!
Aber ich sage nichts mehr.
Zum einen, weil Judith dabei ist und zum anderen, weil ich keinen Streit vom Zaun brechen will.
Wir müssen zusammenhalten."Na gut, dann zeig du es mir bei September", fordert Judith meine Schwester auf, die sofort anfängt und ihr dabei das Vorgehen erklärt.
"Wichtig ist vor allem, dass du sehr eng am Kopf flichst", sagt Mia, während sie sich an den ersten winzigen Zopf macht.
"Das kann die ersten paar Tage an der Kopfhaut weh tun, da diese sehr gespannt wird, aber wer schön sein will, muss eben leiden."
Ich kann mir gut vorstellen, dass sie an dieser Stelle grinst.
"Außerdem musst du sie wirklich sehr dünn machen, denn wenn sie zu dick werden, sieht das am Ende komisch aus. Und vor allem alle gleich dünn."
Autsch!
Ich beiße mir auf die Lippen.
Mia hat bisweilen eine sehr ruppige Art zu flechten, aber dafür halten ihre Zöpfe wirklich sehr lange und sehen wunderschön aus.
"Und wer schön sein will, muss leiden!", denke ich und verkneife mir das Jammern.
"Wie lange dauert das dann ungefähr?", fragt Judith.
"Ich meine, wenn du sie echt sehr fein machst, dann dauert es doch ewig, bis du alle Haare geflochten hast!"
"Das kann schon mal an die vier Stunden dauern, je nachdem, wie dick die Haare sind", antworte ich.
"Bei mir dauert es manchmal sogar länger."
"Wow", sagt Judith und nickt anerkennend."Wollt ihr währenddessen Musik hören?", schlägt sie nach einer Weile vor.
"Damit es nicht so langweilig ist."
"Oh ja, gerne!", ruft Mia begeistert.
Sie liebt Musik.
Egal, was es für ein Fest war,
wann immer Musik gespielt wurde, war Mia die Erste auf der Tanzfläche.
Und sie kann das wirklich gut, so beweglich und elegant, wie sie ist.Als Judith den CD-Player - ein neues Gerät, das uns erst erklärt werden musste, als wir hier ankamen, denn in Kijiji nuru hatte wir so etwas natürlich nicht - geholt und eine CD eingelegt hat, sagt sie:
"Ich habe sogar eine mit afrikanischer Musik. Die hab ich mir gekauft, als ich wusste, dass ihr kommt."
Und im nächsten Moment erklingt Musik aus den Lautsprechern, die so klingt, wie ich es liebe:
Rhythmisch, geheimnisvoll und wunderbar afrikanisch.
Auf dieser CD sind natürlich noch andere Instrumente dabei als nur Trommeln, aber das verleiht dem Ganzen einen besonders vollen Klang.
Ich schließe die Augen und wiege sanft im Takt hin und her, bis Mia mich ermahnt, ich solle stillhalten, damit sie besser flechten könne.
Nach ungefähr der Hälfte meiner Haare und einer weiteren CD
- diesmal eine von den Beatles - bittet Judith darum, es auch einmal zu versuchen.
Sofort merke ich, dass sie zwar gut flechten kann, aber es nicht fest genug macht.
Immer wenn sie eine Strähne geflochten hat und die nächste beginnt, macht Mia den Zopf sanft wieder auf und flicht ihn mit flinken Fingern nochmal.
Doch Judith wird besser, und die letzten Zöpfe lässt Mia so, wie sie sind.
"Gut", lobt sie und unsere Adoptivmutter strahlt.Bevor sie den Raum verlässt, dreht Judith sich noch einmal zu mir um und sagt:
"September, übrigens gibt es an der Musikschule einen Trommellehrer.
Wenn du möchtest, kannst du gleich am Samstag eine Schnupperstunde bei Mr. O'Malley besuchen. Hast du Lust?"
Ich nicke.Beim gemeinsamen Abendessen fragt Harry, wie es denn gewesen sei.
Das Resultat sehe auf jeden Fall toll aus.
Und zum ersten Mal weiß ich dieses Kompliment wirklich zu schätzen.
Wir erzählen ein bisschen, von der Musik und dass wir uns gut unterhalten haben.Kurz darauf fragt Harry:
"Mädchen, was ich euch schon immer mal fragen wollte, wie seid ihr denn zu euren Namen gekommen?
Ich meine, September und Mia, das sind doch keine herkömmlichen afrikanischen Namen, oder?"
Mia und ich wechseln einen bedeutungsschweren Blick.
Wollen wir es ihnen sagen?
Haben wir schon genug Vertrauen zu ihnen gefasst?
Mias Blick gibt mir die Antwort.
Und tief in meinem Herzen weiß ich es auch.
"Also", beginne ich zögerlich, "unser Da... unser Vater kam ja aus Nigeria, und Nigerias Amtssprache ist Englisch.
Daher kommt Mia.
Das ist zwar auch kein typisch englischer Name, kommt aber dennoch oft vor und unsere Eltern fanden ihn sehr hübsch.
Bei September ist es eine andere Sache.
Es ist auch ein englischer Name, auf Swahili hieße ich nämlich übersetzt Septemba.
Meine Großeltern mütterlicherseits haben mich auch so genannt, da sie das Englische nicht richtig aussprechen konnten.
Die Geschichte hinter September ist Folgende..."
Ich mache eine kurze Pause, um mich zu sammeln.
Die folgende Geschichte kenne ich in- und auswendig. Dad hatte sie uns bei jeder Gelegenheit erzählt.
"Mein Vater war gerade von Nigeria in die Stadt Marsabit in Kenia geflogen, um mit ein paar Freunden zuerst die Stadt zu besichtigen und dann eine geführte Wanderung in die Wüste Koroli zu machen.
Das war, als sie gerade 18 geworden waren.
Doch in einem Sandsturm verloren er und ein Kumpan den Führer und den Rest der Gruppe und so irrten die beiden in der Wüste herum.
Sie wären verdurstet, wenn nicht meine Mutter sie beim Wasserholen gefunden und mit ins Dorf genommen hätte.
Sie war damals siebzehn.
Dad verliebte sich sofort in seine Retterin und sie sich in ihn.
Er ist nicht mehr zurück nach Hause gegangen, da er bei ihr bleiben wollte und sie noch nicht wegziehen durfte.
Tja, und wie man es sich jetzt denken kann, passierte das Ganze an einem Tag im September. Und..."
Ich höre aprubt auf, da ich Tränen in den Augen habe.
Und wenn ich es richtig erkenne, geht es Judith genauso.
"Wie süß!", flüstert sie ergriffen.
"Er hat den Anfang ihrer Liebe in seinem Kind verewigt."
Ja. Und dieses Kind bin ich.
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September [ beendet ]
Novela JuvenilAus Kenia nach Amerika adoptiert, fühlt sich die 15-jährige September zunächst gar nicht wohl in ihrem neuen Zuhause: Außer ihrer Schwester kennt sie niemanden, zudem wird sie wegen ihrer Hautfarbe gehänselt. Weiteres Kopfzerbrechen bereitet ihr Leo...