Kapitel 6

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Gedankenverloren mache ich mich auf den Weg zum Parkplatz hinter dem Café. Ich steige in mein Auto und drehe den Schlüssel um, jedoch nur einmal, sodass der Motor noch nicht angeht.

Als könnte ich den Baum vor mir hypnotisieren starre ich aus der Windschutzscheibe.
Hatte Ruggero Recht? Ich weiß es nicht. Sollte ich Ámbar einfach nochmal schreiben? Ich weiß es nicht. Was denke ich? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht wiederhole ich es immer wieder in meinen Gedanken. Es ist fast schon wie ein Mantra.

Ich weiß weder was ich fühle, noch was ich denke und schon gar nicht, was ich tun soll.

Ich weiß nur, dass ich absolut ratlos bin und ich weiß auch, dass das nur mich etwas angeht. Ich möchte nicht, dass irgendjemand davon erfährt. Ich weiß nicht warum, aber es fühlt sich falsch an es jemandem zu erzählen. Ich möchte keine anderen Meinungen hören. Ich möchte nur endlich meine eigene finden.

Ich weiß nicht wie lange ich gedankenverloren auf diesen Baum gestarrt habe, aber es war definitiv zu lange. Erneut drehe ich den Schlüssel. Dieses Mal springt der Motor an und ich fahre nach Hause zu meiner Mutter.

"Wo warst du so lange" fragt sie mich mit einem Blick auf ihre Uhr, als sie aus dem Haus kommt, um mir das Auto abzunehmen.

"Ich musste Ruggero noch nach Hause fahren" lüge ich.

Ja ich lüge. Ich lüge und ich tue das in letzter Zeit eindeutig zu oft. Ich lüge nie und jetzt habe ich fast jeden angelogen, der mir irgendwie am Herzen liegt. Meine Mutter, Ruggero... Ámbar. Ámbar, selbst bei dem Gedanken an ihren Namen bekomme ich eine Gänsehaut am ganzen Körper.

Reiß dich zusammen, befehle ich mir selbst und gehe schnell ins Haus, da ich noch immer wie angewurzelt draußen stehe.

Mit dem Blick starr nach vorne gerichtet gehe ich die Holztreppe hoch und öffne die Tür zu meinem Zimmer.
Einen kleinen Moment bleibe ich einfach nur in der Tür stehen und starre ins Leere.

Ich seufze und nehme meine Gitarre, bevor ich mich auf mein Bett setze. Gedankenverloren beginne ich einige Akkorde zu spielen und aufzuschreiben. Ehe ich mich versah hatte ich die Melodie zu einem ganzen Lied.

Noch immer in meiner eigenen Welt gefangen stelle ich die Gitarre wieder an ihren Platz und setze mich auf meine Fensterbank, die so breit ist, dass ich mir mithilfe ein paar Kissen und Decken eine kleine Sitzecke darauf eingerichtet habe.

Wie in diesen typischen, kitschigen Mädchenfilmen lehne ich meinen Kopf an die Fensterscheibe und Blicke heraus. Mit den Gedanken nur bei einer Sache.

Welche Rolle hat Ámbar in meinem Leben eingenommen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Denkt sie über das selbe nach? Ist sie auch verwirrt?
Wer ist sie? Und viel wichtiger, wer ist sie für mich?

Es kann unmöglich sein, dass ich sie liebe. Ich mag sie, das gebe ich zu, aber ich mag auch Rugge und küsse ihn deshalb nicht gleich.
Außerdem ist es völlig unmöglich mich in sie verliebt zu haben. Ich habe weder mit ihr gesprochen, noch habe ich die leiseste Spur von ihrem Aussehen. Man kann sich in niemanden verlieben, den man noch nie gesehen hat. Es ist vollkommen unmöglich.

Doch warum mache ich mir dann solche Gedanken um sie? Ich mache mir mittlerweile furchtbare Vorwürfe wegen meiner kleinen Lüge heute Morgen. Ich habe das Gefühl sie vergrault zu haben, sie verloren zu haben. Wenn ich nicht in sie verliebt bin, was ich nicht bin, warum setzt es mir dann so viel zu sie verlieren zu können? Das ergibt keinen Sinn.

Ich greife zu meinem Handy, welches neben mir liegt und gehe auf YouTube. Dort öffne ich ohne hinzusehen das erstbeste Video, das mir vorgeschlagen wird und lege das Handy wieder neben mich.

Loving can hurt
Loving can hurt sometimes
But it's the only thing
That I know

Höre ich es aus meinem Handy kommen. Sofort nehme es und schließe das Video wieder. Es war ja klar, dass genau so ein Lied kommt, was ich gerade absolut nicht gebrauchen kann.

Ich lege mein Handy wieder zur Seite, löse meinen Blick aber nicht von ihm. Ich hypnotisiere es genauso, wie ich den Baum auf dem Parkplatz hypnotisiert hatte.

Soll ich ihr schreiben? Ich würde, aber es wird einen Grund haben, warum sie sich nicht meldet. Allerdings möchte ich mit ihr schreiben, denn auf irgendeine Weise vermisse ich sie. Diesen Gedanken verwerfe ich aber sofort wieder. Trotzdem liebe ich ihren Humor.

Da war dieses Wort wieder... Liebe. Nein, nein, das geht nicht denke ich und schüttel meinen Kopf, als ob ich den Gedanken so vertreiben könnte.

Dann nehme ich mein Handy und öffne unseren Chat. Ich nehme all meinen Mut zusammen und fange an zu tippen.

"Hey, wie geht's dir?"

Kommt dabei zustande. Jetzt kann ich es nicht rückgängig machen. Ich weiß nicht, wieso es mich so viel Überwindung gekostet hat, aber jetzt kann ich es nicht mehr ungeschehen machen.

Ist sie real? - MichaentinaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt