Fünf

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Noch während die Mutter des Jungen etwas Panisches, Unverständliches rief, sprintete Scarlett schon hinterher und versuchte, den Kleinen zu erwischen.

Er war fast bei den Felsen. Die Köpfe der Wölfe schossen in die Höhe und ihre Blicke fixierten das Kind.

Glücklicherweise schienen sie ihn schon nach wenigen Sekunden als ungefährlich eingestuft zu haben und legten sich wieder hin.

Scarlett atmete schon erleichtert auf,  als der Junge kichernd zu der Wölfin Katy und ihrem Welpen rüberstolperte. Gar nicht gut.

Wie erwartet setzte sofort ihr mütterlicher Beschützer-Instinkt ein und sie fletschte die Zähne.

Erschrocken wich der Junge zurück. Katy knurrte laut. Scarlett näherte sich ihnen langsam und griff nach der Hand des Kindes, welches sich geschockt an sie klammerte.

Katy sah zu Scarlett. Sie wusste, dass von der Rangerin keine Gefahr ausging und hörte auf zu knurren, jedoch nicht, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen.

Dieser warf sich seiner Mutter heulend in die Arme. "Was zum Teufel war das?!", fuhr der Vater Scarlett an. "Unserem Sohn hätte Sohn sonst was passieren können!"

Scarlett fiel die Kinnlade runter. "Ich habe Ihnen am Anfang gesagt dass,-" "Sparen Sie sich Ihre Ausreden! Wir verklagen den Park und Sie!" Hatte der Kerl noch alle Tassen im Schrank?

"Hören Sie, Mr. Unsere Regeln besagen dasselbe. Wenn Ihre Kinder sich selbst oder andere in Gefahr begeben, sind Sie dafür verantwortlich!" Sie musste sich wirklich bemühen nicht laut zu werden.

Auch die anderen Teilnehmer der Führung sahen den Mann böse an, sagten aber nichts. Mit zusammengebissenen Zähnen brachte sie die Gruppe zum Center zurück. Natürlich verlangte der Idiot sofort, den Geschäftsführer zu sprechen ... Und macht ein verboten überraschtes Gesicht, als er den alten Andrew kommen sah.

"Ja?", fragte dieser den verdutzten Vater. Der Vater fing sich wieder und regte sich genauso wie zuvor über mangelnde Sicherheitsmaßnahmen und unfähiges Personal auf. Scarlett konnte schon gar nicht mehr zählen, wie oft sie ihm eine Ohrfeige verpassen wollte.

Allein schon wegen der Art, wie abfällig er über die Wölfe sprach. Unter anderem bezeichnete er sie als "tollwütige Köter" und "gefährliche Bestien". Zum Glück brachte das nicht nur sie zur Weißglut. 

Andrew wartete, bis er fertig war, erklärte ihm dann nochmal, dass das auf gar keinen Fall Scarletts Schuld war, und erteilte ihm lebenslanges Hausverbot. Die Sicherheit und Wertschätzung der Tiere war Andrew sehr wichtig. Wichtiger als alles andere. 

Vermutlich mochte Scarlett deshalb den alten Mann so sehr. Sie bewunderte ihn für seine Prinzipien. 

Auch die anderen Gäste gingen bald nach Hause und die Mitarbeiter bereiteten sich auf den Feierabend vor. 

Scarlett holte ihren Rucksack aus dem Spint im Pausenraum, verabschiedete sich von Riley und Andrew und trottete auf den Parkplatz. Am liebsten wäre sie zu Hause in der Badewanne versunken und hätte an nichts anderes mehr gedacht.

Aber sie hatte ihrer Grandma versprochen, dass sie nach der Arbeit nochmal vorbeischauen würde. Also stellte sie sich zur Bushaltestelle und im selben Moment erklang ein Donnern und Regentropfen prasselten auf die Straße. 

Seufzend starrte Scarlett auf ihre Armbanduhr. Noch zehn Minuten bis der Bus auftauchte. 

"Soll ich Sie mitnehmen?", fragte plötzlich jemand. Scarlett hatte gar nicht gemerkt, dass ein alter, grauer VW vor der Haltestelle stehengeblieben war. Alec saß darin und schaute sie abwartend an. 

Schon als Kind wurde einem eingeprägt, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen. Aber Scarlett war weder ein Kind, noch wollte sie erfrieren. Schließlich nickte sie dankbar und stieg auf der Beifahrerseite ein. 

"Danke.", sagte sie, während sie sich anschnallte. Alec lächelte. "Kein Problem. Wo soll ich Sie absetzten?" "Kennen Sie die Montrose Street?" Er nickte. Dann fuhr er los.

Regen klatschte gegen die Windschutzscheibe und übertönte beinahe das Radio, in dem irgendein Song aus den 90ern lief.

"Woher kommen Sie?", fragte Scarlett, um das Schweigen zu brechen. "Aus London. Bin aber vor zwei Jahren wegen des Jobs hergezogen. Was ist mit Ihnen?" "Ich bin hier geboren und aufgewachsen." 

"Das merkt man." "Wie bitte?" "Sie habe eine enge Bindung zu der Natur und den Tieren. Sie sind eindeutig kein Stadtkind." Scarlett war sich nicht sicher, ob das positiv oder negativ gemeint war. Sie beschloss, es als Kompliment zu betrachten. 

Rotkäppchen (Märchenadaption)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt