Kapitel 16

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Lucifer stand vordem Spiegel im Badezimmer und betrachtete seine eigene Reflexion. Dasschwarze Haar stand ihm lang und ungekämmt vom Kopf ab; dievioletten Augen waren von dunklen Ringen umgeben, die seine weißeHaut noch blasser wirken ließen; seine Finger waren unglaublichknochig und mager.

Sehr langsamkrempelte er seine Ärmel hoch und betrachtete die zahlreichen Narbenauf seinen Unterarmen. Der physische Schmerz war für ihn immerleichter auszuhalten gewesen als der psychische, doch Lucifer spürtetrotz seiner unglaublichen inneren Qualen kein Bedürfnis mehr, sichselbst Schmerzen zuzufügen.

Seine Wangen klebtennoch von den Tränen, die ihm Linderung verschafft hatten. Er würdeall seine Energie darauf konzentrieren müssen, Lilith zu schlagen,anstatt weiterhin Krieg gegen sich selbst zu führen.

Er wusch sich dasGesicht mit warmem Wasser. Nach dieser Schlacht würde er nicht aufden Thron zurückkehren. Vielleicht würde er Leviathan vorübergehenddie Leitung der Hölle übertragen, bis sich ein besserer Nachfolgergefunden hatte.

Für den Kampf gegenLilith würde er Kasdeya Elathan brauchen. Der Schwertdämon hörteauch im Himmel auf Lucifers Ruf, hatte er ihm zugesichert. Zum erstenMal fühlte der Höllenkönig sich, nur mit seinen Schwerterngerüstet, nackt und ungeschützt. Zwar hatte er Satan im Zweikampfbesiegen können, doch Lilith war keine faire Gegnerin.

Lucifer wollte nichtdarüber nachdenken, welche Macht diese Frau noch in sich trug. Eswiderstrebte ihm, Theliel mit dem Himmlischen Feuer den Vortritt zuüberlassen. Als ehrenhafter Soldat das Himmels scheute er keineAuseinandersetzungen.

Raphael klopfteleise an die Tür und riss den gefallenen Engel damit aus seinenÜberlegungen.

„Ich komme",rief Lucifer, glättete vergeblich sein Haar mit den Fingern und tratdann aus dem Badezimmer, wo er von Raphael erwartet wurde.

„Ich danke dir",murmelte der Höllenkönig. „Ich wünsche dir, dass du ebenfallsglücklich werden kannst. Auch ohne deine Brüder."

Den letzten Satzhätte er nicht sagen sollen. Der Heiler verzog das Gesicht, war aberzu höflich, um darauf zu antworten. Stattdessen begleitete erLucifer noch bis zur Tür, wo sich die beiden Männer mit knappenWorten voneinander verabschiedeten.

Lucifer fühlte sichgerüstet und gestärkt genug, um der Dämonenmutter gegenüber zutreten. Das Leben pulsierte durch seine Adern, ein Gefühl, das erlange vergessen hatte, bis es an diesem Nachmittag neu erwacht war.

Als er den Kopf inden Nacken legte, um das Abendrot, das über der himmlischen Stadtaufzog, zu bewundern, erhob sich eine leichte Brise. Der Windbescherte Lucifer eine Gänsehaut, die anhielt, bis er den hinter demTempel befindlichen Friedhof erreichte.

Nur noch eine Sachegab es zu klären.


Pachriel hatteTheliel freundlicherweise Gesellschaft geleistet, bis Lucifereintraf. Obwohl er sich äußerlich nicht verändert hatte, kam esTheliel vor, als würde er den gefallenen Engel zum ersten Mal sehen.In seinem blassen Gesicht lag ein Ausdruck zwischen Vorfreude undGrinsen; sein Gang war aufrechter, seine Schultern hatte er nachhinten genommen.

„Noch keine Spurvon Lilith?", fragte er aufgekratzt.

Theliel nickte undtauschte einen schnellen Blick mit Pachriel, die eine wachsameHaltung eingenommen hatte. Lucifers Anwesenheit schien sie nervös zumachen.

„Nein... wirwerden warten müssen."

„Vermutlich nichtlange", entgegnete Lucifer und betrachtete Michaels Grab. Ganzlangsam streckte er eine Hand aus, zögerte, legte sie aber dann aufden kalten Grabstein. Er tätschelte eine Kante, als würde erMichael selbst tätscheln, dann ruhten seine Hände wieder auf denSchwertgriffen.

„Du bist sehr wieMichael, aber trotzdem ganz anders", sagte er.

„Das habe ich inder letzten Zeit sehr häufig gehört." Theliel konnte Lucifer fürden Vergleich nicht böse sein.

„Ich bin übrigensPachriel", mischte sich die Thronenengelin in spitzem Tonfall ein.

Lucifer hob den Kopfund ließ seine violetten Augen über ihre Rüstung wandern, bevor ernickte.

„Thronenengel, wieich sehe. Das Aussehen der Rüstung hat sich in den letztenzweitausend Jahren kaum verändert. Nur diese Dinger an denFlügelansätzen sind neu."

Er deutete auf einStück Metall, das für jeden Soldaten individuell angefertigt werdenmusste, damit es an seine Flügelansätze passte. Die empfindlichenAnsätze wurden von einer für Angreifer besonders leicht zutreffenden Arterie durchzogen. Eine Verletzung an dieser Stelle aufdem Schlachtfeld bedeutete einen schnellen Tod. Sie zu schützen,ohne dabei die Beweglichkeit der Flügel einzuschränken, war eineHerausforderung gewesen.

„Ich werde Euchunterstützen", fügte Pachriel so entschlossen hinzu, als rechnesie mit Gegenwehr Lucifers, doch der Dämon zuckte nur mit denSchultern und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Grabstein.

Gedankenverlorenbeobachtete Theliel, wie die von den umliegenden Gebäuden geworfenenSchatten immer länger wurden, bis sich die Schwärze der Nacht überden Himmel zu senken begann. Pachriel entzündete einige Laternen,die dem abendlichen Grabmal einen gespenstischen Anstrich verliehen.

Theliel strecktesich und spürte, wie seine Schultern knackten. Eine sanfte Müdigkeitüberkam ihn in diesen frühen Abendstunden. Erst ein plötzlicherRuck, der durch Lucifers Körper lief, ließ ihn aufschrecken.

„Es kommt jemand",kündigte der Dämon an. Im Halbdunkel flammten seine roten Augen aufund ein metallisches Geräusch erklang, als er seine Schwerter zog.Pachriel klappte ihr Visier herunter, ergriff ihr Schwert mit beidenHänden und nahm einen breiten Stand ein.

Angespannt lauschtendie drei Wächter über Michaels Grab in die Dunkelheit. DieAnwesenheit des Himmlischen Feuers drängte sich Theliel immer mehrauf. Es erinnerte ihn an das Gefühl, das er kurz zuvor in der Näheder versiegelten Tür verspürt hatte.

Kies knirschte inder Dunkelheit, doch es waren keine schweren Schritte, die sichnäherten, vielmehr leichte Tapser. Sie klangen weder bedrohlich nochbeunruhigend. Von einer Sekunde auf die andere verstummten dieSchritte.

Theliel hob denKopf. Wenige Meter vor ihm stand ein kleines Mädchen mit blondenLocken und grauen Flügeln. Hinter ihr zeichneten sich die rotleuchtenden Augen einer erwachsenen Frau ab. Lilith und die Vanthwaren gekommen, um den Himmel zu vernichten.


LUCIFER - MorningstarGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt