9. Chapter

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Ich stand in einer Hütte. Um mich herum war es kühl und dunkel. Wie ein Nebel umhüllte mich die stickige Luft.

In der Nähe hörte ich leise Stimmen.

"Es darf nicht sein, Gydon. Du weißt, es ist verboten. Wir würden alle gehängt werden", flüsterte eine weibliche Stimme. Sie war der meiner Mutter zum verwechseln ähnlich, nur jünger.

"Ich weiß. Alve, ich kann doch auch nichts tun. Einer der Jungs wird die Fähigkeit geerbt haben. Wir können nichts machen außer ihn zu spiegeln. Zacra oder Cazac", erklang eine männliche Stimme.

Ich hörte die Frau scharf die Luft einziehen.

"Spiegeln? Wir sollen einen unserer Jungs spiegeln? Nein. Nein. Nein. Ich kann das nicht"

"Wir müssen. Aber wer hat geerbt? Zacra oder Cazac?"

"Ich weiß es nicht. Ich... Gydon, ich..." Ein leises Schluchzen ertönte und ich wusste, dass meine Mom weinte. Ich wollte zu ihr gehen, ihr sagen, dass sie die richtige Wahl treffen würde, doch ich wusste nicht, wohin. Die Stimmen prallten mehrfach von den Wänden ab, sodass es keine Möglichkeit für mich gab, Alve und Gydon zu finden.

"Cazac's Augen. Sie deuten auf das Erbe hin. Sieh nur, seine Iris ist vollkommen schwarz. Zacra's Augen dagegen dunkelblau. Cazac muss der Erbe sein!"

"Dann... dann gib ihn den Spiegeln. Ich kann das nicht"

Ein Baby fing an zu schreien. Hoch und schrill. Das musste mein Bruder sein. Und ich konnte fühlen, dass er leidete. Ich konnte fühlen, wie sich sein kleines unschuldiges Herz fest zusammen zog und verkrampfte. Ich konnte fühlen, wie seine Lunge nach Atem schrie. Ich konnte fühlen, wie seine Augen brannten.

All die Schmerzen kehrten in diesem Moment in mir wider, das Bruderband zwischen uns ließ unser Herz im gleichen Takt um Blut kämpfen. Doch das Herz meines Bruders wurde schwächer und unregelmäßiger. Und dann blieb es stehen. Endgültig.

Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf. Die Stille in meinem Kopf erdrückte mich. Kein Herzschlag meines Bruders. Kein Atem meines Bruders. Als ob er nie da gewesen war.

Ich setzte mich auf und fuhr mir mit der Hand über die Augen. Meine Haut war heiß und verschwitzt. Ich nahm die Hände weg und sah mich um. Ich befand mich in einem kleinen Zimmer, einfach nur weiß, keine Fenster, nur eine Stahltür und ein verdreckter Spiegel.

Ich schwang meine Füße aus dem Bett. Wie lange hatte ich geschlafen? Und weshalb war ich hier und nicht in dem Barocken Tanzsaal?

Ich trug nur meine Jeans. Mein Oberkörper fror, doch ich ignorierte es und stand auf. Der Boden war eiskalt unter meinen Füßen.

Mich fröstelte es.

Ich schwankte auf die Tür zu und drückte die Klinke herunter. Verschlossen.

"Hey, was soll das? Aufmachen!", knurrte ich. Nichts regte sich.

"Mom? Sag denen, die sollen die Tür aufmachen!"

Wieder blieb es still.

Ich drehte mich um und ging im Zimmer umher.

Warum zur Hölle ließen die mich nicht raus? Was hatte ich getan? Ich war doch nicht der einzige Raven! Mein Dad war ja auch noch da gewesen!

Ich ging rüber zu dem Spiegel und sah hinein.

Müde Augenringe prangten unter meinen Augen und mein Haar hing tot von meinem Kopf. Meine dunkelblauen Augen hatten ein wütendes Glitzern und meine Lippen sahen blass, rissig und ungesund aus. Ich musste schon mehrere Tag nichts mehr gegessen oder getrunken haben.

Ich lehnte mich gegen die Wand. Langsam fing mein Kopf an zu pochen und mein Bauch an zu knurren.

"Mom, Mister Glassou, holen Sie mich hier raus!", brüllte ich, doch wieder hallte das Echo noch kurz und es blieb still.

Ich ließ mich an der Wand herunter sinken und starrte auf die weiße Wand. Und die Zeit verging.

Ich starrte nur auf die verstörend weiße Wand. Als meine Beine eingeschlafen waren, stand ich auf und hielt meine Fingerspitzen gegen die Wand. Dann schlich ich sie mit ausgestrecktem Arm entlang. Meine Finger strichen sanft über den Putz und spürten bald eine riesige Unebenheit.

Ich stutzte und sah zu meinen Fingern. Es war eine dichte Kerbe in der Wand. Ich sah es mir genauer an. Es waren fünf Kerben, recht nah an einander. Ich legte meine Finger in sie und fuhr sie von oben bis unten nach. Sie passten sich gut an meine Hand an.

Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke. Das musste eine Hand gewesen sein, diese Kerben waren genau die Form einer Hand! Ich drückte mich erschrocken von der Wand weg und sah zu den Anderen drein. Auch dort konnte ich jetzt tiefe und lange Krallenspuren sehen.

In diesem Raum musste eine ziemlich wütende Person gewesen sein.

Ich bekam Angst. War die Person depressiv geworden? Wurde ich auch depressiv?

Ich drehte mich zur Tür und schlug dagegen. "Lasst mich raus! Hallo, lasst mich raus!"

"Sie werden dich nicht raus lassen.", erklang eine gelassene Stimme in meinem Rücken. Das war meine Stimme! Das war doch unmöglich.

Ich drehte mich um und sah in den leeren Raum. "Wer ist da?"

Panisch drückte ich mich gegen die Wand. Doch wieder war da nur diese Stille. Mein Herz raste panisch und mein wirres Haar klebte an meinem Kopf.

War das alles nur Halluzination?

Ich machte einen zögelichen Schritt in den Raum und sah mich wieder um. Nichts.

Als nach einer halben Ewigkeit immer noch Stille herrschte, untersuchte ich das Bett, fand aber nichts. Ich ging wieder zu dem Spiegel.

Ich musst verdammt ängstlich und nervös aussehen. Doch mein Spiegelbild sah vollkommen normal, wenn nicht sogar gelassen aus. Meine Augen hatte einen tiefen schwarzen Ton angenommen und blickten mich durchdringend an.

So sah ich aus?

Ungläubig blickte ich in den Spiegel.

"Jetzt glotz nicht so. Ich seh doch genau so aus wie du, Zacra!"

Ich zuckte zurück. Mein Spiegelbild hatte die Lippen bewegt und gesprochen und ich hatte rein gar nichts gemacht!

"Jetzt komm schon, du wirst doch deinen Bruder erkennen! Cazac? Schon vergessen? Ich bin dein unschuldiger, auf ewig in den Spiegeln verbannter Zwillingsbruder!"

Ich stockte. Nein. Nein, das konnte nicht sein! Mein Bruder war tot, er war schon seit seiner Geburt nicht bei mir. Er kannte mich nicht und das waren alles nur Halluzinationen. Nichts war echt. Ich wurde verrückt.

"ZAcra? Alles okay bei dir?"

Nein, es war echt. Cazac existierte wirklich!

Biester - RavenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt