"Wir schicken dich an den Ort, an den du gehörst. Ruhe deine Seele aus und freue dich auf dein ewiges Leben, du junge Seele, die durch die Hand des Bösen ausgenutzt wurde. Ruhe in Frieden.", der Priester, der seine Blut befleckte Kleidung durch eine neue, raue Kutte gewechselt hatte, schlug sein Buch mit dem Zeichen seines Gottes zu und drückte sie sich an die Brust. Er vollführte den Gottessegen und beobachtete die geschrumpfte Familie. Diese sah ein letztes Mal in das Loch hinab, in dem ihr ehemaliger Vater und Ehemann lag. Von irgendwoher waren einige Vasen mit hellen Rosen aufgetaucht, die den Bereich säumten. Auch Kerzen und Kränze lagen daneben. Zwei, drei Familien aus den umliegenden Häusern waren dazugekommen, da sie die Schreie gehörten hatten und grausamerweise richtig geschlussfolgert hatten, dass bald eine Beerdigung anstehen würde.
Die Sonne tauchte dieses traurige, unerwartete Spektakel in einen roten Filter und hinterließ ein warmes Gefühl auf der Haut jedes Anwesenden, trotzdessen hüllte sich jeder in seine Kleider und die Frauen zogen ihre Kopftücher etwas fester.
Benjaka und ihre Freunde standen etwas abseits. Alle waren noch aufgewühlt, aber im Moment wollten sie diesem Opfer den letzten Respekt erweisen.
Jakob. Das war sein Name gewesen, hatte Teniel zuvor erfahren, als er einige Zeit mit dem Hausmädchen gesprochen hatte, die vor lauter Aufregung erst nach und nach in der Lage war klare Sätze zu formulieren.
Während sie dort standen, dachte Sadun nach. Er hatte seine Hände wieder in den Ärmeln seines dunkelgrünen Mantels versteckt und versuchte zu verstehen, was hinter der Botschaft des Dämons steckte. Aus dem Augenwinkel bemerkte er aber, dass Teniel Benjaka mit einer Kopfbewegung aufforderte jetzt zu gehen. Dagegen hatte Sadun nichts, sie hätten schon lange unterwegs sein sollen, obwohl er es auch genoss - zwar war die Stimmung gerade nicht die schönste, dachte er leicht erheitert, aber diese Ruhe mochte er. Die Ruhe vor dem Sturm, überlegte er.Mit einer kurzen Verbeugung verabschiedeten sie sich bei der Familie und dem Priester, ohne auf die Danksagungen und die Segensaussprüche zu hören, die ihnen überschwänglichst entgegen gebracht wurden.
Zeitgleich donnerte es vor den Mauern des Klosters der weißen Lilie. Im Inneren des Klosters war es kalt, die Steinwände leicht nass und selbst die Kerzen an den Wänden verliehen dem Ganzen einen eher geisterhaften Schein, statt die Atmosphäre wärmer zu machen.
Ein junges Mädchen, gerade erst 16 Jahre jung, verließ zitternd den Gebetsraum, während sie versuchte sich ihr Gewand fester um den Körper zu schlingen und die Gedanken in ihrem Kopf zu ordnen. Draußen donnerte es erneut. Sie lauschte kurz dem Regen, der hart gegen die Scheiben prasselte. Doch dann zuckte ihr Körper zusammen, sie erschauderte und, ohne darüber nachzudenken, begannen ihre Beine sich in Bewegung zu setzen. Sie lief so schnell es ging, während sie ihre Kopfbedeckung festhielt und die Tränen zurückdrängte. Sie wollte nicht hier und jetzt zu weinen beginnen.
Ihre Füße führten sie durch die Gänge und Flure, bis hin zu den Schlafsälen, wo sie ihre Schritte verlangsamte, um niemanden zu wecken. Leise schlich sie sich mit geducktem Blick und zuckenden Schultern an den Räumen vorbei, bis sie bei einer kleinen Kammer innehielt. Die Klinke ließ sich zittrig herunterdrücken und Margaretha trat in das Zimmerchen, wo sie sich gleich auf die Knie fallen ließ und die Tränen ihre Wangen benetzten. Ihre Kopfbedeckung rutschte herab, sodass ihre blonden Haare zu sehen waren.
Er mochte sie, dachte sie. Er mochte diese Haare. Was hatte er gesagt? Du siehst damit so weiblich und schön aus, anders als die alten Weiber, nicht? Das hatte er ihr zugeflüstert, während seine Hand auf ihrem Knie lag und langsam unter ihren Rock rutschte.
Ihr Geist hatte sich dagegen gesträubt, aber sie war wie festgefroren einfach nur dort gesessen. Dieser Dämon hatte sich in ihren Geist gedrängt und ihr befohlen, ihr Denken ihm zu überlassen.
Margaretha wünschte sich, ihren Körper mit Weihwasser überschütten und waschen zu können, während sie fieberhaft begann Gebete auszusprechen. Ihre Stimme klang dabei gebrechlich und ihre Knöchel wurden weiß, da sie ihre Hände zu fest ineinander verschränkt hatte. Ohne es zu bemerken war jemand hinter sie getreten und sie erschrak, als Ropa ihre Hand auf Margarethas Schulter legte.
"Mein liebes Kind, was hat deinen Geist befallen, dass du um so eine Uhrzeit weinend betest?", Ropa sah besorgt auf das zitternde Mädchen vor ihren Beinen. Langsam zog sie sie zu sich auf die Beine, um ihr die alte, faltige Hand auf die Stirn zu legen. Margaretha war so perplex, dass sie es einfach geschehen ließ, und genoss für einen kurzen Augenblick die Wärme, die diese Ordensschwester ausstrahlte. "Fieber hast du dir wohl nicht eingefangen, aber du zitterst so stark, Margaretha."Ropa hatte im Gegensatz zu Margaretha bereits ihr Schlafgewand an und trug ihre Haare unbedeckt in einem geflochteten, langen Zopf. Ihre müden Augen suchten scheinbar nach einem Grund, sahen aber nur ein verwirrtes, junges Mädchen. Margaretha war etwas größer als Ropa, gerade fühlte sie sich aber sehr klein. Ihre Kleider lagen schief und ihr Haar schien zerzaust, genau wie ihre Gedanken. Während sie noch überlegte, begann ihr Mund bereits und sie hörte ihre zitternde Stimme sagen: "Ropa... Ich habe schreckliches getan. Ich habe es zugelassen und ich kann es nicht rückgängig machen. Oh Ropa, ich bin..." Ihre Augen füllten sich neu mit Tränen und ihre Hände schlossen sich um ihre Halskette, die das Zeichen ihres Gottes als Anhänger besaß.
Ropas Augen verengten sich, aber sie begriff nicht. Sie setzte sich auf das schmale Bett, zog Margaretha neben sich und schloss die schlanken Hände des jungen Mädchens in ihre. "Liebes, sag mir, was hast du getan, was hast du zugelassen? Und wo warst du denn? Du solltest schon lange hier in deinem Bett sein. Wenn dich die Mutter Oberin gesehen oder gehört hätte, säßest du jetzt schon vor der Tür. Und das bei diesem schrecklichen Regen."
Kaum hatte Ropa die Mutter Oberin angesprochen, riss Margaretha die Augen auf und lief rot an: "Heilige Mutter Gottes, wenn die Oberin das erfährt - ", gedankenverloren starrte Margaretha plötzlich einen Punkt in der Ferne an, bis sie fortfuhr, "Schwester Ropa, Ihr müsst mir helfen. Ich bitte Euch: Macht es ungeschehen. Dreht die Zeit zurück!" Margaretha sprang auf und lief in dem kleinen Zimmer auf und ab. Ropa im Gegensatz saß dort und betrachtete das junge Mädchen.
Noch nie hatte sie Margaretha so gesehen, aber langsam dämmerte ihr etwas: "Du warst im Gebetssaal, richtig?"
Margaretha blieb augenblicklich stehen, schluckte und nickte langsam.
"Du warst dort nicht alleine.", sagte Ropa leise. "Dort war noch jemand."
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Rattenjagd
FantasiBenjaka und ihre Zwillingsschwester Lillibeth werden in ihrer Kindheit von einem Dämon heimgesucht, der sie von ihrer Familie trennt. Nach Jahren der Trennung erfährt Benjaka, dass der Dämon namens Ly immer noch sein Unwesen in der Welt der Menschen...