Aus der Sicht von Schotiji
Was war seit einiger Zeit nur mit diesem Mädchen los? Ich unterdrückte ein Seufzen.
,,Tialda. So geht das doch nicht."
Sie zuckte zusammen und wich etwas zurück, als ich mich neben sie stellte und ihr den Brotteig abnahm. Einen Teig musste man behandeln wie man ein Kind behandeln würde. Mit fester Hand, aber liebevoll! Doch Tialda quetschte ihn bloß zwischen den Fingern, ohne Sinn und Zweck. Bei dem Anblick sträubte es sich in mir.
,,Schau zu."
Ich machte es ihr vor und sah ihr über die Schulter, als sie es erneut versuchte. Ihre Finger zitterten. Sie übten kaum Druck aus. So wurde das nichts!
,,Geh du das Hähnchen im Ofen bewachen. Ich mach das," wies ich sie an. Tialda nickte, eingeschüchtert und erleichtert und ging schnellen Schrittes hinüber zum Ofen. Vorsichtig widmete ich mich dem Teig. Er war bereits verloren. Wenn man ihn zu lange knetete wurde er klebrig und die Brote wurden nach dem Backen nicht fluffig. Tialda hatte ihn schon viel zu lange bearbeitet. Ärger kochte in mir hoch.
Von Anfang an hätte ich ihn selber machen sollen, dachte ich gereizt, während ich versuchte zu retten was zu retten war. Kurz spielte ich mit dem Gedanken einfach neuen Teig anzusetzen, ihn perfekt zu machen, doch unter den richtigen Handgriffen kooperierte die Masse schließlich und wurde fest und glatt. Ich rollte Fladen daraus, alle so rund und ebenmäßig wie möglich. Mein Herz klopfte. Ich wollte, dass sie perfekt wurden, so wie ich wollte, dass jedes Essen jedes Tages perfekt wurde, und Perfektion fand sich in den Details. ,,Tialda. Streich sie mit Butter ein, der Salzigen, und tu sie in den Ofen."
Ein Nicken. Warum war sie so schweigsam? Es ging schon seit einigen Tagen so, dass sie kaum mehr den Mund öffnete. Am Anfang hatte sie gern geredet. Ob sie mir immer noch die Anschuldigungen vorwarf, die ich ihr unterstellt hatte?
Ich rührte den Reis um, der noch ein paar Minuten brauchen würde, während meine Gedanken rasten. Sie müsste es auch einmal aus meinem Blickwinkel betrachten, ich hatte einen logischen Schluss gezogen, dachte ich trotzig. Tialda war ein ungewöhnlich schönes Mädchen und jeder wusste das man schönen Mädchen nicht trauen kann, denn ihre Herzen sind nicht schön, ihre Intentionen sind giftig. Sie nutzen die Geschenke aus, die die Natur ihnen gab, um die Hässlichkeit ihres Inneren auszugleichen. Sie benutzen es, um mit ihrer Macht über Männer das zu bekommen was sie wollen. Zwei Frauen von dieser Sorte hatten schon all zu lange unter diesem Dach verweilt und die Gunst des lieben, treuseligen Herren ausgenutzt. Ich ließ den Kopf hängen. Warum sah er es denn nicht? Warum sah er nicht, wie falsch sie gewesen war? Und warum sah er mich nicht? Nein, in diese Richtung durfte ich nicht denken. Ich riss mich zusammen. Die Zauberin hatte gesagt, ich durfte nicht negativ über mich und meine Person denken, damit der Liebeszauber wirkte. Ich durfte nicht denken, dass es unmöglich war, oder dass er mich nicht sah. Ich musste hoffnungvoll und mit einem offenen Herzen bleiben.
Konzentriert begann ich den Nachtisch vorzubereiten, süßen Pudding aus Grieß mit kleingeschnittenem Obst. Der Herr mochte am liebsten Weintrauben, zu kleinen Seerosen geschnitten. Das wusste ich durch die Art, wie sich seine wunderschönen, traurigen Augen aufhellten, sobald er den Teller mit ihnen sah. Die Art, wie er jedes Mal zuerst zu ihnen griff, bevor er den Rest auf dem Tisch überhaupt wahrgenommen hatte und die Art wie er sie langsam kaute und den Geschmack genoß.
Meine Mutter hatte immer gesagt: ,,Das Herz eines Mannes liegt in seinem Magen, wenn du nur gut genug für ihn kochst, kannst du es auf seine Zunge locken und er wird dir seine Liebe gestehen." Als kleines Kind hatte ich mich immer gefragt, ob sie für Vater nicht gut genug gekocht hatte, ob er sie deshalb schlug und anschrie. Das hatte ich mir damals nicht vorstellen können, denn Mutter war doch die beste Köchin der Welt. Heute wusste ich es besser, doch das Kind lebte immer noch in mir.
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Tialda
Historical FictionDas junge Mädchen Tialda wird als Sklavin genommen, als das Volk der Dunja ihre Provinz erobert. Durch einige Umwege landet sie schließlich in dem Haushalt eines reichen Mannes, dessen zweite Frau entführt und unter mysteriösen Umständen getötet wor...
