Das Lied des sprechenden Huts war so langweilig wie eh und je, nur die Erstklässler wirkten dieses Jahr noch kleiner als letztes Jahr. Manche sahen so verängstigt aus, dass man meinen könnte, ihnen stünde ein Duell mit dreiköpfigen Drachen bevor. Andere wiederum konnten sich vor Anspannung und Aufregung kaum am Boden halten. Und dann gab es noch diejenigen, die extra gelassen und so aussahen, als würde sie das Ganze nichts angehen. Ich hatte zu letzterer Sorte gehört, keine Regung hatte ich gezeigt, als mein Name aufgerufen worden war und an den Tischen leises Geflüster zu vernehmen war. Lestrange. Auch wenn sich die Politik in der Zaubererwelt langsam zu ändern schien, vor allem, seitdem auch Schlammblüter in Hogwarts zugelassen waren, so trugen bestimmte Familiennamen immer noch ein gewisses Gewicht mit sich. Genau dieses Gewicht lastete auf den Schultern meines elfjährigen Ichs. Schwer. Erdrückend. Unablegbar.
Innerlich hatten meine Gefühle getobt. Schreckliches stand mir bevor, sollte der Hut das falsche Haus für mich aussuchen. Und alle anderen drei Häuser wären die falschen. Andererseits würde es bedeuten, dass ich vielleicht so wenigstens in der Schule von den Malfoys, Blacks und Notts etwas mehr Auszeit bekommen könnte. Diese Vorstellung hatte durchaus etwas Verlockendes an sich.
Als der Hut schließlich meinen Kopf berührte, hätte ich mich am liebsten übergeben. Oh, eine Lestrange, hatte er in meinem Kopf gesagt. Du machst dir Sorgen, deiner Familie nicht würdig zu sein. Ein mir altbekanntes Problem. So viele Erben von Familien wie deiner plagen sich damit. So manche ihr ganzes Leben lang. Heißt das, dein Herz fürchtet, kein Slytherin zu sein, wie all deine Ahnen? Du bist unsicher, das kann ich sehen, Kind. Du denkst, du hast vielleicht nicht was es erfordert, um eine wahre Slytherin zu sein. Du hast ein verwirrendes Herz, das schon früh geschunden worden ist. Es kann sich nicht entscheiden, ob es sich öffnen möchte oder nicht. Du bist äußerst klug, Ravenclaw könnte durchaus in Frage kommen. Doch ich sehe, du bist auch bereit alles zu opfern, um deinen Willen durchzusetzen. Du lässt dir nicht in die Karten sehen. Du erspürst leicht, was dein Gegenübers Begierden, was seine Ängste sind und weißt diese geschickt für dich zunutze zu machen. Du hast einen sehr ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb. Wenn du mich fragst, dann ist es doch sehr eindeutig, Mädchen. "Slytherin!"
Ich erinnerte mich noch, dass sich für einen Augenblick Enttäuschung in mir breit gemacht hatte. Vielleicht hatte ich ja doch irgendwie gehofft, dass mein Weg in Hogwarts ein anderer sein würde als dieser von Anfang an vorgezeichnete Weg. Oder eher, dass ich vielleicht doch jemand anderes sein würde? Schon als elfjähriges Mädchen hatte ich es gespürt. Dass meine Familie alles andere als herzensguten Menschen waren, dass sie nicht unbedingt die richtigen Entscheidungen trafen.
Und nun war ich im fünften Jahr Slytherin und konnte mir kein anderes Haus für mich vorstellen. Das lag nicht daran, dass ich mich in Slytherin wohl fühlte oder mich meine Zugehörigkeit zu Slytherin mit irrationalen Stolz versetzte. Es war mir egal, ob "wir" den Hauspokal gewannen oder im Quidditch als Sieger vom Platz gingen. Nichts könnte mich weniger interessieren. Es war einfach so, dass die anderen Häuser noch weniger zu mir gepasst hätten und es gab in Hogwarts schließlich keinen Ort, zu dem die Unpassenden geschickt wurden.
Nach dem Mahl musste ich die Erstklässler in den Slytheringemeinschaftsraum führen. Dieses Vertrauensschülerdasein ging mir jetzt schon ziemlich auf die Nerven. Das Gute war, dass Malfoy auch nicht gerade so aussah als hätte er Spaß bei der Sache. Obwohl ich unauffällig zu den Hufflepuffs hinübergelinst hatte, hatte ich Newt nicht mehr zu Gesicht bekommen. Mittlerweile tat es mir fast schon leid, so harsch zu ihm gewesen zu sein. Newt hatte so eine Wirkung auf mich. Erst verärgerte er mich, ich sah mich gezwungen ihn zurecht zu weisen und danach bereute ich es. So etwas löste nur er in mir aus. Was mochte das wohl bedeuten?
Als ich den Schlafsaal betrat, waren die Mädchen schon in einem Gespräch vertieft. Ich beachtete sie nicht weiter und ließ mich vor einem der Schminktischchen nieder. Mein Blick begegnete mir im Spiegel. Ich wirkte müde. Wirklich, wirklich müde.
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A Taker (Newt Scamander)
Fanfiction"Sie hat nur genommen, du brauchst jemanden, der gibt." Newt Scamander kann nicht aufhören über diese Worte nachzudenken. So wandern seine Gedanken zurück, zu seiner Zeit in Hogwarts. Er denkt an sie, an Leta Lestrange. Dieses unglaubliche Slytheri...
