1921, Istanbul
Liebe Leta,
meine Bowtruckles sind gerade außerordentlich frech. Jetzt lachst du wahrscheinlich, denn, welcher Bowtruckle ist schon nicht frech? Es gehört praktisch zu ihrer Natur als Baumbewohner, frech zu sein. Damit hast du vermutlich auch recht, es gibt aber eben die Bowtruckles, die einfach charakterlich frech sind und dann gibt es die Male, wenn sie aufs Ganze gehen und zu ihren Abwehrmethoden greifen, wie z.B. beißen, spucken und kratzen und dann sind sie, wie gesagt, nunmal außerordentlich frech.
Naja, dieses Stadium haben jedenfalls gerade meine Bowtruckles ergriffen. Ich weiß, ich müsste lernen strenger mit ihnen zu sein, aber wie du weißt, können sie nicht nur außerordentlich frech sein, sondern auch außerordentlich unschuldig gucken.
Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Ein Bowtruckle hat mich heute Morgen gebissen, als ich ihm weitere Läuse verwehrt habe (er hatte schon weit mehr als vorgesehen gehabt). Der Biss war nicht weiter schlimm, denn er hat zum Glück nicht allzu fest zugebissen. Trotzdem habe ich meine Hand vorsorglich behandelt, ich reise morgen weiter nach Griechenland, um den Chimära etwas näher zu erforschen. Falls du es noch nicht wissen sollest, ist der Chimära ein griechisches Monster, das eine Mischung aus Löwe, Ziege und Drache darstellt, es gilt als heimtückisch und gefährlich, aber, ganz unter uns, das hat mich auch nicht zuvor aufgehalten. Wie auch immer, ich muss guter Verfassung sein, wenn ich diese Forschung antrete und kann mir keinerlei körperliche Defizite leisten.
Als ich also meine Wunde behandelt habe, musste ich an dich denken. Manchmal finde ich es echt absurd, was mich alles dazu bewegen kann, meine Gedanken um dich zu kreisen. Manchmal sind es so Sachen wie Kürbissuppe - eins deiner Leibgerichte, dann wieder der Sportteil im Tagespropheten - "Als ob man nicht schon genug Quidditch um sich hätte!", wobei ich dir übrigens auch immer zugestimmt habe.
Und naja, heute eben ein Bowtruckle-Biss.
Ich werde den Tag nie vergessen, an dem ich wie üblich nach der letzten Schulstunde, ich glaub, es war Wahrsagen, noch eine kleine Runde spazieren ging. Eigentlich hätte ich eine große Runde gebraucht, um das Geschehene zu verarbeiten. Leta Lestrange...du hattest einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich konnte nicht recht sagen, was genau es war. War es deine Art gewesen, wie du versucht hast dein Interesse zu verleugnen? Das hattest du nämlich, zumindest hab ich mir das damals eingebildet. Dass du neugierig deine Stirn gerunzelt hast, als du dich zum ersten Mal dem Bowtruckle gegenüber sahst. Kritische Neugierde, als ob du noch nicht wüsstest, ob das Geschöpf deine Aufmerksamkeit auch wirklich wert war. Und ja, ich glaub da schon hast du es mir angetan.
Weißt du, jeder kann aus Höflichkeit, Neugierde vortäuschen. Ich bin in meinem Leben vielen Leuten begegnet, die sich eigentlich nicht für meine Arbeit und meine Geschöpfe interessierten, doch das Gegenteil behaupteten. Aber nicht du, Leta. Von Anfang an nicht, du hast entschieden, dass die Bowtruckles deine kostbare Aufmerksamkeit wert waren und später auch, aus mir unerklärlichen Gründen, zu wundervoll um wahr zu sein, dass auch ich sie wert war.
Doch an jenem Tag, da zerbrach sich mein 13-Jähriger Kopf bei dem Gedanken, ob du nun böse auf die Bowtruckles warst oder sie dir doch ganz vielleicht gefallen hatten.
Dann standest du plötzlich wieder vor mir. Deine schwarzen Haare im Wind wehend, die Augenbrauen zusammen gekraust. Deine Augen haben gefunkelt. "Scamander,", hast du in einem scharfen, befehlerischen Ton gesagt, den nur echte Slytherins perfekt über die Bühne bringen. "du musst mir bei etwas helfen." Du musst, wenn ich jetzt daran zurück denke, muss ich lächeln. Besonders gut um Hilfe bitten hast du nie wirklich gelernt. Vermutlich bin ich damals zusammengezuckt. "Woher wusstest du, wo ich war?", hab ich gestammelt und du? Statt mir zu antworten, hast du bloß deinen Umhang am Arm hochgezogen. "Kannst du das heilen?" Ich schluckte hart. Nicht nur deine Hand sah böse aus, sondern auch weite Teile deines Arms. Der Infekt schien sich ausgebreitet zu haben. "Wieso ich? Du musst damit zum Krankenflügel!"
Du verdrehtest bloß die Augen, bereits ungeduldig, weil ich nicht sofort deinem Befehl nachkam. Ich muss schon sagen Leta, vor allem am Anfang warst du eigentlich kein besonders netter Mensch. Du warst es gewohnt, dass man auf dich hörte, du warst es gewohnt, zu bekommen, was du wolltest. Man hatte es dir nicht anders beigebracht. "Das kommt nicht in Frage, kannst du es nun heilen oder nicht?"
Und ja, auch ich habe dir oft gegeben, was du wolltest. Vielleicht zu oft. Hätte ich das ein oder andere Mal Nein zu dir gesagt, Leta, vielleicht bräuchte ich dir dann nicht diesen Brief schreiben, den ich dir eh nicht schicken werde. Vielleicht wärst du dann sogar hier bei mir? Vielleicht.
Aber dieses Ja damals, das bereue ich nicht. Es hat nämlich "Uns" in den Weg geleitet. Das wunderbare Uns bestehend aus Leta Lestrange und Newt Scamander. Wir allein gegen den Rest der Welt. Der Gedanke, dass ein böser Bowtruckle-Biss sowas bewirken kann, macht das Ganze umso mehr passend, findest du nicht?
Dabei war es kein schöner Anblick, als ich dich zu meinem Versteck leitete. Eine einsame kleine Hütte am Waldrand. Zunächst zeigtest du dich natürlich unbeeindruckt, vielleicht haben dich aber die Schmerzen, die du ganz sicher hattest, auch bloß zu sehr abgelenkt. Auch wenn du verbissen versuchtest, es dir nicht anmerken zu lassen. Ich hab meine gesammelten Kräuter genommen und mit einem einfachen Zauber mit der Salbe zusammengetan, die ich in der zweiten Klasse selbst entwickelt hatte. Nun wurdest du doch skeptisch. "Du bist sicher, dass das funktioniert? Denn wenn nicht, Scamander..." Selbstbewusster als ich eigentlich war, nickte ich. "Ich wurde schon tausend Male von Bowtruckles gebissen und bin immer ganz gut damit zurecht gekommen." Eingehend, ob ich deinen Blick auch standhalten konnte, sahst du mich noch einmal an, bis du mir die Erlaubnis gabst, deinen Arm zu berühren. Vorsichtig rieb ich die Salbe ein. Aus eigener Erfahrung wusste ich, wie höllisch das brannte, doch du bliebst still. Die Gefühllose, nannten sie dich manchmal in der Schule und du schienst jedes Mal die Möglichkeit zu ergreifen, diesem Namen gerecht zu werden.
Jedenfalls, einige Minuten später, begann die Salbe langsam mit ihrer Wirkung, dein Arm färbte sich allmählich wieder zurück. Ich sah das Erstaunen in deinen Augen, ein Teil von dir, hatte mir wohl nicht vertraut, dass ich wirklich helfen konnte. Doch statt dich zu bedanken, fragtest du: "Wieso kennst du dich mit diesem Kram aus?" Etwas verlegen, antwortete ich "Ich hab mich schon länger mit den Bowtruckles bei mir Zuhause beschäftigt." Verdammt, Scamander!, hab ich damals gedacht. Jetzt wird sie dich noch mehr für einen Freak halten, genau wie alle anderen. Aber du hast dich nicht darüber lustig gemacht. Du hast nur die schönsten Wörter, die in dem Moment aus deinem Mund hätten kommen, gesagt: "Erzähl mir mehr davon." Und das habe ich dann.
Bis heute weiß ich nicht, wie du mich damals gefunden hast. Ich habe auch nie gefragt, wie sehr du dir auf die Lippen beißen musstest, um den Schmerz vor mir zu verstecken. Oder wieso du dich so vehement geweigert hast, zum Krankenflügel zu gehen und dich stattdessen von einem durchschnittlichen Drittklässler hast behandeln lassen. Es ist ja auch nicht mehr wichtig. Vom Biss war fünf Wochen später nichtmal mehr eine Narbe zu sehen. Obwohl das, lass mich ehrlich sein, nichts zu sagen hat. Denn die Narbe, die du mir gelassen hast, Leta, ist auch nicht mehr sichtbar. Dabei ist und bleibt sie die schmerzvollste Narbe, die ich habe.
In Liebe,
Dein Newt
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Hallo :)
Wie hat euch diese Erzählweise über Briefform gefallen? Würde sie nämlich ganz gern ab und zu einbauen, damit auch Newts "heutige" Sicht drankommt ^^
Würde mich sehr über einen Vote und/oder einem Kommentar freuen, wenn euch die Story bis jetzt gefällt 🙈Lasst es euch gut gehen!
LG❤️
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A Taker (Newt Scamander)
Hayran Kurgu"Sie hat nur genommen, du brauchst jemanden, der gibt." Newt Scamander kann nicht aufhören über diese Worte nachzudenken. So wandern seine Gedanken zurück, zu seiner Zeit in Hogwarts. Er denkt an sie, an Leta Lestrange. Dieses unglaubliche Slytheri...
