In the woods

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Es gab diese Freundschaften, die niemand für möglich gehalten hätte. Diese, bei denen die Persönlichkeiten scheinbar nicht  unterschiedlicher sein könnten, wo die Konstellation einfach zu surreal schien. Das waren meistens dann auch die Freundschaften, bei denen man später zurück schaute, den Kopf schüttelte und  nicht mehr wirklich sagen konnte, wie es denn dazu überhaupt gekommen war. Gerade jene Freundschaften hielten für immer, so sagte man zumindest. 

Newts und Letas Freundschaft entstand nicht über Nacht. Sie kam schleichend, sie hatte von Anfang an Hindernisse zu überwinden. Vielleicht lag es daran, dass Leta Lestrange es nicht gewohnt war, nett zu Menschen zu sein, oder es gewohnt war, überhaupt einen Menschen zu mögen. Und Newt? Er war es nicht gewohnt lange Zeit mit jemand anderem zu verbringen. Er hatte nichts gegen Menschen, doch sie machten ihn einfach meistens nervös und unsicher. Bei den Tierwesen fühlte er sich viel wohler. Und doch nahm er Leta mit in den Wald. 

Wie verabredet, stand sie am Waldrand und wartete bereits auf ihn. Sie hatte einen Slytherinschal umgebunden und eine dunkelfarbige Mütze. Newt ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie eigentlich zu edel aussah, um einen wuchernden Wald zu erkunden. Andererseits hatte er eine Lestrange vor sich, so auszusehen gehörte wohl dazu, wenn die Familie eine der wohlhabendsten ganz Europas war. 

"Hey.", sagte er vorsichtig. Sie nickte ihm bloß zu. "Kanns losgehen?" 

"Ja, sicher. Ich möchte aber zuerst mein Notizbuch wiederhaben." Leta verdrehte die Augen, zog aber das gelbe Buch aus ihrem Umhang heraus.  Newt nahm es entgegen und für einen Moment betrachteten sich die beiden Hogwartsschüler bloß. Es war auf jeden Fall seltsam. 

Newt war nicht gerade meisterlich in menschlichen Umgangsformen, geschweige denn wusste er, wie man sich mit einem Mädchen unterhalten sollte. Oder allgemein mit Menschen in seinem Alter. Er hatte seine Eltern, die mit seinem Verhalten klarkamen und er hatte Theseus. Theseus war cool, ihm machte es nichts aus, wenn Newt sich für andere gesehen merkwürdig verhielt. Aber sonst? Nein, nicht wirklich. 

Leta, die sich sicherlich bestens mit Umgangsformen auskennen musste, schließlich bewegte sie sich in einer Gesellschaft, die viel wert auf die richtige Etikette legte, sagte aber auch nichts. Und so liefen sie im peinlichen Schweigen durch den Wald. Oder war es überhaupt peinliches Schweigen? Woher wusste man, welches Schweigen unangenehm und welches in Ordnung war? Nichtsdestotrotz vergaß Newt bald seine Sorgen darum, was das betraf. Denn nach einigen Minuten im Wald, vergaß er alles andere um sich herum. Das hier war sein Territorium. Hier fühlte er sich wohl, hier konnte er ganz so sein wie er war. Hier verbargen sich Wahrheiten, denen er bereits auf den Grund gegangen war und noch viel mehr Geheimnisse, die auf ihn warteten. 

Geheimnisse, die die Blätter rascheln, die Erde unter ihnen knacken und den Wind heulen ließen. Eine ganz andere Welt, so viel zu sehen, so viel zu entdecken. Er liebte es hier, er liebte es wirklich. Entschlossen ging er auf eine bestimmte Stelle hin, kniete sich hin und begann einige Blätter beiseite zu räumen. Leta beobachtete ihn aufmerksam. 

Sie wusste nicht ganz, was sie tun sollte, sie kam sich wie ein Eindringling vor, als gehöre sie nicht ganz hierher. Er tat es, er tat es ganz gewiss. Ganz verändert schien er hier. Machte er in Hogwarts einen unscheinbaren, viel mehr unsicheren Eindruck, so blühte er im Schutz der Bäume auf. Hier war er sicher, hier wusste er, was er zu tun hatte. Und Leta war die, die sich unsicher fühlen musste. Außerhalb wusste sie, wie sie sich zu verhalten hatte, was von ihr verlangt wurde. Es war einfach so zu handeln, wie die Menschen es von ihr erwarteten. Es war nie besonders schwer das herauszufinden. Menschen waren so unglaublich durchschaubar. 

Doch hier? Hier wusste Leta nicht, was man von ihr erwartete. Was er  von ihr erwartete und ob sie überhaupt diesen Erwartungen gerecht werden wollte. Sie kam sich verloren vor, wie eine Fremde. Und sie war  verloren und sie war eine Fremde. Andererseits...zum ersten Mal wurde nichts von ihr erwartet, keine Grausamkeiten, keine gehässigen, arroganten Kommentare und schon gar nicht Gehorsamkeit ihrem Vater gegenüber. Sie konnte tun was sie wollte! Aber was wollte sie überhaupt? 

Weil sie das nicht wusste, ließ sie sich einfach einige Schritte hinter Scamander nieder. Dieser hatte aufgehört zu graben und eine Art kleine Höhle freigelegt. Nun holte er etwas hinaus, sie konnte es nicht ganz erkennen. Erst dachte sie, es wäre eine Maulwurf, doch das traf es doch nicht zu. Scamander begann behutsam zu reden. "Na, Kleines, habt ihr mich vermisst? Ich weiß, ich hätte schneller wiederkommen müssen. Aber ich hab euch was mitgebracht, okay?" Er kramte kurz in seinem Umhang herum und holte einen kleinen Beutel hinaus. Waren es Samen? Plötzlich kamen mehr dieser maulwurfartigen Viecher aus der Höhle hinaus und versammelten sich um Scamander Hand. Außer eins, das flauschiges, schwarzes Fell hatte und anstatt zu Newt Scamanders Hand zu flitzen, in Letas Richtung rannte. Ehe sie es sich versah, war es in ihren Umhang geklettert. Leta gab einen kleinen Schrei von sich, denn das Tier verschwand in ihrer Bluse und zog an etwas. 

Scamander war aufgesprungen. "Typsi, lass sie in Ruhe!" Ohne weiter darüber nachzudenken, half er Leta dabei, das Tier aus ihrer Bluse zu befreien. Es gelang ihm auch und als ihm klarwunde, was er getan hatte, lief er hochrot an. "Entschuldige, ich wollte nicht..ich wollte nur..." Aber Leta hörte ihm eh nicht zu, fasziniert betrachtete sie das kleine Geschöpf, das nun ganz unschuldig auf ihrer Hand saß und etwas goldenes zwischen den Händchen hielt. "Es hat meinen Anhänger geklaut!", stellte sie verwundert fest. Newt lachte erleichtert. "Oh mann, Typsi ist echt schon fortgeschritten für ihr Alter." - "Wieso meinst du das?" Newt zuckte mit den Schultern. "Naja, sie ist ein Niffler." Leta machte große Augen. "So sehen Niffler aus?" Sie hatte schon mal von diesen Geschöpfen gehört, als ihr Vater sich mit einem Kobold unterhalten hatte. "Ja, das sind Niffler, sie sammeln alles was gold, glitzernd oder glänzend ist. Was hast du denn gedacht?" - "Naja, ich hab sie mir nicht so..." Leta betrachtete kurz nochmal den Niffler in ihrer Hand, der sie mit großen, unschuldigen Augen anschaute. "...nicht so süß vorgestellt." 

Es war irgendwie seltsam das Wort aus ihrem Mund zu hören.  Aber Newt lächelte sie an. "Ja, süß sind sie wirklich. Also zumindest ihr Aussehen, wie du gerade gesehen hast, sind sie vor allem ganz schön unhöflich. Diese sind auch noch relativ jung, ich hab sie vor einem Adler gerettet. Leider konnte ich bis jetzt noch nicht die Mutter ausfindig machen." - "Du hast sie gerettet? Wow.", Leta war beeindruckt und Newt schien geschmeichelt zu sein. 

Das Eis war somit erstmal gebrochen. Newt führte Leta weiter durch den Wald, zeigte ihr dies und jenes, doch die meiste Zeit redeten sie nicht. Das war auch irgendwie nicht so nötig. Es gab so viel zu sehen, das Wörter nicht nötig waren. Ab und zu stellte Leta eine Frage und Newt beantwortete sie ihr stets, erfreut, dass er Antworten auf ihre Fragen wusste. Die ganze Zeit behielt Leta den Niffler bei sich. Typsi hatte es sich in ihrer Vordertasche gemütlich gemacht. "Sie mag dich.", bemerkte Newt. Erstaunt sah sie Newt an. "Wieso sagst du das?" Er zuckte mit den Schultern. "Naja, bei mir ist sie nicht so ruhig und lässt sich solange mitschleppen." Leta guckte auf den Niffler runter und dann schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. "Sie mag mich.", wiederholte sie Newts Worte. So erfreut, so erstaunt. In dem Moment hätte sie es fast ausgesprochen. Dass sie normalerweise nicht von jemandem gemocht wurde. Sie konnte es gerade noch so verkneifen. 

Sie war hier, in einem Wald und sie hatte jemanden gefunden, der sie mochte. Auch wenn es sich  um ein Tierwesen handelte. 

Sie hatte es zwar nicht ausgesprochen, aber Newt konnte sich ausmalen, was sie fühlte. So hatte er sich auch gefühlt. Und das Lächeln, das Letas Lippen zierte, war wahrscheinlich das erste richtige Lächeln, was er von ihr gesehen hatte. Es war schön, wirklich sehr schön. Sie sollte öfter lächeln, dachte er sich. 

Von dem Tag an wurde der Wald zu einem besonderen Ort für Letas und Newts noch junge Freundschaft. Newt nahm sie mit, er zeigte ihr die Geschöpfe, die er bereits entdeckt und erforscht hatte. Erzählte ihr alles, was er zu wissen glaubte. Vor allem am Anfang redete Leta nie viel. Newt erzählte, sie hörte ihm zu. Aber das störte Newt meistens nicht. Leta hätte es natürlich nie so zugegeben, aber sie hörte ihm gern bloß zu. 

Ja, das Eis war vorerst gebrochen, doch das Eis kehrte auch stets zurück. 


A Taker (Newt Scamander)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt