Kapitel 8 - Alles, aber nicht einfach

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Der spätsommerliche Morgen zeigt sie von seiner besten Seite.
Ein Grund für Sky den Wagen stehen zu lassen und die 20 Minuten zum Kindergarten zu Fuß zu gehen.
20 Minuten, in denen Lilly fröhlich neben Meverrick herläuft und ihm eine Frage nach der anderen stellt.
Sky geht mit geringen Abstand hinter ihnen und Beobachtet die beiden.
,,Holst du mich nachher mit ab?", ist Lillys letzte Frage, als sie vor dem bunten Gebäude ankommen.
,,Vielleicht", antwortet Meverrick und sieht kurz zu Sky.
Doch anders als erhofft, kann er  ihren Blick nicht deuten, so bleibt er bei seiner Antwort.
Lilly winkt noch mal zu Abschied, dann verschwindet sie mit ihrer Mutter in dem Gebäude.
Meverrick lehnt sich, während er wartet, gegen den hohen Zaun der Tageststätte.
In seinen Gedanken, lässt er den Morgen nochmal revou passieren.
Auch wenn Lilly ihm sehr ähnlich sieht, so erinnernt ihr Charakter doch sehr an seinen heißen Teufel.
Das leise Quietschen der Tür holt ihn aus seinen Gedanken.
,,Also wenn du noch reden möchtest, hier in der Nähe gibt es ein Café", schlägt Sky vor und zieht das Gatter ins Schloss.
Meverrick nickt ihr lächelnd zu.
Während sie nebeneinander her gehen, herrscht stille. Keiner von beiden ist sich sicher, womit man am besten das Gespräch beginnt oder ob sie einfach dort ansetzen, wo sie vorhin unterbrochen wurden.
Immer wieder geht Meverricks Blick zur Seite.
Er verdrängt das Bedürfnis nach ihrer Hand zu greifen und sie näher zu ziehen.
Etwas was damals selbstverständlich war, könnte jetzt ein Schritt zu viel sein.
An dem Café angekommen, kann Meverrick sich ein kleines schmunzeln nicht verkneifen.
Die leuchtend gelbe Fassade und die bunte Blumenranke, die das große Schaufenster umrandet, wirken wie aus einem Bilderbuch.
Der kleine Außenbreich bietet genau Platz für vier weiße runde Tische mit je zwei dazu passenden Stühlen.
Die rote Markise, die darüber etwas Schatten spendet, rundet dieses Bild perfekt ab.
Sky setzt sich an einen freien Tisch und schlägt elegant die Beine übereinander.
Meverrick setzt sich ihr gegenüber und lässt nochmals seinen Blick schweifen.
,,Du hast etwas anderes erwartet, nicht wahr?"
,,Es ist .... außergewöhnlich."
In dem Moment, als Sky etwas sagen möchte, tritt die Besitzerin des Cafés durch die Tür nach draußen.
Die alte Dame richtet ihr geblümtes Kleid und zieht einen Block samt Stift aus ihrem Kittel.
Ihr schulterlanges, ergrautes Haar trägt sie wie immer offen.
Mit einem freundlichen Lächeln, kommt sie direkt auf die beiden zu.
,,Einen wunderschönen guten Morgen", begrüßt sie sie.
,,Wo hast du denn meinen kleinen Schmetterling gelassen?"
,,Guten Morgen Mrs. Porter. Sie ist im Kindergarten."
,,Dann werde ich dir einen von den bunten Donuts einpacken, die sie so gern isst. Was darf ich euch bringen?"
Die überschwängliche und fröhliche Art der Besitzerin, ringt Meverrick ein weiteres Schmunzeln ab.
,,Einen großen Kaffee und das kleine Frühstück", antwortet Sky.
Mrs. Porter notiert sich beides und sieht dann zu Skys männlicher Begleitung.
Sie ist sich nicht sicher, doch glaubt die alte Dame zu wissen, wer er ist.
,,Ich nehme das selbe."
Auch wenn er nicht weiß, was genau das kleine Frühstück ist.
Mrs. Porter nickt ihm freundlich zu.
,,Du hast einen guten Geschmack", sagt die alte Dame und zwinkert Sky zu.
Danach geht sie gut gelaunt zurück in ihr Café.
,,Sie hat recht."
Sky rollt mit den Augen und streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
Ihr Blick schweift über die Bäume am Straßenrand, die allmählich die herbstlichen Farben annehmen.
,,Du sagtest vorhin, dass es dir nicht leicht viel...", beginnt sie schließlich das Gespräch.
,,Dich von diesem Parkplatz fahren zu sehen. Zu wissen, dass ich dich nie wieder sehe, nein, dass viel mir nicht leicht."
Meverrick greift über den kleinen, runden Tisch hinweg nach einer ihrer Haarsträhnen und zieht leicht daran, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
,,Du hättest mich aufhalten können", sagte sie leise und sieht wieder zu ihm.
,,Ich war überzeugt davon, dass du ohne mich besser dran bist. Das ..."
,,Das war ich nicht. Unsere Beziehung war nie einfach. Wir waren beide eifersüchtig, was an dieser Universität ungünstig war. Doch, egal wie oft wir diskutiert haben, egal was war. Es hat funktioniert, bis ..."
Sky senkt ihren Blick und lässt das Ende des Satzes offen.
,,Ich bereue das", sagt er daraufhin ehrlich.
Dieses Bild, wie das Blut an ihrem Oberschenkel hinab rinnt, hat ihn lange verfolgt. Er wusste, dass die ganze Situation den Alkohol zuzuschreiben war, dennoch konnte er sich das nie verzeihen.
,,Nachdem du weg warst, hab ich mich zurück gezogen und niemanden mehr an mich ran gelassen. Die Studenten haben nur noch das nötigste an Aufmerksamkeit von mir bekommen. Außerhalb meiner Vorlesungen war ich hauptsächlich im BDSM Club. Ich hab mir eine Sub genommen die, zu hundert Prozent devot ist."
Überrascht zieht Sky die Brauen nach oben.
,,Ich dachte, sowas wäre nichts für dich."
,,Ist es auch nicht. Aber ich hab versucht mich davon zu überzeugen  das es das einzige ist, was funktioniert. Hat es nicht, also hab ich mir andere Subs gesucht. Also ja, es gab Sex und der war auch nicht unbedingt schlecht, aber es war nicht ansatzweise vergleichbar wie mit dir. Keine konnte diese Leere in mir füllen."
Der Gedanke, wie er mit einer anderen zusammen ist, stößt ihr übel auf. Obwohl sie damit gerechnet hat.
,,Nichts war vergleichbar. - meine letzte Sub,- Sie hat den Brief gefunden und gelesen."
Wie wütend er in dem Moment war, lässt er aus.
,,Ich", fängt er den nächsten Satz an, doch die fröhliche Stimme von Mrs. Porter lässt ihn verstummen.
Mit einem Tablett tritt sie an den Tisch der beiden.
,,Entschuldigt, dass ihr einen Moment warten musstet."
Zwei Tassen mit dampfenden Kaffee und zwei randgefüllte Teller mit frischem Obst, Croissants und süßem Aufstrich.
Mit einem freundlichen Lächeln bedankt sich Sky und beobachtet, wie Mrs. Porter Meverrick ein weiteres Mal mustert, ehe sie gut gelaunt an den nächsten Tisch geht.
,,Sie weiß, wer du bist", stellt Sky fest und greift nach ihrem Kaffee.
Meverricks fragender Blick ringt ihr ein kleines Schmunzeln ab.
,,Sie kennt Lilly."
,,Ja, die Ähnlichkeit ist mir auch aufgefallen. Das hat die letzten Jahre vermutlich nicht einfacher gemacht."
Mit einem Seufzen stellt Sky die Tasse wieder ab.
,,Die letzten Jahre waren so oder so, alles, aber nicht einfach!"
Die Wut schwingt in ihrer Stimme mit, auch wenn sie das gar nicht beabsichtigt hat.
,,Kann ich mir vorstellen."
,,Nein, kannst du nicht!"
Sky senkt ihren Blick und atmet einmal tief durch.
,,Sky"
,,Eine Woche", unterbricht sie ihn und sticht mit ihrer Gabel in eine Himbeere.
,,Eine Woche habe ich in diesem Hotel gesessen und darauf gewartet, das du zu mir kommst oder dich wenigstens meldest. Man sollte meinen, dass ich mich mit Schmerzen auskenne aber, als mir bewusst wurde, dass du nicht auftauchen wirst ... das tat so unglaublich weh."
Und ob sie will oder nicht, dieser Schmerz ist allgegenwärtig.
,,Sky, ich"
,,Ich weiß", unterbricht sie ihn erneut.
Für einige Augenblicke bricht Stille zwischen den beiden aus.
Das einzige was man hört, ist das Besteck, wenn es auf das Porzellan trifft. Ein paar Gesprächsfetzen vom Nachbartisch und die Autos, die ab und an an dem Café vorbei fahren.
Meverricks Blick ruht auf Sky.
Das schlechte Gewissen und die Reue haben sich wie eine Zwangsjacke um ihn gelegt.
Er weiß, dass es mit einer einfachen Entschuldigung nicht getan ist.
Sky hat die Mauern, die er einst zum Einsturz brachte, wieder hochgezogen. Nun liegt es an ihm, ob er es erneut schafft sie ein zu reißen.
Ob er erneut ihr Vertrauen und ihr Herz gewinnen kann.
Er isst noch einige Bissen, bis er die Stille durchbricht.
,,Bist du damals direkt nach New York gegangen?"
Sky hebt ihren Blick.
,,Ja. Ich wusste, ich bin nun allein und habe niemanden der mir helfen würde."
Sky nimmt einen Schluck ihres Kaffees, ehe sie weiter spricht.
,,Ich wollte so lange wie möglich mit dem Erbe meines Großvaters auskommen, also habe ich mir eine günstige Wohnung in der miesesten Gegend Brooklyns gesucht.
Die Schwangerschaft war,- naja nicht sonderlich berauschend."
Sie stoppt, um die letzten Bissen ihres Frühstücks zu essen.
,,Was meinst du?"
Sky legt das Besteck auf den Teller und lehnt sich zurück.
,,Die Übelkeit, die für gewöhnlich nach drei Monaten verschwinden sollte, hielt sich bis zur Geburt und dadurch hab ich eher ab als zugenommen", erklärt sie und versucht die Erinnerungen daran zu verdrängen.
,,Und die Geburt?", hakt er nach.
Er will am liebsten alles wissen, auch wenn er sich sicher ist, dass er sich danach noch schlechter fühlen würde.
,,Verlief schnell und Komplikationslos. Ich hab die erste Hälfte der Wehen verschlafen, die zweite geflucht und im Krankenhaus ging es dann recht schnell."
Meverrick mustert Sky erneut. In ihren Worten liegt keinerlei Gefühl, doch in ihren Augen kann die Emotionen lesen, die sie versucht zu verbergen.
Als er erneut das Worte ergreifen möchte, kommt ihm Mrs. Porter zuvor.
,,Darf ich euch noch etwas bringen?", fragt sie und reicht Sky eine kunterbunte Papschachtel.
,,Nein, danke. Ich würde gern zahlen."
Noch bevor Sky diesen Satz beenden kann, hat Meverrick sein Portemonnaie in der Hand.
,,Ich kann selbst bezahlen."
,,Ist mir bewusst", schmunzelt er und bezahlt die Rechnung.
Sky verdreht daraufhin nur die Augen.
Es gibt halt Dinge, die ändern sich nie.
,,Habt einen schönen Tag", verabschiedet sich die alte Dame.
,,Gehen wir ein Stück und du erzählst weiter?"
Überrascht sieht Sky ihn an.
,,Ich ... okay."
Gemeinsam verlassen sie das kleine Café und gehen die Straße entlang.
,,Was genau möchtest du wissen?"
,,Alles."
Sky blickt zur Seite, um rauszufinden ob es ernst gemeint oder ein Scherz  war.
,,Okay."
Für einen Augenblick überlegt Sky  wo sie anfangen soll und wie viel sie wirklich erzählt.
,,Nach der Geburt da ... Es war nicht immer einfach und nach etwa sechs Monaten ging mir das Geld aus. Die Rechnungen haben sich gestapelt und beinahe hätte ich die Wohnung veloren."
Ein Kloß bildet sich in ihrem Hals, als sie an die Zeit zurück denkt.
Sie spürt, wie Meverrick nach ihrer Hand greift und obwohl ihr Verstand ihr entgegen brüllt, dass sie sich dessen entziehen sollte, lässt sie es zu und verknotet ihre Finger mit seinen.
,,Mrs. Porter hatte oft einen Rat für mich, wenn ich wegen Lilly unsicher war. Sie gab mir einen Job in ihrem Café und die Möglichkeit Lilly mitzunehmen. Als ihr Mann jedoch Krank wurde, konnte sie mich nicht mehr bezahlen. Also brauchte ich schnell einen neuen Job."
Die Erinnerung daran lässt sie verstummen.
Sie war Mrs. Porter nicht böse, sondern stehts dankbar.
Und trotz der damals erneut aufkommenden Existenzangst, half sie der alten Dame, als ihr Mann kurz darauf verstarb.
Meverrick drückt sanft ihre Hand, um sie stumm darum zu bitten, weiter zu erzählen, und holt sie so aus ihren Erinnerungen.
,,Ich habe angefangen in einem Supermarkt zu arbeiten. Miese Bezahlung, aber zumindest konnte ich die Kosten decken.
Im April vor zwei Jahren, saß ich mit Lilly im Park. Sie hat gespielt und ich habe gezeichnet.
Ein älterer Herr hat mich dabei beobachtet und schließlich angesprochen. Er war Dozent an der SVA und stand kurz vor dem Ruhestand.
Wir haben uns Unterhalten und er hat mich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.
Am Ende habe ich seine Kurse übernommen, bis heute. Wir zogen in eine bessere Gegend und Lilly geht seit dem in den Kindergarten", erzählt sie weiter.
Einen Augenblick herrscht erneut Schweigen.
Während Sky sich dabei erwischt, wie sie diesen Moment gerade genießt, brodelt in Meverrick das schlechte Gewissen.
Vieles wäre anders gelaufen, wenn er nicht so ein Idiot gewesen wäre.
Ändern kann er es nun auch nicht mehr.
Er streicht sanft mit seinem Daumen über Skys Hand und spricht die nächste Frage, die plötzlich im ihm aufkommt laut aus.
,,Wissen deine Eltern von Lilly?"
Sky bleibt abrupt stehen und sieht ihn verwundet an.
,,Du glaubst, dass ich meinen religiös,- fanatischen Eltern erzählt habe, dass ich ein uneheliches Kind von meine Universitäts Professor erwarte?"
,,Ich meinte eher, ob sie es rausgefunden haben?", korrigiert er sich.
,,Denke nicht. Ich hab sie seit diesem Übergriffe nicht mehr gesehen."
Ein Übergriffe, an den sie sich beide sehr gut erinnern können.
Ihr Vater, der mit Nonne und Prister auftauchte, um mit Hilfe eines Exorzismus, Gott von seiner vermeintlich teuflischen Tochter zu befreien.
Meverrick nickt ihr leicht zu und verliert sich einen Moment in ihren hellen Augen.
,,Hör zu. Ich weiß nicht, ob ich ein guter Vater wäre, aber ..."
,,Mach dir da keinen Kopf. Ich weiß bis heute nicht, ob ich es richtig mache. Aber Lilly ist glücklich, das reicht mir", unterbricht sie ihn.
,,Mir auch", sagt er ehrlich.
Skys Lippen formen ein zartes Lächeln, während sich ein warmes, angenehmes Gefühl in ihr ausbreitet.
Sie deutet Richtung Park, in dem sie kurz darauf verschwinden und sich weiter unterhalten.

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