Liebes Leben,

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Irgendwann wache ich auf, meine Beine liegen auf einem Stuhl, mein Körper immer noch auf den kalten Fliesen. Mein Kopf pulsiert schmerzhaft und bestraft mich für das was ich getan habe mit bösen Schuldgefühlen.
Das nächste was ich spüre ist ein enger Druckverband um mein Handgelenk.
Oh Gott
Ich lebe
Ich bin nicht Tod
Ich muss weiter leben
Gott bestraft mich indem ich weiter leben muss
Ich war nie gläubig

Ich öffne meine Augen und blicke direkt in das stechende Licht der Deckenlampe.
Ich drehe meinen Kopf und sehe Star neben mir sitzen.
Sie sieht aus als hätte sie geweint.
„Endlich bist du wach" schluchzte sie.
„Was, wie?" Flüsterte ich voller Schmerz in meiner Stimme.
„Ich hab gehört wie du gegen die Badewanne gefallen bist. Ich dachte erst du hast etwas angerempelt und wirst gleich wieder kommen, irgendwann bin ich dann nach dir schauen gegangen und habe dich so gefunden".
Sie blickte mich mitleidig an.
„Es tut mir leid" flüsterte ich, meine Tränen spürte ich nicht mehr so taub war mein Gesicht vor weinen.
„Es ist nicht deine Schuld" antwortet Star und umarmt mich.
„Ich will aufstehen"
„Auf keinen Fall, die Blutung ist zwar gestoppt aber dein Arm muss genäht werden. Wenn du jetzt aufstehst dann wird dein Arm wieder bluten und dein Herz hat so sowieso viel mehr Blut zum pumpen wenn deine Beine auf einem Stuhl liegen."
„Woher.."
„Ich bin seit letztem Jahr Schulsanitäterin" unterbrach Star mich.
„Das erklärt warum du keinen Krankenwagen gerufen hast."
„Ja und das wird das erste und letzte mal seien. Wenn du Sörens jemals nochmal machst dann rufe ich 112 und dann werden sie dich wieder einweisen verstanden?"
„Bitte nicht..es tut so leid. Aber es ging nicht mehr"
„Es ist ja nochmal gut gegangen."
„Und wer näht meinen Arm?"
„Na ich"
„Du?"
„Klaro."
„Hast du das auch gelernt als Sanitäterin?"
„Etwas" sie versuchte zu grinsen aber so richtig war es ihr nicht gelungen.
„Etwas?"
„Jap ich hab alles geholt"
„Was geholt?"
„Nadel und Faden" jetzt lachten wir beide sogar etwas.
Deswegen ist sie meine beste Freundin, obwohl ich gerade fast gestorben wäre und sie mich jetzt wieder zusammenflicken muss, können wir noch lachen. Sie ist einfach immer für mich da.
„Sag mir aber bitte das du nähen auch in deiner Sanitäter Ausbildung gelernt hast." flehte ich ein weiteres mal.
„Naja weisst du...die alternative wäre es einen Krankenwagen zu rufen."
„Okay" seufzte ich und presste meinen Unterarm gegen die Fliesen
„Es wird nicht so sehr wehtun wie er dir wehgetan hat, das verspreche ich dir." ihre Stimme klang nicht überzeugend und ich presste meine Augen zusammen.

Ist es nicht komisch?
Vor den schmerzen wenn ich mich selbst aufschneide habe ich keine Angst.
Ich hatte noch nie Angst davor mir ganz tief und ganz lange Schnitte zu setzen.
Der größte Sinn der Sache, ist ja auch der Schmerz.
Ich denke ich habe all den schmerz verdient den ich mir zufüge. 
Aber vor dieser kleinen Nadel habe ich Angst, ich denke ich habe Angst da ich den Schmerz nicht kontrollieren kann, denn selbst wenn alles in meinem Leben ausser Kontrolle gerät habe ich immer die Kontrolle über diesen Schmerz gehabt.

Bevor ich einen weiteren Gedanken an schmerzvolle Kontrolle verlor, drang auch schon der schmerz durch meinen Unterarm, ich spürte wie die Nadel meine Haut durchdrang, sich unter die Wunde durchbohrt um dann wieder durch meine haut zu stossen.
Ich kniff meine Augen etwas fester zusammen und obwohl ich nichts sehen konnte spürte ich dass Star mir gleichtat.
Ich stöhnte vor schmerz auf, als Star die Nadel ein zweites mal durch meine Haut schob und ich hörte dabei ihre geflüsterte Entschuldigung.

Und ich schreibe in Gedanken in mein Notitzheft:

Liebes Leben,
Ich habe schon so viel erlebt.
Wir haben zusammen schon so viel durchgemacht.
Liebes Leben,
Du hast mir so viel Schmerz gekostet und so viele Tränen fließen lassen.
Liebes Leben,
Du hast mir Tom's Liebe geschenkt.
Liebes Leben,
Du hast ihr Hoffnung gegeben als ich sie am allermeisten gebraucht habe, zum 1. mal seit langem. Und danach hast du sie mir wieder genommen.
Liebes Leben,
Alles was mich am Leben hielt, was mich hat sicher fühlen lassen hast du mir genommen.
Liebes Leben,
Ich dachte wir hätten nochmal eine Chance, Ich habe Vertraut.
Und deswegen will ich dich beenden.
So oft habe ich es versucht und nie geschafft. Scheinbar willst DU mich bestrafen indem du immer bleibst.
Liebes Leben,
Du bist das einzige was immer geblieben ist, egal wie sehr ich versucht habe dich zu beenden.
Liebes Leben,
Du bist so treu, doch bitte geh, Ich kann nicht mehr.

Doch ist es wirklich deine Schuld?

Nach 10 höllischen Minuten erlöste mich Star mit den Worten „Ich bin fertig Rose" und ich hätte vor Erleichterung umfallen können, würde ich nicht schon liegen.
Ohne weitere Worte zu verschwenden stand ich auf, meine Beine zitterten so sehr das ich erst gegen Star fiel, die mich glücklicherweise auffing und wieder gerade richtete.
Schritt für Schritt ging ich mit ihr an der Hand zurück in ihr Zimmer und legte mich erschöpft wie noch nie zurück in ihr Bett.
Meine Augenlieder fielen schneller zu als es mir lieb war und schon sah ich Tom vor mir.

Er wird mich für immer verfolgen.

Verbotene Liebe | Tom KaulitzGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt