Kapitel 1

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Draußen regnete es. Maggie saß am Bett ihrer Mutter und hielt ihre Hand. Sie war eiskalt
„Mom", wimmerte die junge Frau. Tränen quollen aus ihren braunen Augen und liefen ihr übers Gesicht. „Ich liebe dich Schatz", flüsterte ihre Mutter. „Ich liebe dich so sehr." Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen und sie strich ihrer Tochter über das honigblonde Haar. „Du bist ihr sehr ähnlich, weißt du das? Auch sie hatte so wunderschöne Haare." „Mom, was redest du da?", fragte Maggie. „Wem bin ich ähnlich?"
 „Deiner Schwester", antwortete ihre Mutter, bevor sie in einen heftigen Hustenreiz ausbrach. „Mom, alles okay?" fragte Maggie. „Ja, mir geht's gut", antwortete ihre Mutter. Das war eine Lüge, sie beide wussten das. „Ich habe keine Schwester, Mom. Ich bin Einzelkind, erinnerst du dich? Du bist nur müde, du solltest dich ausruhen." „Ja, natürlich.....Maggie?", fragte ihre Mutter leise. „Ja?" Maggies Stimme zitterte. „Maggie, ihn trifft keine Schuld. Du musst das verstehen." Dann fielen ihre Lider zu und sie sank erschöpft in die Kissen. „Mom!", rief Maggie, packte ihre Mutter bei den Schultern und versuchte sie wachzurütteln. „Nein, Mom, bitte bleib bei mir!", schrie Maggie, doch sie bekam keine Antwort. Schluchzend drückte sie den Körper ihrer Mutter an sich, als ob sie dadurch ihr eigenes Leben auf sie übertragen konnte, doch es war zu spät. Sie war tot.


Schweißgebadet erwachte Maggie. Schon wieder hatte sie vom Tod ihrer Mutter geträumt. Es war jetzt ungefähr einen Monat her, seit der Krebs sie besiegt hatte. Seitdem hatte Maggie immer den gleichen Traum gehabt, in dem sie den Tod ihrer Mutter erneut durchleben musste. Schon vor zwei Jahren hatte ihre Mutter die Diagnose bekommen und hatte versucht gegen die Krankheit anzukämpfen. Doch der Krebs hatte sie ausgezehrt, ihr die Stärke geraubt, für die Maggie sie immer so bewundert hatte und ihr schließlich das Leben genommen.
Zitternd stand Maggie auf, zog sich ihren seidenen Morgenmantel über und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Das Haus war so leer ohne ihre Mutter. Wie lang würde es dauern, bis sie sich daran gewöhnte? Ich werde mich niemals daran gewöhnen, dachte sie. Die Tasse mit beiden Händen umklammert, stellte sich Maggie ans Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Was sollte denn jetzt aus ihr werden?
Als sich der Zustand ihrer Mutter verschlechterte, hatte Maggie ihren Job gekündigt, um besser für sie sorgen zu können und hatte sich seitdem keinen neuen gesucht. Zwar mangelte es nicht an Geld; ihre Mutter hatte ihr genug hinterlassen, um eine Grundlage für ein eigenständiges Leben zu haben, doch sie konnte sich auch nicht ewig hier verkriechen. Das hätte Mom sicherlich nicht gewollt. In Gedanken versunken beobachtete Maggie die Autos, die die Straße entlang fuhren. Plötzlich hielt eines vor ihrem Haus. Sie kannte dieses Auto, wusste, wem es gehörte. O Gott, nein, dachte sie und Panik stieg in ihr auf. Bitte nicht. Schnell wich sie vom Fenster zurück. Vielleicht konnte sie so tun, als sei sie nicht zu Hause. Vielleicht würde er dann verschwinden. Es klingelte. Einmal. Zweimal. Maggie schlich zur Haustür, öffnete aber nicht.
„Maggie!", rief eine Männerstimme. „Ich weiß, dass du da drin bist! Mach sofort die Tür auf!" Ich bin nicht da, du Arschloch. Verpiss dich gefälligst, dachte sie, wagte aber nicht, es laut auszusprechen.
„Du machst jetzt sofort die Tür auf oder ich-" „Lass mich in Ruhe!", schrie Maggie, „verschwinde von hier, Dylan! Ich will nichts mit dir zu tun haben!" „Wie kannst du es wagen, du vorlaute kleine Schlampe! Du bist noch schlimmer als deine Mutter!", rief der Mann von draußen. Scheiße, warum hast du das gesagt, Maggie. Jetzt ist er erst recht wütend. Und du weißt, wozu er fähig ist.
Maggie hatte den Ex-Mann ihrer Mutter noch nie leiden können, aber als er anfing sie und ihre Mutter zu schlagen und zu bedrohen, hatte sie ihn nicht nur abgrundtief gehasst, sondern sich auch schrecklich vor ihm gefürchtet. Am Anfang war Dylan gut zu ihnen gewesen, weswegen sich Ihre Mutter auf ihn eingelassen hatte, doch schnell hatte sich herausgestellt, was für ein Mensch er wirklich war. Zwar hatte sie ihn verlassen, doch er hatte nie aufgehört, den beiden bei jeder Gelegenheit aufzulauern. Und jetzt ist er gekommen, um sich Moms Erbe unter den Nagel zu reißen, dachte Maggie verbittert. „Ich gebe dir noch eine Chance, Kleine, wenn du mich nicht freiwillig reinlässt, dann muss ich die Tür eintreten." Maggies Hand wanderte zum Pfefferspray, das auf dem Tisch in der Eingangshalle stand, doch da hörte sie eine Frauenstimme sagen: „Entschuldigen sie, junger Mann, sie sollten jetzt besser verschwinden, oder ich rufe die Polizei."
Verwirrt hielt Maggie inne. Woher kannte sie nur diese Stimme? Sie hörte ein wütendes Schnauben, dann rief Dylan: „Ich bin noch nicht mit dir fertig, hörst du?" Maggie vernahm, wie er mit eiligen Schritten davon lief, in sein Auto stieg und fort fuhr. Dann klopfte es an der Tür und die Frauenstimme von eben sagte: „Maggie, ich bin's, Matilda Campbell." Maggie öffnete. „Mrs Campbell! Wie schön Sie zu sehen", sagte Maggie und wurde sofort von ihrem Gegenüber in die Arme geschlossen. Mrs Campbell war eine Freundin von Maggies Mutter gewesen aber sie hatten sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. „Lass dich anschauen", sagte Mrs Campbell und schob Maggie weit genung von sich weg, um sie betrachten zu können und musterte sie von oben bis unten. „Groß bist du geworden. Eine richtige hübsche junge Frau." Maggie errötete. „Ähh...kommen Sie doch rein. Sie wissen ja, wo die Küche ist, setzten Sie sich doch, ich mache Ihnen was zu trinken und ziehe mir was richtiges an."

Kurze Zeit später saß Maggie mit Mrs Campbell am Küchentisch. Im Gegensatz zu ihr selbst hatte sich Mrs Campbell seit ihrer letzten Begegnung kaum verändert. Sie war eine kleine, etwas fülligere Frau in den 60ern; ihre grauen Haare hatte sie zu einem Dutt hochgesteckt und sie trug ihre Brille auf der Nasenspitze, was ihr ein wenig das Aussehen einer strengen Lehrerin verlieh. Dennoch hatte sie immer ein freundliches Lächeln für ihre Mitmenschen übrig.
„Nun, also...", setzte Maggie an, „Danke, dass Sie Dylan vertrieben haben. Er ist der letzte, den ich jetzt sehen will." „Ich weiß, Liebes", erwiderte Mrs Campbell und legte mitfühlend ihre Hand auf Maggies Arm. „Es tut mir so leid, das mit deiner Mutter. Hätte ich geahnt, wie es um sie steht, wäre ich euch besuchen gekommen. Aber nach meinem Umzug und alldem haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren...", sagte sie mit einem Seufzen. „Weißt du, wie es jetzt weitergeht?", fragte sie. „Ich...ich denke, ich suche mir erstmal einen neuen Job und wenn alles gut geht, kann ich vielleicht nächstes Jahr anfangen, zu studieren. Ich hoffe nur, dass Dylan mich nicht mehr belästigt, aber so wie es aussieht, kann ich da lange hoffen.", sagte Maggie grimmig. „Ja, ein widerwärtiger Mensch ist das. Weiß der Himmel, wie deine Mutter da reingeraten ist. Versprich mir, dass du keine Dummheiten machst. Wenn er zu aufdringlich wird, rufst du die Polizei und wenn du jemanden zum Reden brauchst, ich bin für dich da, ja?" Fragend sah Mrs Campbell die junge Frau an.
Maggie schluckte. „Okay." Beide schwiegen. Nach einer Weile sagte Mrs Campbell: „Ach, fast hätte ich es vergessen! Ich bin ja nicht nur zum Plaudern gekommen, ich wollte dir etwas geben." Sie zog ein quadratisches braunen Päckchen aus ihrer Handtasche und legte es vor Maggie auf den Tisch. „Was ist das?", fragte Maggie. „Das hat mir deine Mutter vor einigen Jahren gegeben. Ich weiß nicht, was darin ist, aber sie sagte, wenn die Zeit reif ist, soll ich dir das geben. Keine Ahnung, was sie damit meinte, aber ich denke jetzt ist der richtige Zeitpunkt." „Danke", sagte Maggie und nahm das Päckchen vorsichtig in die Hände. Es fühlte sich an wie ein Buch oder so etwas ähnliches. „Ich öffne es nachher. Kann ich Ihnen noch etwas anbieten, ein paar Kekse vielleicht?" „Oh, das wäre sehr nett. Zu Keksen kann ich einfach nie nein sagen!", lachte Mrs Campbell und so kam es, dass auch Maggie nach langer Zeit wieder lächelte.

Spuren der Vergangenheit ("The Boy" Fanfiction)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt