11. Kapitel - San Francisco

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Zuerst scheint er wie gelähmt, scannt die Situation, doch dann rennt Mitch auf mich zu. «Alles okay? Geht's dir gut?» Sorgsam legt er eine Hand auf meinen Rücken. «Das fragst du mich?», lache ich und Blicke auf den grimmig dreinschauenden Mann unter mir. Das Adrenalin fließt durch meinen Körper und ich fühle mich so lebendig, wie schon lange nicht mehr. Mitch blickt mich erschrocken an, doch schließlich lacht auch er kurz auf. Er bückt sich und greift dem Mann unter die Arme, so, dass er keine Möglichkeit hat, zu entkommen, und richtet ihn auf. Die bestohlene Frau taucht mit der Polizei telefonierend hinter uns auf, immer noch aufgebracht. Ich kann den Schock in ihren großen, braunen Augen ablesen, als stünde er dort in Buchstaben. «Vielen Dank, auf Wiedersehen», verabschiedet sie sich und wendet sich mir zu. Sie öffnet ihren Mund, doch sie scheint keine Worte zu finden. Schließlich schmeißt sie ihre langen Arme um mich und zieht mich in eine liebevolle Umarmung. «Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll», schluchzt sie dicht neben meinem Ohr. «Das war eine Selbstverständlichkeit», antworte ich bescheiden und streiche meine Hand beruhigend auf ihrem Rücken auf und ab. Sie drückt mich ein wenig von sich weg, die Arme an meinen Oberarmen, und sieht mich mit weit aufgerissenen Augen an. «Sie wissen gar nicht, was Sie da gerade für mich getan haben!» Ich zucke die Schultern. «Ich habe das wirklich gerne getan, in diesem Kleid wäre das sicher nicht so gut gelungen», lächle ich belustigt. Auch sie lacht auf und streift sich durch die orangefarbenen Haare. «Ja, da haben Sie womöglich recht», lacht sie.

Wenige Minuten später führt die Polizei den Taschendieb ab, der zufälligerweise schon des Öfteren Bekanntschaft mit einigen der Beamten gemacht hatte. Nachdem sich die Officer bei mir bedankt haben, tritt Mitch hinter Ihnen hervor. Er wirkt ein wenig beklommen und fährt sich mit der Hand über den Nacken. «Darf ich dir meine Schwester Rose vorstellen?» Schwungvoll wirft er den Arm um ihre Schulter. «Ich habe mein Ziel erreicht», grinst er. Roses Blick gleitet von mir zu Mitch und wieder zurück. «Ihr kennt euch?» Mitch nimmt den Arm von ihr und verstaut ihn lässig in seiner Hosentasche. «Allerdings. Ich hab sie-», setzt er gerade an, als er meinen Blick entdeckt. Ich wusste, dass er mich als die Tramperin vorstellen wollte. Die Frau, die er auf einer Raststätte aufgegabelt hat. Aber nachdem ich seiner Schwester geholfen habe, erwarte ich, dass er dieses Detail für sich behält. «Wir sind zusammen hierher gekommen. Reisegemeinschaft». Die Düsterheit weicht aus ihrem Blick. «Jetzt macht es auch Sinn, warum du zu meinem Bruder ins Auto steigen wolltest. Ich dachte schon, ich hätte mich verguckt, als ich ihn dann wirklich schlafend im Auto saß und ihn weckte. Aber das war ja eigentlich überflüssig», lacht sie ihn an. «Ich hätte ihn sicher erwischt, wenn-» «Schon gut», schneidet Rose ihm das Wort ab und küsst ihn auf die Wange.
«Das weiß ich doch».

«Also, was hast du jetzt vor?», fragt Mitch, als wir den Weg zurück zum Auto schlendern. «Ich würde vorschlagen,Sie kommen erst einmal mit zu uns und bleiben zum Essen. Irgendwie muss ich mich ja bei Ihnen bedanken». Ich hätte ihm eine Reihe von Orten aufzählen können, die ich in Angriff nehmen würde - hätte ich ein Auto. Mir fällt im Moment nichts Besseres ein, deswegen antworte ich mit einem schüchternen Schulterzucken, gefolgt von einem «Gerne».

Tagebuch einer AbenteurerinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt