Nelly blinzelte ein paar Tränen beiseite.
Eine kleine Weile schwiegen alle, dann erteilte Lee Merina das Wort.
"Ich habe nichts dabei, aber vor, etwas von Bedeutung zu tun.", ließ Nelly sich von Paula übersetzen. Dann zog sich Merina die Strumpfmaske vom Kopf.
Lange lockige rote Haare, heller und leuchtender als das Rot von Reginas Haaren, fielen Merina über die Schultern.
Eine kleine Weile schwiegen alle, dann erteilte Lee Tomi das Wort.
"Ich habe eine Kurzgeschichte dabei. Sie scheint für meine verstorbene Liebe selbst geschrieben zu sein. Abgesehen von dem Hund und solcher Kleinigkeiten trifft es das Ganze recht gut. Aber ich will gar nicht so viel verraten. Deshalb lese ich jetzt:Ja, so wollte sie es. Sie war es leid, immer unterwegs zu sein. Immer auf der Suche. Auf der Suche nach etwas, was es nicht gab. Ganz leise schlich sie nach draußen. Es war kalt, doch sie fror nicht, obgleich sie keine Jacke, sondern nur ein T-Shirt trug. Schnell lief sie die Straße hinauf. Erst als sie außer Sicht des Hauses war, wurde sie langsamer. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Sie hatte es auch nicht eilig. Also lief sie durch die Straßen, ohne auf irgendetwas zu achten. Als sie die Brücke sah, wusste sie, dass sie am Ziel war. Sie wusste nicht warum, aber das war ihr auch egal. Leichtfüßig sprang sie die Stufen hinauf. Von oben sah alles anders aus. Sie genoss das Gefühl über allem zu stehen, hatte es schon immer genossen. Der Wind blies ihr ins Gesicht und sie öffnete ihren Zopf. Sofort verfing sich der Wind in ihrem Haar und wehte es ihr ins Gesicht. Langsam näherte sie sich dem Geländer, schaute darüber. Sie spürte, dass das mulmige Gefühl zurückkehrte. Ohne lange darüber nachzudenken, kletterte sie über das Geländer. Nun stand sie auf der Kante, vor ihr ging es weit hinunter. Sie sog die Luft ein. Es kribbelte in ihrem ganzen Körper. In der Nase kribbelte es wegen der frischen Luft, in ihrem restlichen Körper kribbelte es wegen des Adrenalins. Es war ein wundervolles Gefühl, fast so wie sich Glück anfühlte. So wird es also enden, dachte sie. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und sprang.
Der Fall kam ihr endlos vor. Wie im Traum schwebte sie schwerelos. Dann hörte sie - wie durch Watte - einen Schrei. Laut, erschrocken, hilflos. Sie selbst blieb stumm. Im nächsten Moment prallte sie auf dem Boden auf und dann - war nichts mehr. Aus. Vorbei. Sollte es das gewesen sein? Hatten hiervor alle Menschen Angst? Es war grau, undurchdringlich grau, aber sie fühlte sich frei. Doch plötzlich wurde sie aus der Stille gerissen. Dann hörte sie seine Stimme. Und er - redete er etwa mit ihr? Es musste vorbei sein. So etwas würde in Wirklichkeit nie passieren. Sie lächelte. Es war ihr egal, dass sie nichts sehen konnte. Es war ihr alles egal, solange er bei ihr blieb. Er schien im Gegensatz zu ihr etwas zu sehen, denn er sagte: "Du lebst? Oh mein Gott, ich rufe einen Krankenwagen." Seine Stimme entfernte sich, die Worte vermischten sich mit dem Wind. Sie versank erneut in dem endlosen grauen Nebel.
Sie wurde geweckt. Wieder von seiner Stimme. Die graue Stille war verschwunden. Jetzt herrschte bodenlose Dunkelheit erfüllt mit lauten Geräuschen. Es piepste, surrte und klapperte überall. "Bitte, bitte wach auf." Die Stimme klang so hilflos und traurig, dass sie einen Klos im Hals hatte. Doch keine Tränen kamen. Sie hörte, wie sich Schritte näherten. Schnelle, hektische Schritte. Sie hörte deutlich das Klappern von Absätzen auf dem Biden. Eine Frau. "Ihre Eltern kommen gleich." sagte eine weibliche Stimme. Er antwortete etwas. Aber es war zu leise. Sie konnte es nicht verstehen. Die hektischen Frauenschritte entfernten sich. "Hast du gehört? Deine Eltern kommen gleich. Oh Gott, was hast du nur getan? Als ich dich auf der Brücke stehen sah, da dachte ich: Sie wird doch nicht...", er stockte, "Ach bitte, du musst aufwachen!", sie hörte ihn schluchzen. "Wenn du stirbst, dann...", seine Stimme wurde leiser, war nur noch ein Flüstern, doch sie verstand ihn trotzdem. "Ich will dich nicht verlieren. Wenn du wüsstest, wie viel du mir bedeutest. Du bedeutest mir mehr, als jede andere Person. Das wollte ich dir so gerne sagen. Doch jetzt ist es zu spät. Ich werde wohl nie erfahren, wie du reagiert hättest." Er machte eine Pause. Damit hatte sie nicht gerechnet. Warum hatte er ihr das nicht früher gesagt?
Doch! Ich habe alles gehört - wollte sie schreien aber kein Wort kam über ihre Lippen. Sie konnte nichts, ja nicht einmal die Augen öffnen, oder den Arm bewegen, um ihm begreiflich zu machen, dass sie ihn verstanden hatte! "Warum erzähle ich dir das überhaupt?", fragte er traurig, "du hörst mich ja doch nicht." Doch! Ich höre alles! Sie versuchte noch einmal, zu sprechen, doch es war vergeblich. Er fing wieder an zu reden, doch sie verstand ihn nicht mehr.
Langsam entglitt ihr alles.
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MeShg
Teen Fiction"Ich denke, es wird dir guttun.", sagte die sanftmütige Frau mit rotbraunen Haaren gleichsam gutmütig und auch mit einer gewissen Strenge zu ihr. Na sicher wird es mir guttun, dachte sich Nelly. Wem tut es nicht gut in einem Haufen Problemkindern zu...