Kapitel 2

9 0 0
                                    

Zweites Kapitel

Langsam öffnete Nelly die Tür zu Paulas Zimmer. Gerademal eine Minute hatte sie gebraucht, um sich darüber klar zu werden, dass sie sich für das, was sie zu Paula gesagt hatte, entschuldigen wollte.
Paula saß mit dem Rücken zur Tür an ihrem Schreibtisch. Ihre Schultern bebten. Nelly vermutete, dass sie weinte. Schnell lief sie zu ihr und schlang die Arme um sie. "Es tut mir leid, was ich gesagt habe, es tut mir so leid.", murmelte Nelly wieder und wieder. Paula löste Nellys Arme von ihrem Hals, stand auf, drehte sich um und umarmte Nelly wieder.
Schließlich trat Nelly einen Schritt zurück, um mit Paula reden zu können."Entschuldigung angenommen?", fragte sie. Paula hielt mitten in ihrer Bewegung inne. "Natürlich.", ließ sie ihre Hände sprechen. "Es war doch jetzt kein Weltuntergang. Warum kann ich nicht einfach deine Betreuerin sein? Ich bin es doch." - "Es ist kompliziert. Nein, eigentlich ist es ganz einfach: ich möchte einmal etwas alleine schaffen. Keine mitleidigen Blicke von anderen ertragen müssen." Paula nickte stumm. "Das kann ich doch verstehen. Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?" Nelly zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Ich... habe es selbst nicht wirklich formulieren können."

Und wieder kam ein Mittwoch. Der Mittwoch, an dem Paula sie zu der Gruppe begleiten sollte. Nelly war noch aufgeregter als beim ersten Mal.
Paula hatte sich überlegt, einfach kein Wort darüber zu verlieren, warum sie dabei war. Schließlich hatten die anderen auch nichts dergleichen erzählt und Nelly hoffte einfach, dass das so bleiben würde. Paula tippte sie an. "Na, können wir los?", fragte sie per Gebärden. Nelly nickte und folgte Paula zum Auto.

"Hallo. Heute dürfen wir schon wieder jemanden begrüßen.", meinte Lee. Entgegen ihrer Befürchtungen stellte Nelly fest, dass die Gruppe keine Fragen stellte.

Die Stunden vergingen zäh. Lee versuchte zwar immer ein Gespräch aufzubauen, aber alle sprachen nur sehr wenig. Viel lieber starrten sie auf die Tische oder die Uhr. Gegen diese Langeweile, jeden Mittwoch erneut, halfen nicht einmal die Blickduelle, die Nelly mit Leander führte. Er hatte nicht aufgehört, sie anzustarren. Er durchbohrte sie Mittwoch für Mittwoch mit seinen Blicken. Wenn Nelly zur Tür herein kam, spürte sie Leanders Blick auf sich. Egal wie früh sie kam, er saß immer schon - oft als Einziger - an seinem Platz, und wenn sie mit Paula schwätzend nach draußen ging, beobachtete er sie immer noch. Es gab Tage, an denen war es ihr unangenehm so angestarrt zu werden, Tage an denen sie sich selbst nicht wohlfühlte in ihrer Haut.
Und es gab Tage, da konnte sie es kaum erwarten, ihn zu sehen und sich per Blick mit ihm zu duellieren.
Sechs Monate verliefen in gleichem Muster:
Montags und Donnerstags ging Nelly erst mit Paula in die Schule für taube Kinder und nachmittags zur Sprachteraphie, in der ihre Aussprache geschult wurde.
Dienstags verbrachte sie den ersten Teil des Tages ebenfalls mit Unterricht, nachmittags unternahm sie immer etwas mit Paula. Paula nannte dies gerne >Überlebenstraining<. Sie gingen zusammen spazieren, damit Nelly lernte ihre anderen Sinne zu schärfen, ihr fehlendes Hörvermögen auszugleichen.
Mittwochs ging sie erst zur Schule und später, abends, in die Selbsthilfegruppe. Dort passierte nie besonders viel, Lee versuchte zwar weiterhin, die Leute zu animieren, aber bisher hatte sich noch kein Einziger dazu verpflichtet gefühlt, zu sagen, warum er dort war. Nichtsdestotroz war Mittwoch ein Lichtblick für Nelly. Sie freute sich schon darauf, Leander wiederzusehen. Sie genoss es, wenn er sie ansah, genoss die stummen Blickduelle, genoss es, wenn er es war, der den Blick zuerst abwandte und verfluchte sich, wenn sie betreten den Kopf senkte.
Freitags war Nellys >freier Tag<. Nelly nannte ihn so, weil sie nach der Schule nichts mehr zu tun hatte. Keine Verpflichtungen, keine lästigen Trainings. Abgesehen von Sonntagen, waren Freitage Nelly am Liebsten.
Samstags, so hatte es sich eingespielt, ging sie mit ihren Eltern irgendwo hin. Wahrscheinlich hatte die Psychologin ihren Eltern erklärt, dass es nicht gut wäre, wenn Nelly nur zuhause herum hocken würde und so versuchten ihre Eltern wirklich alles, damit ihr nicht langweilig wurde: Brettspiele, Besuche in Freizeitparks und Zoos oder bei Verwandten. Es war erstaunlich, wieviele Dinge Nelly seit ihrer Taubheit gemeinsam mit ihrer Familie unternahm.
Und Sonntags genoss Nelly ihren einzigen komplett freien Tag der Woche. Meistens verbrachte sie ihn mit äußerstem Nichtstun. Sie lag oft den ganzen Tag auf ihrem Bett und starrte nachdenklich an die Decke. Sie dachte oft darüber nach, ob sie jetzt vielleicht aufstehen sollte, etwas unternehmen sollte, entschied sich aber immer dagegen und blieb liegen.
So ging es wochenlang.
Die Veränderung kam erst an einem Mittwoch, Mitte Mai.
Als Nelly den Raum zur Selbsthilfegruppe betrat, war Leander, wie immer, schon da und saß an seinem Platz. Nelly lächtelte ihn kurz an, Leanders Blick lag nachdenklich auf ihr, so als wolle er etwas sagen, wisse aber noch nicht, ob er es wirklich tun solle.
Nelly ließ Leander nicht aus den Augen, aus Angst, dass sie verpassen könnte, wenn er etwas sagte.
Paula kam, wie üblich, ein paar Minuten danach herein und setzte sich auf den Stuhl neben Nelly und die beiden begannen sich zu unterhalten.
Der Raum füllte sich und es schien alles wie immer.
Aber Nelly spürte, dass etwas anders war.
In der letzten Minute vor Beginn der Gruppensitzung, kam die Rothaarige mit einem kleinen Mädchen im Arm hereingeeilt.
Nelly folgte ihr mit Blicken durch den Raum, bis die Rothaarige sich setzte. Das Kind in ihren Armen schlief tief und fest.

"Wer ist die Kleine? Deine Schwester? Warum bringst du sie hierher mit?", fragte Jack so provokant wie eh und je. "Nein.", meinte die Rothaarige. Nelly konnte sich partout nicht mehr erinnern, wie sie hieß. "Sie ist nicht meine Schwester, sie ist meine Tochter. Und der Grund, warum ich jetzt hier bin." Im Raum wurde es still. Fast alle sahen betreteten auf die Tische. Die Rothaarige fuhr fort: "Vielleicht sollte ich es erzählen. Wenn das für euch in Ordnung ist?". Die Leute sagten alle nichts. Die Rothaarige war eine stille Person. Nelly konnte sich nicht erinnern, dass sie sie jemals mehr als zwei Worte hatte sprechen sehen. Nelly fand, wenn sie etwas erzählen wollte, sollte sie das auch tun. "Ja, bitte.", sagte Nelly. Die Rothaarige schenkte Nelly ein kurzes Lächeln, während Nelly den bohrenden Blick Leanders auf sich spürte. "Okay.", sagte die Rothaarige. Sie hielt immer noch das kleine Mädchen - ihre Tochter - im Arm. Unsicher sah sie einen Moment auf die Kleine hinab, dann hob sie den Kopf und begann zu erzählen:
"Ich war... sechzehn als ich schwanger wurde. Der Vater meiner Tochter weiß nicht, dass er Vater ist. Bevor man etwas davon gesehen hat, habe ich die Schule gewechselt. Im Januar vor meinem Abitur kam Myrla auf die Welt. Die folgenden Monate wurden ziemlich stressig, hatte ich doch zusätzlich zum Abiturstress noch meine kleine Tochter, die meinen Schlafmangel verstärkt hat. Ich hätte es ohne meine Mutter überhaupt nicht geschafft." Sie machte eine kurze Pause, und Paula tippte Nelly auf die Schulter. Schnell sah diese zu Leander. "Eine Frage.", sagte dieser. "Es tut mir leid, wenn du diese Frage geschmacklos oder wie auch immer findest, aber warum hast du nicht abgetrieben?".
Schnell sah Nelly wieder zur Rothaarigen. "Das war nie eine Option. Ich... hätte das nicht übers Herz gebracht. Außerdem: Ich liebe ihren Vater, irgendwie." Sie fuhr sich durch ihr rotes, glattes Haar. Paula tippte Nelly an und nickte in Richtung der Magersüchtigen.
"... mal.Wieso sagst du dem Vater deines Kindes nicht, dass er Vater ist? Wenn du ihn liebst, meine ich. Er hat doch ein Recht darauf, es zu erfahren.", verstand Nelly. Paula tippte sie wieder kurz an, Nelly sah erneut zur Rothaarigen. "Verurteilt mich nicht, für das, was ich jetzt sage, weil es in der Gesellschaft tabuisiert wird. Niklas, er... ist älter als ich. Fünfzehn Jahre. Und ich kann es ihm nicht sagen, weil, ich weiß selbst, dass es unglaubwürdig klingt, aber ich habe nicht gemerkt, dass wir miteinander... also ich bin aufgewacht und hatte seine Zunge im Hals stecken. Da bin ich aufgesprungen, habe bemerkt, dass ich nackt war, habe mich angezogen und die Wohnung verlassen. Wochen später habe ich bemerkt, dass ich schwanger war. Da bin ich ausgerastet, ich war so wütend auf Niklas, hatte ich ihn doch sogar gefragt, ob wir Sex hatten und er er mir demnach feige ins Gesicht gelogen hatte"
Die Rothaarige senkte den Blick auf ihre friedlich vor sich hinschlummernde Tochter und küsste sie sanft auf die Stirn. Paula tippte Nelly an, die daraufhin zu Lee sah. "..., dass du es erzählt hast, das war sehr mutig von dir. Wie fühlst du dich jetzt?"
Nelly verdrehte die Augen. Das war ein Klischee-Satz aus dem Mund einer Psychologin...

Nach der Stunde - Lee hatte nur noch schnell mitgeteilt, dass die Sitzung nächste Woche ausfallen würde, weil sie Urlaub hatte - lief Nelly zur Rothaarigen. Sie wollte ihr unbedingt etwas sagen.
"Hey, es hat mich berührt, was du vorhin gesagt hast." Nelly bemühte sich, sanft zu klingen, als sie die junge Mutter ansprach. Auf einen spontanen Einfall hin redete sie weiter. "Ich will mich dir nicht aufdrängen, aber wenn du mal jemanden zum Reden brauchst oder abends weggehen willst - wobei, vergiss das wieder, wir kennen uns ja nicht.", winkte sie schnell ab. "Nein. Ich danke dir und werde mich bei dir melden, ok?", wurde sie von ihrem Gegenüber unterbrochen. Nelly streckte der Rothaarigen die Hand hin. "Nelly.", stellte sie sich vor. "Regina.", meinte die Rothaarige.

MeShgWo Geschichten leben. Entdecke jetzt