Kapitel 9

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Neuntes Kapitel

Wieder wurde es Mittwoch und sie musste zur Selbsthilfegruppe gehen. Sie freute sich schon, Leander wiederzusehen. Von der Vorfreude gepackt, lief sie zügig, rannte schon fast die Treppe hinauf und bemühte sich dann, in normaler Geschwindigkeit die Tür zu öffnen und zu ihrem Platz zu laufen.
Suchend sah sie sich nach Leander um.
Er war nicht da. Ihre Freude verpuffte, wie Träume es manchmal unmittelbar nach dem Aufwachen taten. Zurück blieb ein seltsam hohles Gefühl. Hohl und doch war es kräftig genug, Nelly niederzudrücken.
Er war immer schon vor ihr da gewesen. Es war selbstverständlich, dass er, wenn sie die Tür öffnete, auf seinem Platz saß und den Kopf hob, sie auf ihrem Weg zu dem Stuhl nicht aus den Augen ließ. Nelly hatte sich daran gewöhnt, dass Leander verlässlich war. Und im Grunde war es die Tatsache, dass dieses Gewohnte, Verlässliche sich geändert hatte, der Grund ihrer inneren Leere.
Es war wie mit allen Dingen, an die man sich gewöhnt hatte. Ob ein Poster an der Wand, eine kleine Dose auf einer Kommode, Schuhe vor der Haustür, Kleinigkeiten, die man Tag für Tag sah und die einfach dazugehörten, doch dann plötzlich verschwanden. Fakt war, dass es anders war, und zurück blieb ein seltsam schwer greifbares Gefühl.
So ging es Nelly gerade.
Sie setzte sich an ihren Platz, die anderen schienen sie gar nicht zu bemerken.
Paula kam und setzte sich zu ihr.
Sie unterhielten sich, aber Nelly war unaufmerksam, unablässig huschte ihr Blick zu Tür.
Sie schalt sich selbst für ihr Benehmen. Dennoch konnte sie es nicht lassen.
Endlich, Punkt fünf, betrat Leander zusammen mit Lee den Raum.
Erleichtert atmete Nelly aus.

Nelly warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Das zweite Treffen mit Leander stand an. Und diesmal hatte er sie zu sich nach Hause eingeladen. Das war eine weitaus größere Herausforderung als beim Restaurant.
Denn in einem Restaurant saß man sich zumeist gegenüber, kein Problem fürs Lippenlesen.
Aber bei einem privaten Treffen, wie leicht könnte Nelly verpassen, dass Leander ihr eine Frage gestellt hatte?
"Hey, du schaffst das schon." Paula war hinter Nelly getreten, sie konnten sich im Spiegel sehen. "Du wirst sehen, es wird ein toller Tag werden.", sprach sie ihr weiter Mut zu.
Paula drückte kurz Nellys Schulter. "Ok, dann mal los.", meinte Nelly zu sich selbst, nahm Paulas Hand und zog sie hinter sich her zum Auto.

"Hallo. Du musst Nelly sein, richtig?" Klare Lippenbewegungen, aber nicht Leander. Eine Frau. "Ich bin Juice, freut mich, dich kennenzulernen." Nelly schüttelte kurz die entgegengestreckte Hand. "Ähm, ja ich wollte zu..." - "Ja, er ist oben in seinem Zimmer.", unterbrach Juice sie. "Erste Tür links." Nelly betrat das Haus und schloss es sofort ins Herz. Es war liebevoll dekoriert, Fotos verschiedenen Formats zierten die Wand. Auf den meisten Fotos war Leander, alleine oder mit seiner Familie, zu sehen. Meistens auf dem Fußballplatz. Die Treppe, die in den zweiten Stock führte, war breit und aus Holz, dunklem Holz. Nelly ließ sich Zeit, um die Atmosphäre des Hauses auf sich wirken zu lassen und sich auf das bevorstehende Gespräch vorzubereiten.
Einen Moment verweilte sie vor der Tür, dann klopfte sie zögerlich an, obwohl sie gar nicht hören könnte, falls Leander etwas rufen sollte. Und deshalb ließ sie ihm keine Zeit, sondern öffnete die Tür gleich, auf die Gefahr hin, ihn unbekleidet oder in sonst einer misslichen Lage vorzufinden.
Aber sie hatte Glück. Leander saß auf seinem Bett, angezogen, eine Gitarre auf dem Schoß und spielte offenbar. Nelly blinzelte die beim Anblick auf Leanders Finger, die über die Saiten der Gitarre flogen, aufkommenden Tränen beiseite. Sie vermisste die Musik sehr, seit sie taub war. Sehr sehr sehr.
Als Leander sie bemerkte, legte er die Gitarre weg. "Hallo. Tut mir leid, ich habe dich nicht kommen hören." Nelly lächelte. "Macht nichts." Nelly begann sich den Raum anzusehen, hatte aber immer ein Auge auf Leander, nur für den Fall, dass er zu sprechen anfangen sollte.
Doch er ließ ihr Zeit, sein Zimmer zu inspizieren. Am absolut schönsten fand Nelly die Sterne an der Decke. Es waren diese Sterne, die tagsüber Licht tankten und in Dunkelheit zu leuchten anfingen.
Vor dem Bücherregal blieb Nelly auch länger stehen. Sie las alle von vorne ersichtlichen Buchtitel durch und stellte mit Freuden fest, dass sie einige kannte und von anderen noch nie gehört hatte.
Vielleicht konnte sie sich mal welche von Leander ausleihen. "Ich wünschte, ich hätte so ein schönes Zimmer.", sagte sie. Unschlüssig stand sie mitten im Raum, so konnte sie Leander wenigstens gut von den Lippen lesen. "Tja, ich kann jetzt leider nicht sagen, dass dein Zimmer schön ist, ich habe es bisher ja noch nicht zu Gesicht bekommen.", meinte Leander. "Willst du dich setzen?" Einladend klopfte Leander neben sich auf das Bett. Nelly ging nicht weiter auf seine Frage ein. "Kann ich mir mal ein, zwei Bücher ausleihen?" - "Klar.", meinte Leander, verwundert über den plötzlichen Themenwechsel. "Liest du auch so gerne?" - "Ja. Unglaublich gerne. Ich verschlinge Bücher regelrecht." - "Ach? So schnell wie du lese ich allemal.", forderte Leander sie heraus. "Meinst du? Gut, wollen wir lesen? Wer schneller das Buch durch hat, hat gewonnen. Einverstanden?" - "Eine geniale Idee.", rief Leander freudig aus. "Du entscheidest, welches Buch ich lesen soll und ich entscheide, welches Buch du lesen sollst.", spann er den Gedanken weiter. "Einverstanden.", sagte Nelly. Sie ging wieder zum Bücherregal und ließ ihren Blick unschlüssig über die Buchrücken fliegen. Leander trat hinter sie, Nelly konnte seinen Atem in ihrem Nacken spüren. Sie bekam eine Gänsehaut, drehte den Kopf zu ihm herum. "Hier.", sagte er und zeigte auf ein Buch vor Nelly. "Das liest du." Nelly zog besagtes Buch aus dem Regal. "Kenne ich.", meinte sie und stellte das Buch zurück. Sie sah wieder zu Leander. '"Was soll ich da sagen? Ich kenne alle Bücher. Wir können doch auch Bücher lesen, die wir kennen." - "Stimmt. Aber ich möchte kein Buch lesen, das ich schon kenne.", meinte Nelly.

"Also, willst du generell trotzdem lesen?", wollte Leander wissen.
Erst wollte Nelly sagen, dass sie das auch zuhause tun könnte, doch dann fiel ihr ein, das Lesen Stillsein bedeutete und Stille bedeutete, nicht von den Lippen lesen müssen. Deshalb stimmte sie zu.
Sie zog ein ihr unbekanntes Buch aus dem Regal. "Oh, sehr gute Wahl. Aber es dauert ein bisschen, bis du durch bist.", kommentierte Leander Nellys Wahl. "Ich nehme... das hier." Er zog eines zwischen zwei Büchern heraus.
Die Bücher waren von der gleichen Schriftstellerin.

Nelly folgte Leander zu seinen Bett, ließ sich darauf nieder. Dann schlugen sie beide die Bücher auf und steckten ihre Nasen zwischen die Seiten.
Sie saßen nebeneinander und doch in unterschiedlichen Welten.

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