Der folgende Text ist bei einem Workshop in den kleinen Räumen unterm Dach meines geliebten Theaters entstanden. Ich hatte mich (und das kommt wirklich selten vor) ganz aktiv dazu entschieden, zu schreiben, weshalb ich mich im Workshop "kreative Schreibwerkstatt" eingetragen hatte und dann 8 Stunden in einem Raum mit anderen wundervoll kreativen Irren saß. Es tat unglaublich gut und meine Hände schmerzten zwar extrem, aber mein Kopf war danach so wundervoll bunt und trotzdem still. Ich liebe dieses Gefühl und habe es wohl viel zu selten.
Um auf den Punkt zurückzukommen: Am Ende des Workshoptags sollte noch ein kleiner Überblick über entstandene Projekte unserer und der anderen Gruppen stattfinden. Wir hatten also ein Ziel, aber ein Ziel ohne klare Wörter. Unser Denken ließ sich nicht so einfach beschränken, also zogen wir alle einen Zettel mit einer bestimmten Aufgabe, die immer im Kontext zur Vernunft stand, denn sie ist unser Leitfaden für diese Spielzeit.
Ich hatte Glück muss man sagen; sehr viel Glück. Als ob der Zettel sich mich ausgesucht hätte anstatt andersherum. Er war schon fast zu perfekt auf mein Leben ausgerichtet.
"Schreibe einen Abschiedsbrief an die Vernunft."
Nun, ich fing an, sehr breit zu lächeln und der Kampf auf dem Blatt Papier vor mir konnte beginnen.
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Vernunft.
Das hier wird meine letzte Ansprache an dich. Wir kennen uns seit ich ganz klein war, während du doch immer auf dieser Welt präsent und übermächtig warst.
Du wurdest mir am Kindbett vorgestellt und damals, als ich meinem Bruder seinen Teddy geklaut habe, weil mir selbst so unglaublich kalt war. Man hat mir erzählt, dass man das nicht tut; dass es nicht "vernünftig" sei. Damals kannte ich dich nur in deinen äußeren Zügen. Du warst wie leiser stiller Nebel, der sich um meine Schultern gehängt hat und mich von da an immer begleitete. Du warst mir fremd. Und irgendwie bist du es immer noch. Ich habe nie ganz begriffen, wie du entstanden bist. Du hast dich mir nie erklärt und bist immer so distanziert gewesen, ganz weit weg und dann doch so nah.
Ich habe Angst vor dir. Angst, weil du mir eine Kontrolle, eine Sicherheit vorgaukelst, die gar nicht existiert. Du hast mir nie etwas geschenkt; du hast mir Türen verriegelt bevor ich sehen konnte was dahinter liegt. Und du, Vernunft, bist egoistisch. Hast mich in den letzten fünfzehn Jahren nicht einmal gefragt, wie es mir dabei geht, wenn du versuchst, meine Handlungen zu steuern. Aber du erreichst mich nicht. Mein Herz habe ich nie an dich herangelassen und das weißt du. Du bist dir im Klaren darüber, dass du zwar meine Entscheidungen von Zeit zu Zeit triffst, du aber nie meine Gedanken beeinflussen können wirst. Wegen dir handelt mein Kopf gegen mein Herz , jeden einzelnen Tag. Und das nur, weil es so ... richtig ist?
Nur, weil mir alle sagen, dass DU wichtig bist, muss ich also die selbe Meinung haben? Nun, diese Meinung hat einen verdammt hohen Preis dafür, dass wir nicht wissen, wie alles ausgeht. Denn mein Körper ist in einem Zustand des Krieges, allein wegen dir; das Denken gegen mein Gefühl. Aber wieso lasse ich meinem Kopf und dir noch so viel Platz? Ich weiß doch genau, dass meine Gefühlswelt viel zerbrechlicher ist. Trotzdem nehme ich keine Rücksicht darauf, weil... es so "richtig" ist. Und ob richtig oder falsch, das flüsterst du mir ins Ohr.
Ich wäre gerne frei, lebendig und leicht. Einfach glücklich, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Aber du hinderst mich daran. Sicher, einige Menschen finden an dir Gefallen und fühlen sich sicher und geborgen, wenn du Du da bist. Mir geht es da anders. Für mich bist du grau und schwer und das zieht mich runter.
Du erinnerst mich an alle Fehler meines Lebens. Du lässt mich abstumpfen und dann, wenn du mich doch einmal alleine lässt, weiß ich nicht mehr wie sich fühlen überhaupt anfühlt. Und dann ist irgendwie alles kalt und dunkel. Ist das deine Bestimmung?
Wenn ja, dann gehörst du nicht in mein Leben. Du bringst mir gesellschaftliche Anerkennung und Ordnung und zwingst mich allgemeinnützig zu arbeiten; immer, überall. Und an sich ist das großartig. Aber es ist zu viel geworden, viel zu viel, weil ich mich dabei verliere und mein Perfektionismus und Helfersyndrom sich plötzlich abzeichnen wie Peitschenhiebe, die Narben für den Rest meines Lebens an meinem Körper hinterlassen.
Sehr geehrte Vernunft: Ist das immer noch vernünftig?
Für mich ganz und gar nicht mehr. Und wenn ich still bin und um mich herum alles vergesse, weiß ich, dass du eine Schwester hast. Und die ist mir sehr vertraut: Meine eigene Stimme.
Im Gegensatz zu dir weiß sie was richtig für mich ist und das ist genug an Vernunft. Denn die hat meine eigenen Vorstellungen in sich und weiß was für mich vernünftig ist. Sie macht mich frei und glücklich und vor allem unabhängig von dieser Welt. Und nur so kann ich weiterleben und damit meine ich wirklich leben und nicht nur die verbrauchte Luft wieder einzuatmen.
Liebe Vernunft: Du hast mir einiges beigebracht, hast mich festgehalten aber auch beengt und unterdrückt.
Ich bin jetzt bereit mich von dir zu trennen und von all deinen Erwartungen. Ich habe ein eigenes Leben und vielleicht, ganz vielleicht wird das ohne dich ein großartiges.
Auf Wiedersehen für immer.
Deine Sophie
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Thoughts.
PoetryMein Kopf quillt über vor Geschichten, Gedichten und zusammenhangslosen Sätzen , die mich nachts nicht schlafen lassen, weil sie mich nachdenken lassen. Meine Notizbücher sind überfüllt. Und vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass ich mich en...
