Kieselsteine

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Wenn ich schreibe, habe ich meistens kein Thema oder eine spezielle Eingebung. Es ist mehr wie ein Schnappschuss einer bestimmen Atmosphäre, die ich auf Papier bringen will.

Die Regentropfen laufen an den Fensterscheiben herunter und vereinen sich als eine große Menge am Rande des Fensters. Keiner wusste, wohin sie von dort aus gehen würden. Werden sie diesen Ort je wieder verlassen, sich den langen Weg nach oben zum Himmel hinauf quälen?
Die Fragen verstummen in der zurückliegenden Dunkelheit.
Ihre Antworten sind scheu und zeigen sich nur kurz, zu kurz um bemerkt zu werden.
Es gibt kein Ziel. Nicht heute, nicht morgen. Vielleicht gestern.

Draußen vor dem Fenster steht ein Junge mit einer leblosen Melodie in den Armen und versteht die Welt nicht mehr. Die Töne verschwimmen in der Dichte der schweren Sommerluft und fallen zu Boden.
An einem Ort, direkt nebenan und doch zu weit entfernt um hinüberzulaufen, lachen sie, witzeln in Gruppen über Dinge, die er nicht sieht und springen auf und ab, immer wieder.
Mit krausen Haaren und wirren Ideen.

Dann kommen die Antworten zurück, schleichen sich zu ihnen und flüstern ihnen zu. Für einen Moment wird es still. Und dann laufen sie aus dem Gestern hinaus und verschwinden. Einfach so.

Er hat immer versucht sich an das Gestern zu erinnern. Aber dort hat er nie gelebt. Er war immer einen Tag von den anderen entfernt, von allen Wahrheiten und fremden Gesichtern, die niemals zu Freunden wurden. Er war glücklich, kurz, für einen flüchtigen Moment. Aber dann wusste er nicht mehr wieso. Wer kein Gestern hat, der hat auch keine Geschichte.

Also steht er da, wortlos, namenlos.
Unbedeutend und unter dem Gewicht der Welt zu Boden gedrückt.
Ihr Lachen lässt seine Ohren schmerzen.
Verzweifelt versucht er, die toten Töne am Boden zu greifen und aufzufangen, bevor sie verglühen. Aber sie sind zu weit weg für ihn, weiter als das Gestern.
Also beginnt er, sich von ihnen zu entfernen.

Seine nackten Füße bluten, aufgeschlitzt von Kieselsteinen, die die Töne begraben.
Sie sind genauso still wie er.
Irgendwann war er bereit aufzugeben. Was spielt Zeit für eine Rolle, wenn man nicht nach ihr lebt?

Anders als die Realität sind die Kieselsteine nicht unerreichbar für ihn. Behutsam hebt er einen der grauen Steine auf und lässt ihn ganz langsam in seiner kleinen Hand umherrollen. Dann versinkt der Stein in der zuversichtlichen Dunkelheit seiner Tasche.
Sie vergessen das Gestern, Stein um Stein.

Die Kieselsteine liegen am Boden, unter ihnen die Töne und darunter der Himmel.
Er lächelt, erfüllt und verändert und ganz nah dran.
Und die Welt beginnt zu regnen.

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