Verletzt

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Cameron
Wenn du aufwachst, nachdem du dich den ganzen Abend...verdammt...die ganze Woche zugedröhnt hast, dann ist das ein bisschen so, als würde eine zehntausend Mann starke Armee gerade einen Atomkrieg in deinem Schädel führen. Nur um das große Ziel, den Sehnerv zu erreichen um dich dann im unpassendsten Moment erblinden zu lassen. Stöhnend rollte ich mich auf den Rücken und bemerkte, dass ich mich nicht in meinem Zimmer befand. Herrgott nochmal, ich befand mich ja noch nicht mal auf der Ranch. Innerlich total angewidert, mal wieder von mir selbst und wie sollte es auch anders sein, von der Welt, drehte ich mich um und erblickte das zu dünne, zu dämliche Mädchen. Ja, die konnte ich auch zu der Liste addieren, von Dingen, die mich anwiderten. Mit spitzen Fingern löste ich ihre dünne Hand von meinem Oberarm. Äußerst vorsichtig ihr nichts zu brechen. Bei meinem Glück war sie nämlich bestimmt nicht nur spindeldürr sondern hatte auch noch Glasknochen... Ihre Augenlider flatterten auf und ein zurückgebliebenes Lächeln umspielte ihren dünnen Mund. Alles an ihr war dünn. Ihr Körper, ihre Lippen, ihre Persönlichkeit. Und ich bereute es, nicht geflüchtet zu sein, als ich noch die Chance dazu gehabt hatte.
"Guten Morgen", sagte sie und schürzte die Lippen.
"Ja, es ist morgen, aber gut ist er nicht", erwiderte ich und stieg aus dem Bett, sammelte meine Klamotten zusammen und zog mich an. Das Magermodel richtete sich auf und hielt das Laken dicht an ihre Brust gepresst.
"Was soll das denn heißen?",fragte sie und zog die schmalen Augenbrauen zusammen.
"Such dir was aus",erwiderte ich genervt und ging zur Tür.
"Hey, warte doch mal", kreischte sie und ich drehte mich um. Sie hörte sich an, als hinge davon ihr Leben ab.
"Was denn noch?", fragte ich deshalb und lehnte mich gegen die Wand.
"Sehen wir uns wieder?" Ich verdrehte die Augen. Die war dämlicher, als erwartet. Es war doch wohl klar, dass ich keine Lust auf eine Rückrunde hatte.
"Nein", sagte ich deshalb und öffnete die Tür.
"Ach komm schon. Bitte", flehte sie und ich schaute über die Schulter zu ihr zurück. Sie blickte mich entsetzt an.
"Hör zu, wir wissen noch nicht mal den Namen des anderen", warf ich ein. Das wollte ich auch nicht.
"Na wenn das so ist: Ich bin Leslie."
"Schön für dich, Leslie." Ich blickte mich nicht mehr um und verließ den Raum. Ich fühlte mich beschissen. Ich hatte den Kater des Todes und ein schlechtes Gewissen. Nicht dem Mädel, dessen Namen ich schon wieder vergessen hatte, sondern Jules gegenüber. Julianne Summers und ich hatten nie etwas miteinander gehabt, doch sie verdrehte mir den Kopf und ich wusste nicht, was ich dagegen tun sollte.

Jules
Um 5 Uhr schreckte ich auf. Desorientiert schaute ich mich um und bemerkte, dass ich auf dem Sofa eingeschlafen war. Mein Buch lag auf der Erde, genau wie die leichte Decke unter der ich geschlafen hatte. Total verspannt setzte ich mich auf und massierte mir den Nacken. Nie wieder. Nie wieder eine Nacht auf dem Sofa. Gerade, als ich aufstehen wollte um mir ein Glas Wasser zu holen, hörte ich die Haustür quietschen. Mitten im Aufstehen erstarrte ich und blickte ängstlich zur Tür. Ich mag ja taff sein, aber ich war nicht die Mutigste. Und von einem verdammten Einbrecher auf einer Ranch irgendwo im Nirgendwo getötet zu werden, stand definitiv nicht auf meiner To-Do-Liste. Also schnappte ich mir den Brieföffner und tapste auf leisen Sohlen in den Flur. Mit pochendem Herzen presste ich mich gegen die Wand und hielt den Atem an, als die Tür Stück für Stück aufgestoßen wurde. Das dämliche Quietschen brachte mich fast um den Verstand. Ein Fuß erschien und der Körper folgte. Mein Verstand setzte aus und ich stürzte vorwärts. Nicht besonders erfolgreich, wie ich feststellen musste, denn der Angreifer packte mich bei den Handgelenken und drückte mich gegen die Wand. Ich öffnete den Mund um zu schreien, doch er legte mir eine Hand vor die Lippen und ich erkannte ihn. Cameron. Mit seinem großen Körper drückte er sich gegen mich und schaute auf mich hinab. Er sah müde aus, fertig. Dicke Augenringe hatten sich unter seinen blauen Augen gebildet, die matt in meine blickten.
"Schhhh, nicht schreien, Barbie", flüsterte er und ich drückte ihn leicht von mir weg. Halbherzig. Er verstärkte das Gewicht, mit dem er sich gegen mich lehnte und nahm vorsichtig die Hand von meinem Mund.
"Siehst du scheiße aus", sagte ich und er grinste schief.
"Tu ich nicht", erwiderte er und kam mit seinem Mund näher. Ein Teil von mir wollte dem einfach nachgeben, aber Cam war nun mal Cam und bisher hatte ich keine rosigen Zeiten mit ihm gehabt.
"Und du stinkst wie ein toter Otter", meinte ich und versuchte mich zu befreien. Er kam noch näher und schien sich nicht an mir zu stören. "Cameron, ich meine es ernst. Lass mich los", forderte ich und es tat mir so, so weh, als ich sah, wie seine Gesichtszüge entgleisten. Er ließ mich sofort los und schaffte mit nur einem Schritt beinahe zwei Meter Abstand zwischen uns.
"Na dann", murmelte er, fuhr sich durchs Haar und wandte sich um. Da drehte Cameron sich noch einmal zu mir und sagte:"Wären das die Typen gewesen, die die Rinder getötet haben, dann säßest du jetzt zusammen mit ihnen auf einer Wolke." Ich schnappte nach Luft und starrte ihn an. Langsam kam ich auf ihn zu und baute mich vor ihm auf.
"Ich wäre gar nicht in der Situation gewesen, wenn du nicht die ganze Nacht auf Sauftour gewesen wärst", zischte ich und stach ihm mit dem Zeigefinger gegen seine breite Brust. Er legte einen kalten Finger unter mein Kinn und drückte es hoch. Unsere Blicke trafen sich und gegen meinen Willen lief mir ein Schauer den Rücken runter. Ein wohliger Schauer, der mich zugleich auch ängstigte, weil ich nichts dagegen tun konnte. Ich mochte es nicht keine Kontrolle zu haben und in letzter Zeit kam das ziemlich häufig vor. Allein bei dem Gedanken daran schlotterten mir die Knie. Obwohl sie diesmal wahrscheinlich eher wegen Cameron zu Wackelpudding mutiert waren.
"Woher willst du wissen, dass ich nur auf Sauftour war", flüsterte er und da bemerkte ich den roten Fleck an seinem Hals. Ein Knutschfleck. Ich machte mich los und fuhr mir mit den Händen übers Gesicht. Zeig es nicht. Zeig ihm nicht, wie sehr es dich verletzt. Es war doch total irrational. Er stieß mir immer wieder vor den Kopf und jetzt wollte er mich verletzen? Aber auf der anderen Seite tat ich das selbe mit ihm. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn. Warum hatte er diese Macht über mich? Und warum nutzte er jede Gelegenheit um mir eine reinzuwürgen? Eigentlich sollte es mir kalt den Buckel runter rutschen und nicht schwer in meinem Magen liegen, wenn er mit einer anderen zusammen war. Aber irgendwie konnte ich nichts gegen das blöde Gefühl in meinem Inneren tun, das mir die Luft zum Atmen abschnürte.
"Dann hoffe ich mal, dass du dir keine Geschlechtskrankheit geholt hast", sagte ich monoton und ging in mein Zimmer. Ich musste mir Cameron Boudreaux aus dem Kopf schlagen und viel wichtiger: Aus dem Herzen. Er machte mich einfach fertig.

Fighting Cameron Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt