Damianas Pov
Mir war bewusst, dass es ihm unangenehm war, wenn ich ihn so sah. Immerhin hatte ich Augen im Kopf. Und trotzdem, war mein Bedürfnis ihm zu helfen so groß, wie es selten jemals war. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich und wurde etwas härter. Doch er öffnete die Tür und trat bei Seite. Ich atmete tief ein und zog meine Jacke aus. Die Schuhe stellte ich vor der Tür ab, während er voraus ging. Als ich seine Wohnung betrat, schlug mir der Geruch von Kaffeebohnen, Vanille und Gummi entgegen. Ich war ein wenig überrascht über die Ordnung hier. Schließlich fiel mir jedoch ein, dass er zur Ordnung erzogen worden sein musste. Das waren sie alle aus der Armee. Ich legte meine Jacke auf der Couch Lehne ab. Das Wohnzimmer war schlicht gehalten und trotzdem Modern. Mit dieser schwarzen Ledersofa und den dunklen Holz-Möbeln. Wahrscheinlich Mahagoni. Ich war mir sicher, dass er diese Wohnung bereits so erhalten hatte. Kein Mann der Welt hatte so ein Gefühl für Farben und Style. Ich setzte mich auf die Couch und er kam wenig später mit einer Tasse Kaffee und zwei Gläsern Wasser nach. "Was anderes habe ich gerade nicht im Haus." Er setzte sich auf den Sessel links von der Couch. Natürlich in demselben schwarzen Leder. "Schon gut, Kaffee ist nie eine schlechte Idee." Unweigerlich lächelte ich und betrachtete den schwarzhaarigen Mann vor mir. Seine Haut hatte immer noch diesen leichten olivfarbenen Ton, was darauf schließen ließ, dass er noch nicht sehr lang zurück war. Die hellen blauen Augen bildeten einen perfekten Kontrast zu seiner Haut. Trotz all diesen Stimmigkeiten, lag ein gewisser Schmerz darin. So tief, als wäre er in seinem Wesen verankert. Als hätte er schon immer Bestand. "Danke." Erwiderte ich bloß als ich die Tasse aufnahm und meine Hände kurz an ihr wärmte. Seine Wohnung war eiskalt, aber ich beschwerte mich nicht. Mein Vater hatte bestimmte Zimmer auch nie geheizt. Auch nicht im Winter. Vielleicht brauchte er einfach diesen Gegensätzlichkeit zur Hitze Afghanistans. Wer weiß, vielleicht hielt die Kälte ihn auf dem Boden der Tatsachen. Du brauchst jemanden der dich zurückbringt. Lass es mich sein! Ich kenne es, ich hab das schon mal gemacht. Ich kann es wieder tun... Wollte ich ihm entgegenschleudern, doch egal wie selbstsicher ich war. Er schaffte es mich zum zweifeln zu bringen, allein durch die Art und Weise wie er mich ansah. Wie er seine Arme verschränkte und seine Fäuste ballte. Sein ganzer Körper signalisierte Ablehnung, Abneigung und Wiederstand. "Hast du Schmerzen?" Fragte ich leise. Auch wenn es mich überhaupt nichts an ging. Ich musterte ihn nachdenklich und es fiel mir sofort auf, als seine Hand zu seiner Schulter wanderte. Phantomschmerzen. Eine Wunde die verheilt war und trotzdem noch schmerzte. Allein weil die Erinnerung schmerzte. Ich konnte an seinen Augen beobachten wie er förmlich weg driftete. "Jason?" Fragte ich erneut, um ihn aus seiner beginnenden Trance zu holen. "Mh... Ja." Antwortete er letztendlich ertappt. "Es wird nicht aufhören. Zumindest nicht, bis du deine Schuldgefühle loswirst." Er drehte den Kopf zu mir und stand auf. "Tja, dann wird es niemals aufhören. Ich bin schuldig! Jeder von uns ist es." Er wurde immer lauter und ich zuckte etwas zurück. "Weißt du was es heißt, jemanden verbluten und sterben zu sehen, direkt vor deinen Füßen? Oder die letzten Momente mit jemandem zu teilen, obwohl du genau weißt, er wäre Zehntausend mal lieber in den Armen seiner Frau und seinen Kindern. Auch wenn es immer noch den Tod bedeuten würde? Verstehst du die Hilflosigkeit, die man spürt, wenn das einzige was du tun kannst, ist ihm Morphin zu verpassen und zu hoffen, dass er schnell stirbt?" Während ich in seine Augen starrte, hatte ich das Gefühl in einen Abgrund zu blicken; und er blickte auch in mich hinein. Noch nie zuvor hatte ich jemandes Augen so sehr sprechen sehen wie bei ihm. Nicht einmal bei meinem Vater. Vielleicht war mein Vater sogar ein schlechter Mensch, vielleicht hatte es ihn nie so sehr mit genommen. Vielleicht konnte ich Jason nicht helfen, weil er einen wesentlichen Teil von sich dort verloren hatte. Und vielleicht teilte er das Schicksaal so vieler anderer Soldaten, den Kampf zu verlieren. Ich konnte einfach beim besten Willen keinen anderen Grund dafür erkennen, weshalb er weiter machte und kämpfte. Es wäre so viel einfacher, nach zu geben und allem ein Ende zu setzten. Doch schließlich erinnerte ich mich an die Worte meines Vaters. Der Grund warum er weiter machte, war nicht meine Mutter. Auch nicht ich. Er wusste wir würden es auch ohne ihn schaffen. Aber die Gewissheit quälte ihn, dass Menschen für ihn gestorben waren, damit er zurückkommen konnte. Und dieses Geschenk konnte er nicht einfach wegwerfen. Egal wie schlecht es ihm ging, so ging es den Menschen die ihr leben gelassen hatten, für ihn, sehr viel schlechter. Während er sprach, war er aufgestanden und lief auf das Sofa zu auf dem ich saß. Unweigerlich stellte ich die Tasse weg und lehnte mich zurück. Ich sah ihn aus meinen großen braunen Augen an. Er war immer noch unberechenbar und nicht die leiseste Zuckung seiner Muskeln verriet was er vorhatte. Es machte mir Angst. Er machte mir Angst. Mein Brustkorb hob und senkte sich ungleichmäßig und etwas zu schnell, wurde ich doch nervös als er sich schließlich etwas über mich lehnte und an der Couch abstützte. „Nein, Ich weiß nicht wie das ist oder wie du dich fühlst. Aber wenn du mich lässt, kann ich versuchen dich zu verstehen. Auch wenn ich dir nicht helfen kann, so wärst du wenigstens nicht allein." Nein, ich konnte ihm nicht versprechen, dass ich ihm helfen oder ihn gar heilen konnte. Aber ich konnte versprechen, dass er nicht allein sein würde. Offensichtlich belustigt schüttelte er den Kopf und grinste beinahe schon schief. Er glaubte mir nicht. Und ich konnte es ihm nicht verübeln. Er kannte mich kaum. So wie ich ihn kaum kannte. „Du hast Angst. Vielleicht nicht unbedingt vor mir. Aber vor dem was ich tun könnte." Stellte er fest und zuckte mit den Schultern. „Wie könntest du dann hier bei mir sein, während ich auf Wände einschlage, schreie und Sache zerstöre?" Ich sah ihm nach als er sich von mir abwandte und stand auf um ihm die Paar schritte die er gegangen war nach zu laufen. „Du weißt doch gar nicht was ich aushalte und was nicht! Wie kannst du nur über mich urteilen? Gerade du!" Sein grinsen verschwand. Analytisch musterte er mich und schien jede Bewegung und Regung meiner Muskeln und Sehnen wahr zu nehmen. Als ob ihm das verräterische Pochen meines Herzens und die flachen, ungleichmäßigen Atemzüge meiner Lunge Auskunft geben würden, über die Wahrheit meiner Worte. Ich konnte sehen wie sich die Pupillen in seinen distanzierten blauen Augen weitete und wieder verengte. Wie eine Statue stand er da. Felsenfest und ohne jede Bewegung verharrte er. Still wie ein Stein. Eine Sekunde lang hätte ich geglaubt, dass er einer war. Schien er noch nicht einmal tatsächlich Emotionen zu empfinden wie ein normaler Mensch. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, änderte er seine Richtung und ging auf mich zu. Beinah krampfhaft musste ich den Instinkt unterdrücken, vor ihm zurück zu weichen. Was nicht leicht fiel, wenn man ihn so ansah. Er war gute 1,85m groß und nicht gerade zierlich gebaut. Eher das Gegenteil davon. Er strahlte eine gewisse Selbstverständlichkeit aus mit der er sich bewegte. Als hätte er jeden Muskel, jede Sehne unter Kontrolle. Zum bersten gespannt und immer bereit sie einzusetzen, wenn er musste. Meine Augen weiteten sich leicht und mein Atem stockte unwillkürlich als er nur noch wenige Zentimeter vor mir stand und mich zurückdrängte, bis ich mit dem Rücken zur Wand stand. Jeder Fluchtweg versperrt war und ich keine Möglichkeit hatte ihm zu entkommen. Selbst wenn ich wollte. Es war offensichtlich, wie sehr er es genoss im recht zu sein. Ja ich hatte Angst. Nicht weil ich dachte, er würde mir etwas tun. Aber tatsächlich keimten in mir Zweifel auf. Ich hatte Angst ihn zu enttäuschen. Wenn er mir Vertraute, war das schwer für ihn. Das wusste ich. Und ich befürchtete, wenn ich ihn enttäuschte, würde er nie wieder einen anderen, fremden Menschen in sein Leben lassen. Selbst wenn er ihm wirklich helfen konnte. Im Gegensatz zu mir. Ich konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren. So nah stand er vor mir. Und doch glaubte ich nicht, dass er in der Lage wäre, jemandem etwas anzutun. Nicht mit Absicht.
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So, nicht mein bestes Kapitel, aber ich musste jetzt einfach mal weiter machen. Sonst wäre ich wahrscheinlich auf ewig in meiner Blockade stecken geblieben...
Trotzdem viel spaß beim lesen und mal wieder ein großes Danke an all die netten Kommentare und Votes! :)
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Some last words?
RomanceTiefe Schatten stellten die Augenringe dar, welche Folge von unzähligen schlaflosen Nächten waren. Augen, welche ihr letztes erblickt hatten und lange nicht mehr das Tor zu seiner von Finsternis umhüllten Seele waren, waren verschleiert und kalt. Se...
