Kapitel 22 | Zwischen Leben und Tod

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("I don't know who I am" ~ Qawi Kamri)

••••••Fünf Tage später••••••

Daelar betrat Senzajins Zimmer zum gefühlt zwanzigsten Mal.
Dhania saß noch immer auf einem Stuhl neben Ori, die seit der Verabreichung von Senzajins Gift nicht aufgewacht war, und streichelte ihren Handrücken.
Es war, als würde Ori im Sterben liegen und Dhania schon jetzt um sie trauern.
So wirkte es auf den Waldläufer.
Er stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab und streichelte Dhanias Wange.
Sie starrte weiterhin auf Ori.
Der Ausdruck von Schmerz hatte sich erst vor wenigen Stunden auf das Gesicht der Blutelfe geschlichen.
Auf Wunsch von Dhania hatte Daelar die 'Waffenkammer' wieder an ihren Platz gebracht und die Siegel entfernt, sodass jeder wieder ein und aus gehen konnte.
Erschreckend war, dass weder Filian, noch Katlynn, Sakura oder Nhim etwas für Ori tun konnten.
Sie alle konnten nur warten.
"Sie stirbt nicht, Dhania." Daelar küsste die Leerenelfe auf die Stirn. "Sie stirbt schon nicht."
"Du hättest das nicht tun sollen.", erwiderte Dhanias stockende Stimme, mit der sie samt den sechs Worten vor fünf Tagen Daelars Schuldbewusstsein geweckt hatte.
"Ich weiß, ich weiß..." Reue setzte sich wie ein Klumpen in seinem Hals ab und machte ihm mehr Worte unmöglich.
"Wenn sie stirbt..." Dhania verstummte und sprach nach einiger Zeit weiter. "Wenn sie stirbt, dann..." Sie holte tief Luft. "...dann werden wir Senzajin fragen müssen, ob er mit ihr sterben will."
"Das...wird nicht...nötig sein..." Eine keuchende Stimme ertönte und ein paar kraftlose Schritte kündigten einen Neuankömmling an. "Sie...stirbt nicht..."
Ein größtenteils einbandagierter, rotäugiger Elf trat neben sie und kroch dann auf das Bett und neben Ori.
Senzajin.
Daelar unterdrückte weitere Reuegefühle.
"Geh raus." Die roten Augen funkelten ihn hasserfüllt an - doch Daelar akzeptierte den Hass, er hatte seinem Bruder schreckliche Dinge angetan. "Jetzt."
Er sah kurz zu Dhania, die den neuen Besucher nicht mal angeschielt hatte.
"Gegen deine Anwesenheit hätte ich nichts...", wandte sich Senzajin an Dhania, mit einer unerwartet sanften Stimme. "...aber ich kenne nur eine Methode, die Ori helfen könnte, und es wäre mir lieber, wenn du dann mit Daelar woanders hingehst."
"Wehe, wenn sie stirbt.", sagte Dhania nur, stand auf und verließ das Zimmer nach Daelar und schloss die Tür hinter sich.

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~Oris Sicht~

Sie spürte etwas heißes auf ihren Wangen und Schmerzen an ihrem Bauch und ihrem Rücken, als hätte jemand versucht, sie zu Tode zu schlagen.
Vielleicht hatte das jemand tatsächlich versucht...
Stöhnend öffnete sie ihre Augen und hob eine Hand, um das heiße Zeug auf ihrer Wange wegzuwischen.
Eine andere Hand, deren zugehöriger Arm komplett zubandagiert war, kam ihr zuvor.
Die Hand hielt ihre fest und eine andere Hand wischte das Zeug weg.
Ori stellte fest, dass es Blut war.
"Also bin ich wohl doch noch irgendwie hilfreich.", lachte eine Stimme, nach der sich Ori schon lange gesehnt hatte.
"Senzajin...?", fragte sie leise.
"Ja?" Sie wurde ein wenig gedreht, bis ihr Kopf an einer einbandagierten Brust lag.
Sie sah ein wenig hoch.
Senzajins geliebtes Gesicht war da und er lächelte sie sanft an.
"Was ist denn mit dir passiert?", fragte Ori überrascht und unterdrückte ein Kichern, als sie sich vorstellte, was passiert sein könnte.
"Ach, das war nur Khuran." Der rotäugige Elf lächelte und drückte sie an sich, obwohl sie unter der Bettdecke und er über der Bettdecke lag. "Er sagte plötzlich etwas von, ich sei ein Masochist, und fing an mich zu verletzen, auch wenn ich nicht ganz verstehe, was er damit erreichen wollte."
"Wahrscheinlich dass du dich ihm 'hingibst', wie manche das formulieren würden.", schmunzelte Ori und streichelte Senzajins Wange. "Aber er versteht einfach nicht, dass du mir gehörst."
"Ganz falsch." Senzajin beugte sich so weit vor, bis sein Atem ihre Lippen streichelte. "Wenn überhaupt, dann gehörst   d u   m i r."
Ori lachte leise.
Und da war er wieder.
Senzajins habgieriger Drache.
Irgendwie liebte sie diese Seite an ihm.
"Was?" Senzajin sah sie fragend an. "Hab ich etwas falsches gesagt?"
"Nein, nein..." Ori schüttelte nur den Kopf und grinste ihn an. "Ich mag nur den Drachen in dir. Er ist ganz amüsant anzusehen."
"Du findest meinen Drachen nur amüsant?" Senzajin zog eine Augenbraue hoch und legte eine Hand auf ihre Hüfte. Zu Oris Enttäuschung auf der Bettdecke.
"Nicht nur amüsant.", verbesserte sie sich und rückte näher zu ihm, als Kälte in ihre Knochen kroch.
Seine angenehme Hitze - man konnte es schließlich nicht mehr Wärme nennen - bannte die Kälte jedoch sofort.
"Hilfreich? Anziehend?" Senzajin grinste. "Findest du noch andere Wörter?"
"Nicht jetzt, ich bin überfordert." Ori grinste zurück und wandte sich um, als ihr der Geruch von warmen Essen in die Nase stieg.
Ein Tablett stand in der Nähe.
Oris Magen gab ein lautes Knurren von sich.
Selbiges geschah mit Senzajins Magen.
"Worauf warten wir dann noch?" Ori setzte sich auf und stellte das Tablett zwischen sie und Senzajin, der allerdings mit dem Rücken zu ihr saß. "Was ist denn jetzt schon wieder los?" Sie lachte leise.
"Ich dachte, du willst dir vielleicht etwas anziehen..."
"Du bist mein Seelenverwandter, da ist es doch egal, ob ich angezogen bin oder nur Unterwäsche trage, meinst du nicht?" Ori grinste und kniff leicht in die Spitze seines Ohrs.
Senzajin drehte sich langsam um, sah sie jedoch nicht an.
Den Blick auf das Tablett gerichtet, konzentrierte er sich auf das Essen.
Die ersten Minuten ließ Ori ihn das tun, doch dann wurde ihr die Stille zu unangenehm und sie griff mit beiden Händen nach seinem Gesicht und hob es auf Augenhöhe.
Kaum dass sich ihre Blicke trafen, lief Senzajin rot an.
"Schon besser.", meinte Ori und ließ ihn los. "Ich liebe dein Gesicht und deine Gefühle darin, Senzajin, also versteck es nicht."
Senzajin nickte und aß weiter.
Ori merkte, wie schwer es ihm fiel, seinen Blick nicht abwärts streichen zu lassen.
Sie seufzte, stand auf und nahm ein Hemd aus einer Schublade und zog es sich über den Kopf. "Besser so?"
"Na ja..." Senzajin kratzte sich am Kopf. "Sagen wir, für den Moment wäre es sinnvoller, aber nicht besser."
Ori lachte und setzte sich wieder. "Na dann, Milord Sinnvoll-aber-nicht-besser, ich hoffe, das Mahl mundet Euch."
Senzajin schmunzelte nur und Ori wusste, woran er dachte.
In den Experimentierkerkern gab es Tage, an denen ihm und den sogenannten 'Fluchkindern', wie man die nach Senzajins 'Tod' geborenen und verfluchten Elfenkinder nannte, gar kein Essen gegeben wurde - was sich sogar über Wochen zog - und wenn sie etwas bekamen, dann diente auch das experimentellen Zwecken.
Laut Senzajin waren innerhalb einer Woche zwanzig Fluchkinder gestorben, alle unter zehn Jahren alt.
Sicher dachte er wieder zurück.
Ori streichelte seine Wange und als der Elf stumm zu weinen begann, beugte sie sich vor und küsste seine Tränen weg.

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