Kapitel 45 | Ein Krieger des Lichts

17 2 0
                                        

Die Abendszenerie Nyaniens verschlug Turalyon den Atem.
Während im Osten der Sternenmahlstrom sichtbar wurde, versank die Sonne im Westen und färbte den Himmel in strahlendes rosarot und orange.

Eine leichte Brise sammelte ein paar herabsegelnde rote Blätter und ließ sie mehrmals um den schwer gerüsteten Paladin fliegen, bevor sie sich auf dem Boden in die kunterbunte Blumenwiese gesellten.

"Ist das..." Überwältigt ließ Turalyon ihren Arm los und sah sich um.
"Nyanien." Ori nickte und zeigte auf die Festung. "Das ist die Ostfestung, an der müssen wir vorbei, dahinter liegt der Palast." Sie schwang sich auf Zaeiths Rücken und sah ihn fragend an. "Schaffst du noch eine Person?"
"Gegebenenfalls würde ich mich noch anbieten."
Ori sah zu der neuen Person. "Wie willst du ihn denn bitte transportieren, Nhim?"
"Wir können uns auch verwandeln." Nhim grinste und seine Katzenohren zuckten belustigt. "Außerdem glaube ich kaum, dass Zaeith jemand anderen als dich auf seinem Rücken haben will."
Der Wolf knurrte leise.
"Also. Ich wollte sowieso zu König Löen. Katlynn benötigt etwas Hilfe." Nhim nickte Turalyon zu. "Außerdem wäre es mir eine Ehre, einen Krieger des Lichts zu ihm bringen zu dürfen."
"Dann bitte." Ori konnte nicht sagen, ob ihr Vater ihn verstand, doch er sah aus als habe er einen Geist gesehen.

Nhim grinste noch breiter, löste sich in goldenes Licht auf und setzte sich wieder zu einer überdimensionalen Katze zusammen, die den Paladin auffordernd anschnurrte.
Wohl ein wenig Beherrschung zurückerlangend schwang er sich auf Nhims rücken und hielt sich an dem weichen Fell fest, welches gerade lang genug dafür war.

Dann ging es auch schon los.
Stetig um sich und gelegentlich wieder auf seine Hände schauend betrachtete Turalyon die an sich vorbeiziehende Gegend, die Tiere und die Nyanier, die durch die Wiesen und Felder gingen und der kleinen Gruppe interessiert hinterhersahen.
Doch der Ritt war nicht von langer Dauer.
Vor den Toren des güldenen und thalassisch ausgebauten Palasts wurden sie von zwei Wachen der Nachtheuler aufgehalten.

"Wir haben Befehl, niemanden einzulassen.", sagte der hochgewachsenere von ihnen mit einer Lucas sehr ähnlichen Stimme. "Erst Recht keine Fremde."
Turalyon rutschte daraufhin von Nhims Rücken, der sich sofort wieder in seine katzenhafte Gestalt zurückzog.
"Meine Schwester Katlynn geht gerade den Spuren nach und wir sollen ihr dabei helfen.", erklärte er sich. "Und dieser Fremde ist ein Krieger des Lichts. Wie kann ein solcher Pläne gegen uns schmieden?"
"Alles geht, Nhim Donnerfaust.", knurrte die andere Wache. "Und wenn er nicht grundlos hier ist, warum dann?"
"Er ist mein Vater.", mischte Ori sich ein. "Wir bringen Nachricht von unserem eigenen König. Es ist höchst persönlich und mit Sicherheit in Interesse Eurer Majestät. Außerdem...", fügte sie kleinlaut hinzu. "...sollte Thanduril, Katlynns Geliebter, ebenfalls hier sein."
"Dann..." Die Wachen klopften ohne hinzusehen ein Klopfzeichen gegen die massiven Holztore, die daraufhin einen Spalt breit geöffnet wurden, gerade genug für sie zum Passieren.

Erleichtert seufzend im Hof angekommen, sah Ori um sich.
Die angespannte Stimmung war deutlich erkennbar.
Die Reittiere in und außerhalb der Ställe, meist Pferde und Greifen, scharrten unruhig aus, die Vögel piepten sich mit langen Pausen kurz etwas zu und die Diener waren blass und kaum konzentriert wie auch sehr leicht zu erschrecken.

"Erstaunlich, was für eine Auswirkung diese ganze kleine Entdeckung hatte...", murmelte Ori und sprang von Zaeiths Rücken, als sie die Treppen an einem Springbrunnen vorbei hoch zum Eingangstor des Palastgebäudes erreichten.
"Natürlich, bedenkt man, wie lange er schon problemlos den Thron besitzt.", stimmte ihr Nhim ohne zu zögern zu. "Ich hoffe, wir werden vorankommen. Wenn wirklich ein Anschlag geplant war..."
"In allen Fällen ist es vonnöten, ihn in Sicherheit zu bringen." Entschlossen erklomm Turalyon die letzten Stufen und marschierte Nhim hinterher in die ebenfalls güldenen Flure, von denen der größte mehr als offensichtlich zum Thronsaal führte.

In ebendiesem stand auch schon Thanduril mit übertriebenem Abstand zu Löen, der mit wachsamen Augen sein Gegenüber und die Neuankömmlinge, besonders Turalyon, musterte, während Katlynn durch den Raum wuselte und hier und da einen Zauber wirkte, in der Hand zwei goldene Kelche, die mit Rubinen bestückt waren.
Auffällig genug, bedachte man, dass alles - im Gegensatz zu Silbermond - blau-golden gehalten wurde.

Thanduril sah hilfesuchend über seine Schulter, als sie zu ihm traten und Nhim sich sogleich seiner Schwester anschloss.

"Willkommen zurück, Leerenhüterin.", begrüßte Löen sie freundlich lächelnd. "Wen bringt Ihr mit Euch?"
"Hochexarch Turalyon, Vater von Ori, wenn ich mich selbst vorstellen darf, Ihre Majestät.", hob dieser seine Stimme mit einer leichten Verbeugung, die den Monarchen schmunzeln ließ.
"Sehr erfreut.", erwiderte er. "Krieger des Lichts sahen wir seit der Zerstörung von Argus schon nicht mehr. Es tut gut, wieder einen solchen begrüßen zu dürfen."
"Die Freude ist ganz meinerseits, doch ich bezweifle, dass sie in dieser Situation angebracht ist, Majestät."
"Wie meinen?"
"Uns auf Azeroth wurde von der sensiblen Situation berichtet, in der Ihr Euch befindet, und wir bieten Euch Zuflucht wie auch Hilfe an." Der entschlossene Ausdruck in Turalyons Zügen bewegte sichtlich etwas in dem löwenartigen König. "Wir könnten die gegebenenfalls existenten Mörder in dem Glauben lassen, Ihr wärt hier, damit sie ihre Spuren sichtbarer machen, während Ihr in unserer neutralen Stadt Dalaran unter Bewachung der Kirin Tor selbst auf nähere Informationen wartet."
"Es klingt verlockend...", begann Löen langsam und nachdenklich. "...doch wer garantiert mir, dass es nicht Eure Leute sind, die mir den Garaus machen wollen?"
"Das hier, mein König." Triumphierend streckte Katlynn ihm ihren Fund entgegen.
Ein smaragdener Stein lang auf ihrer Handfläche, geschliffen zu einem Ring, der die Verzierungen eines Naga zeigte.

"Khurans Dorf!" Thandurils Augen wurden groß. "Warum sollten sie-"
"Der Clan war schon immer scheinheilig.", gab Löen zu. "Die meisten Verbrecher stammen aus ihrem Dorf. Wir sollten es endlich beenden. Eulania..." Die Nachtwächterin war offenbar die ganze Zeit hinter dem Thron. "...gib den Hauptmännern in der Südfestung Bescheid. Sie sollen den gesamten Clan in die Gefängnisse der Festung bringen und mir dabei auch ja nicht zu gnädig sein. Nur töten, sag ihnen das deutlich, nur töten sollen sie keinen!"
"Jawohl." Mit einem kurzen Knicks verließ Eulania flügelschlagend den Thronsaal.
"Ich werde mit Euch kommen." Löen stand auf, das königliche Szepter auf den marmornen Boden donnernd. "Katlynn, Nhim, sucht Eure Truppe zusammen und kommt zurück. Khuran wird nicht kommen und Eulania wird später zu uns dazustoßen. Derweil bleibe ich mit den Azerothern hier. Eilt Euch."
"Jawohl!" Hastig salutierend stürmten die zwei aus dem Palast.

Zurück blieb eine besorgte Truppe, die sehr wohl wusste, dass das Problem nicht für kurze Zeit währen würde...

LeerentodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt