1 Tee und ein Kaffee

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An dem Samstag hatte ich frei, was für mich in etwa so viel bedeutete, dass ich stundenlang in meinem Zimmer auf und ablief und eine Krise nach der nächsten durchlitt. Ich hatte keine Angst davor, versetzt zu werden, inzwischen kannte ich Rue mindestens so gut, um ihr in dem Punkt zu vertrauen, was mich regelrecht zur Panik trieb, war die Tatsache, dass wir zusammen ausgingen. An einem Samstagabend.

Ich würde mit Rue an einem Samstagabend ausgehen und ich führte mich auf wie alle Mädels in schlechten High-School-Komödien. Oder in den College-Komödien. Oder überhaupt wie ein von Hollywood ins Leben gerufenes weibliches Wesen, dass drauf und dran war, mit ihrem Schwarm auszugehen. Es war schon peinlich mitanzusehen. Also ließ ich mich an meinem Schreibtisch nieder und versuchte stattdessen etwas für die Uni zu machen – so wie ich es eigentlich geplant hatte. Wenn die Aufregung nur nicht wäre. Also sah ich mir stattdessen Aufnahmen von Livekonzerten einer Auswahl meiner Lieblingsbands an, surfte im Internet und verschwendete Zeit, als hätte ich viel zu viel davon. Es war ja nicht so, als würden in nur wenigen Wochen alle Prüfungen auf einen Schlag kommen und mich mitsamt meinen Kommilitonen in die Knie zwingen.

Als sich der kleine Zeiger schließlich der acht näherte, zog ich meine Schuhe und Jacke über, stopfte mein Portmonee in die Innentasche meiner Jacke und verließ kurzerhand die Wohnung und schließlich auch das Gebäude. Als Studentenanlaufstelle Nummer eins war das Ann's nur wenige Straßen vom Campus der Universität entfernt, was mir die Chance auf einen kleinen Spaziergang an der lauten Hauptstraße gab. Manchmal kam es mir so vor, als sei das kleine Café in einer Zeit stehen geblieben, in der ich noch gar nicht auf der Welt war. Ann war ein großer Fan von Porzellan Tellerchen und altmodisch aussehenden Tassen. Ihre Kaffeemaschine sah aus, als hätte sie jemand aus irgendeinem Keller herausgekramt, gesäubert und noch einmal generalüberholt. Ich liebte die unpassenden Stühle, die alle irgendwie an die Stühle einer Großmutter erinnerten und die massiven Holztische. Ann hatte Stil.

Als ich das große Schaufenster auf der anderen Straßenseite erblickte, musste ich schmunzeln. In ein Buch vertieft, saß Rue bereits mit ihrem üblichen Eimer Kaffee am Fensterplatz in einem der Sessel. Für eine Sekunde genoss ich das rote Licht der Ampel, welches mich unwillkürlich dazu zwang, einfach dazustehen und ihr entgegenzublicken. Während das Glöckchen meinen Besuch in dem Café ankündigte, sah sie nicht einmal auf, so vertieft saß sie da. Ich bestellte bei Clara einen grünen Tee und setzte mich mitsamt meinem Getränk gegenüber von Rue. Durch die plötzliche Bewegung im Hintergrund, schreckte sie auf und kehrte in die Realität zurück.

Ein plötzliches Lächeln breitete sich auf ihren Gesichtszügen aus. »Guten Abend, Charlie.« Meinen Namen aus ihrem Mund zu hören jagte mir einen wohligen Schauer den Rücken herunter. »Du bist ziemlich spät dran.«

Ich brauchte einen Moment, um meine Stimme wieder zu finden. »Nur nicht so früh wie du.«

»Ich habe gedacht, du würdest arbeiten!«, verteidigte sie sich und ein erneutes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie versuchte es zu unterdrücken – was er semi-gut funktionierte – und reckte das Kinn in die Höhe in dem Versuch, abfällig auf mich hinabzusehen. »Was ist deine Entschuldigung?«

Ich zwang mich, nicht direkt loszulachen und stattdessen das leichte Grinsen auf den Lippen zu behalten.

»Ich habe versucht mich einer weniger spannenden Literatur zu widmen, um mein Studium zu bestehen.«

»Das klingt ja nach einem grausigen Tag.«

»Das war er.«

»Ganz unten kann es nur noch bergauf gehen.«

»Das wird es.«

Dann saßen wir bloß da, in ihren Händen noch immer das aufgeschlagene Buch, und grinsten einander wie zwei Idioten an.

Mein Semester beginnt auch offiziell morgen und von den 200 Aufgaben die ich lösen sollte, habe ich 0. Was studiere ich noch mal? Lehramt?

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