23. Beorns Haus

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Kapitel 23 - Beorns Haus

Lillys Sicht

„Oh man, ich erfriere", murmelte Mia und rieb ihre Hände aneinander. „Warum ist es nur so verdammt kalt?"
Dieser Satz wäre bei weitem eindrucksvoller, wenn sie ihn nicht alle fünf Minuten wiederholen würde.
„Hm, mal überlegen. Das könnte eventuell daran liegen, dass es auf den Herbst zugeht", meinte Sam spöttisch und schlug die Hände mit einem lauten Klatschen zusammen, während er die Augen verdrehte.
Ich rollte ebenfalls mit den Augen. Die beiden konnten sich einfach keinen Moment in Ruhe lassen, aber ich konnte es Mia auch nicht verübeln, denn auch ich fror und glaubte schon, dass meine Finger eine blaue Farbe angenommen hatten. Und warum? Tja, seid dem Kampf auf der Felsklippe waren viele Wochen vergangen und von dem heißen Sommer, hatte sich das Wetter in einen kühlen Herbst umgeschlagen. Die Tage wurden immer kürzer und die Nächte länger. In dieser ganzen Zeit hatten wir es tatsächlich geschafft und besser in die Gemeinschaft einzugliedern, obwohl ich mit manchen immer noch nicht auskam. Sarah war Kíli um einiges näher gekommen und zwischen Thorin und mir herrschte ein bemüht höfliches Verhältnis.
„Seid ruhig", fuhr dieser nun auch dazwischen, denn ihm ging ihr ewiges herumgestreite genauso auf den Zeiger wie mir. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt um euren Streitereien nachzugehen"
Sam machte den Mund auf um zu protestieren aber Sarah warf ihm einen warnenden Blick zu und schüttelte den Kopf. Ich verdrehte erneut die Augen und kauerte mich enger zusammen. Warum brauchte Bilbo auch nur so ewig? Wir hatten Deckung gesucht, während der Hobbit auskundschaftete ob die Luft rein war, um weiterzugehen, doch ließ er sich dabei anscheinend sehr viel Zeit.
„Wie nah ist die Orkmeute?", fragte Thorin besorgt, gerade als wir ein leises Keuchen hörten und Bilbo um die Ecke bog.
„Zu nah", antwortete ihm Bilbo keuchend und blieb stehen um wieder richtig Atem zu schöpfen. „Nur noch ein paar Wegstunden, mehr nicht, aber es kommt noch schlimmer"
Was konnte denn noch schlimmer kommen? Ich brauchte wohl nicht zu erwähnen dass es mich ziemlich ankotzte, dass wir nicht mehr wussten, was als nächstes passierte. Es war die ganze Zeit eine schwere Ungewissheit, die man mit sich herum trug.
„Haben die Warge uns gewittert?", fragte Dwalin laut. Mein Verhältnis zu diesem Zwerg hatte sich während der vergangenen Zeit nicht gerade verbessert, eher verschlimmert. Es war wirklich ein Wunder, das wir uns noch nicht gegenseitig die Köpfe eingeschlagen hatten.
„Nein, noch nicht, aber das werden sie – und wir haben noch ein Problem", antwortete Bilbo und sah ernst zu Gandalf und Thorin.
„Wurdest du gesehen? Du wurdest gesehen", kam es ungläubig von Gandalf, der gleich vom Schlimmsten ausging.
Blibo schüttelte den Kopf. „Nein das ist es nicht-", wiedersprach er ihm, wurde aber sofort wieder unterbrochen.
„Was habe ich euch gesagt? Mucksmäuschen still, einem Meisterdieb angemessen", erklärte Gandalf stolz und blickte reihum in die Runde. Zustimmendes Gemurmel und Kopfnicken brach unter den Zwergen aus.
Bilbo versuchte sich währenddessen wieder Gehör zu verschaffen, doch niemand wollte ihn zu Wort kommen lassen. Alle redeten wie wild durcheinander. Entnervt seufzte ich auf. Mir war kalt und meine Nerven lagen nach dem langen Fußmarsch heute, sowieso schon blank.
„Haltet einfach mal die Klappe", zischte ich in die Runde. Ja es war unhöflich und ja, ich sollte mich zusammenreisen, doch so würden wir niemals weiterkommen. Ich erntete einige verwirrte Blicke und auch ein paar, von denen ich merkte, dass sie über meine Äußerung nicht so begeistert waren. Die größte Verwunderung kam jedoch von meiner Seite, da ich nicht damit gerechnet hätte, dass sie wirklich verstummen würden.
Bilbo warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er wieder das Wort ergriff. „Ich versuche euch gerade zu sagen, dass dort oben noch etwas anderes ist", erklärte er ungeduldig und deutete mit dem Finger den Bergkamm hinauf. „Etwas das aussieht wie ein Bär, nur viel größer"
Na toll, das hatte uns gerade noch gefehlt. Ein hungriger Bär, der höchstwahrscheinlich keine Skrupel hatte uns als ein kleiner Leckerbissen zwischen durch zu sehen.
„Dann lasst uns schnell weiter. Ich bin mir sicher, dass ich nicht gut schmecke, aber ich weiß nicht ob das dieser Bär genauso sieht", murmelte Sam, dem es anscheinend genauso ging wie mir.
Sarah nickte nur hastig. „Aber, was machen wir denn jetzt?", fragte sie und schluckte heftig, die blauen Augen groß wie Unterteller. Ich wusste nur zu gut, dass Sarah nichts von großen Tieren hielt. Als wir einmal gemeinsam im Zoo waren, hatte sie sich strikt geweigert auch nur in die Nähe irgendwelcher gefährlichen Tiere zu gehen. Sie tastete verängstigt nach Kílis Hand, der neben ihr stand und umklammerte diese. Ich musste leicht grinsen, als der Zwerg kaum merklich das Gesicht verzog. Tja, wenn sie wollte, dann hatte dieses Mädchen einen festen Griff.
„Es gibt ein Haus, nicht weit von hier, in dem wir Zuflucht suchen könnten", schlug Gandalf vor.
„Wessen Haus, Freund oder Feind?" Thorin hob argwöhnisch eine Augenbraue.
„Weder noch, er wird uns helfen oder uns umbringen", erwiderte Gandalf, während ein lauter Schrei erschallte.
„Das klang verdächtig nach Ork. Meint ihr nicht?" Mias Blick wanderte wachsam den Bergkamm entlang. Ich nickte nur und spitzte die Ohren, doch es war wieder alles ruhig. Kein Laut ertönte in der Stille.
„Haben wir eine Wahl?", fragte Thorin.
„Nein", antwortete Gandalf und begann loszurennen. Na super...Ächzend setzte auch ich mich in Bewegung, wobei meine Glieder erst auftauen mussten.
Wir rannten tatsächlich den ganzen Tag hindurch. Ok...rennen...joggen...gelegentlich gehen. Auf jeden Fall war es anstrengend genug. Die Orkmeute hatte uns gegen Mittag noch nicht eingeholt, was hieß, dass wir zum Glück einen einigermaßen großen Vorsprung hatten. Gandalf trieb uns unerbittlich an, was alle wieder an die Grenzen ihrer Erschöpfung brachte. Nur Mia und Sam lieferten sich ganz an der Spitze ein Kopf an Kopf rennen, wobei sie locker nebenher joggten. Ich dagegen befand mich eher in den hinteren Reihen, mit einem hochrotem Kopf und unerträglichem Seitenstechen. Mit einem Schaudern dachte ich daran zurück, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich noch immer überall meine Verletzungen gehabt hätte. Diese waren zum Glück ganz gut verheilt und Óin meinte, dass ich auch keine bleibenden Schäden davontragen würde. Ich hatte es mit Erleichterung gehört, doch merkte ich an Tagen, an denen es entweder ziemlich kalt oder sehr feucht war, dass meine Schulter steif wurde und ab und an zu schmerzen begann. Automatisch fuhr ich mit meiner Hand über die Narbe, die sich an der Stelle gebildet hatte, wo einst der Pfeil sein Ziel fand.
„Lilly, komm schon", riss Bombur mich aus meinen Gedanken.
Erschrocken riss ich die Augen auf, als ich bemerkte wie weit ich hinter den anderen zurückgefallen war und legte einen Spurt hin um aufzuschließen. Wir ließen einen kleinen Wald hinter uns und befanden uns nun auf einer großen weiten Wiese, wo herrliche Blumen blühten. Warum mir das auffiel? Weil ich mein Gesicht fast auf dem Boden mitschleifte, denn ich kann es nicht oft genug erwähnen, aber Kondition? Ich? Nein!
„Schnell weiter", brüllte Gandalf als ein lautes Knurren hinter uns ertönte. Leichter gesagt als getan, denn meine Beine fühlten sich wie Bleiklumpen an. Ich riskierte einen kurzen Blick über die Schulter und das was ich erkannte ließ mich unwillkürlich schneller werden. Ein riesiges Geschöpf brach zwischen den Büschen hervor und stürmte hinter und her. Der Boden bebte jedes Mal, wenn seine riesigen mit Klauen besetzten Tatzen auf den Boden trafen.
Der Schweiß rann mir von der Stirn, als ich versuchte nicht hinter den anderen zurückzufallen, bis endlich das lang ersehnte Haus in meinem Blickfeld auftauchte. Keine zweihundert Meter entfernt war das rettende Tor. Wir wurden, soweit das ging, immer schneller um das, was hinter war, abzuschütteln. Als wir endlich den Garten erreichten versperrte uns die Tür den Weg in das Innere des Hauses .Wie die Motten, die gegen eine Lampe klatschen, rannten die Zwerge alle gegen die dicke Tür und versuchten sie aufzustemmen. In ihrer Panik bemerkten sie aber nicht, dass der Riegel noch vorgeschoben war und sie mit ihrer Taktik eigentlich keine Chance mehr hatten. Ich schlug mir die Hand vor den Kopf.
„Ihr Volltrottel, schiebt den Riegel hoch", schrie ich so laut ich konnte, doch meine Stimme ging im lauten Tumult unter.
Ganz ehrlich, wenn sie sich nicht beeilten, dann würden wir alle ein gefundenes Fresschen für einen riesenhaften Bär abgeben und ich hatte keine Lust als kümmerliches Krümelchen für alle Ewigkeiten zwischen seinen Zähnen zu hängen. Ich wollte gerade durch den Zwergenhaufen nach vorne stürmen und den Riegel nach oben schieben, als Thorin diese Aufgabe übernahm. Mit einem Ruck war die Tür offen und die Zwerge brachen alle ins Innere des Hauses.
Ich drückte mich gerade noch so hinter Gandalf durch die Tür, den heißen, nassen Atem des Bären im Genick. Die Zwerge warfen sich alle gegen die Tür, um den Kopf des Monsters draußen zu halten.
„Was ist das?", fragte Ori keuchend, nachdem die Tür erfolgreich geschlossen und verriegelt worden war.
„Unser Gastgeber", erklärte Gandalf. „Sein Name ist Beorn und er ist ein Hautwechsler"
Ich hörte wie die Zwerge anfingen zu diskutieren und kehrte ihnen den Rücken. Mich interessierte das gerade weniger, als diese Hütte. Neugierig stemmte ich mich gegen eine riesige Tür und schlüpfte durch den schmalen Spalt, der sich mir aufgetan hatte. Ich landete an einem Tisch, der so riesig war, dass ich ihm Stehen nicht über ihn hinweg sehen konnte. Allgemein war hier alles um einiges größer, an den Wänden waren riesige Fenster eingelassen, die ich, wenn sie etwas niedriger wären, ohne Probleme als Tür hätte benutzen können. Sie boten einen wunderbaren Ausblick in den Garten, der überwältigend schön und ebenfalls riesig war. Wie verzaubert kletterte ich durch eines der großen Fenster hinaus und sah zu wie überall übergroße Hummeln herumflogen und sich auf die Blumen setzten, die man in jeder Ecke des Gartens bewundern konnte. Ich lehnte mich an die Fensterbank, schloss die Augen und ließ mir die Abendsonne ins Gesicht scheinen, als neben mir ein tiefes Summen ertönte. Als ich aufblickte erkannte ich, wie sich eine der Hummeln auf meinen Finger gesetzt hatte. Skeptisch, ob sie stechen würde oder nicht, betrachtete ich sie und schüttelte leicht die Hand hin und her...doch anscheinend gefiel es ihr auf meinem Finger.
Ich hob sie vor mein Gesicht, um sie näher zu betrachten. „Na du?", fragte ich und stupste sie vorsichtig an. „Willst du wirklich nicht von meinem Finger runter?"
„Na und antwortet sie?", ertönte Sarahs Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und bemerkte, dass sie mich belustigt beobachtet hatte.
Ich verdrehte grinsend die Augen. „Ne, aber das ist ja das angenehme", erklärte ich ihr, bevor ich ein Blatt ergriff und die Hummel von meinem Finger schob. Nachdem ich wieder zurück ins Haus geklettert war, wurde ich fast von Sam und Bombur überrannt.
„Was ist denn bei denen los?", fragte ich Sarah und zog eine Augenbraue nach oben.
„Sie suchen etwas zu Essen", antwortete sie und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das war mal wieder typisch. „Ich hoffe trotzdem, dass sie was finden", murmelte ich und folgte den beiden in die Küche. „Ich hab auch ganz schön Hunger"
Ich setzte mich neben Mia auf einen Hocker – zugegebener Maßen musste ich erst hinaufklettern – und sah Sam zu, der erfolglos alle Schränke durchwühlte.
„Tja Sam, so wie es aussieht musst du heute hungern" Mia schlug laut die Hände zusammen und grinste gemein.
„Ach lass mich halt. Es kann ja nicht jeder, so wie du, von einem Wassertropfen und einem Salatblatt leben", sagte er spöttisch und zog herausfordernd die Augenbrauen nach oben.
„Aber ich muss nicht schon extra Löcher in meinen Gürtel machen", feixte Mia und musterte Sam, der bei weitem nicht dick war, abschätzend.
Dieser zog eine Grimasse. „Ich würde sagen wir reden jetzt nicht von unappetitlichen oder dicken Körperteilen, denn wir wissen beide, dass das sehr schnell peinlich für dich werden könnte", konterte Sam und streckte Mia die Zunge heraus.
„Haha", maulte Mia sarkastisch zurück und drehte Sam entschlossen den Rücken zu. Sam grinste triumphierend, dieser Punkt ging wohl an ihn. Ich sah Sarah an und verdrehte die Augen, während wie uns beide aus dem Staub machten. Die beiden hatten die Angewohnheit einen ganzen Tag durchzuzanken und sich teilweise richtig fiese Sachen an den Kopf zu schmeißen, was meistens damit endete, dass jeder der beiden schmollend in einer anderen Ecke saß.
Ich gähnte einmal ausgiebig und rieb mir müde über die Augen.
„Na, da war bei jemandem schon der Sandmann da", feixte Sam.
Ich nickte widerstandslos und unterdrückte noch ein Gähnen. „Kann man sich hier irgendwo hinlegen und schlafen?", fragte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Augen feucht wurden, wie immer wenn ich Gähnen musste, sah es aus als hätte ich Stundenlang durchgeheult.
Mia nickte grinsend. „Geh einfach durch die Küche, die hintere Tür führt in einen Stall, da gibt es genügend Heu.
Dankend hob ich die Hand und schlurfte los. Die Müdigkeit ließ einfach auf den nächstbesten Heuhaufen zusteuern und mich mit einem lautem Seufzten hineinplumpsen.

Eine Reise Zum Erebor  - in ÜberarbeitungGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt