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Seine Faust hämmerte ein Mal auf den Lichtschalter ein und das Licht blitzte grell auf. Es irritierte seine Augen für einen Moment, doch er zögerte nicht, die selbstgemachte Brille aus seiner Tasche zu kramen und aufzusetzen.
Dann gewöhnte er sich langsam an die Helligkeit und blinzelte durch sein Schlafzimmer, auf der Suche nach ihr.

Doch sie tauchte nicht auf.

Fluchend riss er sich die Brille von den Augen und wischte mit dem Ärmel seines Shirts auf den Gläsern herum, bis sie fast unter seiner Kraft zerbarsten und setzte sie sich wieder auf.
Immernoch nichts.
"Uraraka?", wisperte er durch die Stille. Kaminari war zwar nach der kleinen "Expedition" direkt in seinem Zimmer verschwunden und die anderen Idioten hatten das Wohnzimmer ebenfalls nicht belagert, aber trotzdem fürchtete er, jemand könnte ihn hören.
Er hatte keine Ahnung, was zur Hölle er machen sollte, falls das passierte.

Sie antwortete nicht, also rief er sie nocheinmal, diesmal etwas lauter. Als immernoch kein Zeichen ihrer Anwesenheit kam knallte er die Brille frustriert auf seinen Schreibtisch, bis ihm auffiel, dass er nicht lieber dumme Fragen dazu bekommen wollte und sie dann in die überfüllte Schublade darunter steckte. Entweder funktionierte sie nicht oder Uraraka war nicht da. Letzteres würde ihn zwar irgendwie wundern, wieso wusste er selbst nicht genau, allerdings machte sie sich auch nicht durch Flattern der Vorhänge oder durch sein Radio bemerkbar. Vielleicht schlief sie auch? Schliefen Geister überhaupt?
Ihm fiel auf, dass er sie kaum über ihr Nachleben befragt hatte. Es war ihm etwas seltsam vorgekommen, hatte sich mit der Idee eines Geistes erst noch anfreunden müssen, schließlich ging ihre Existenz gegen jegliche Vorstellung von Physik, die sich die Menschheit jemals eingebildet hat, doch mittlerweile war er interessiert an ihr. Nicht an ihr persönlich, sondern an ihr als Geist. Wie viele Menschen konnten schon behaupten, einem Geist begegnet zu sein? Damit sprach er nicht all die an, die das auf dämlichen Online-Foren herausposaunten, sondern Menschen, die einen Unterschied machten, die Welt beeinflussten konnten, die Wissenschaft revo-

Ein lautes Scheppern riss ihn aus seinen Gedanken und er schreckte auf.
"Sorry!", höre er Kaminari aus der Distanz rufen.
Bakugou rollte mit den Augen und sammelte seine Schlafklamotten auf, bevor er die Tür öffnete und die Sicht auf Kaminaris Hintern ihn begrüßte. Kaminari kniete auf dem Boden, um etwas unter der Couch hervorzukramen und streckte dabei seinen Allerwertesten in Richtung seiner Tür.
"Oi, was stimmt nicht mit dir?", knurrte Bakugou, woraufhin Kaminari unter der Couch hervorkroch und sich zu ihm drehte. In der rechten Hand hielt er eine Keramikschüssel.
"Ein Wunder, dass sie nicht zerbrochen ist."
Sein Grinsen weitete sich, doch Bakugou sah das subtile Zittern seiner Finger, dasselbe Zittern, das auch in seinen Gliedern juckte.
Adrenalin. Würde vermutlich erst nach einer Weile verschwinden.
Bakugou akzeptierte seine Antwort mit einem Nicken und ließ es sich nicht nehmen, zurück zu grinsen, bevor er im Badezimmer verschwand.

Im großen und ganzen hatte Bakugou die Wohnung gestaltet gehabt. Die meisten Möbel hatten schon gestanden, auch wenn er sie alle verrückt hatte. Die anderen hatten ihm dabei freie Hand gelassen, schließlich war er "der Sohn von Designereltern", wie Kirishima ihn stolz vorgestellt hatte.
Das Bad jedoch hatte er kaum einrichten können. Den beigen Teppich hat er ausgesucht, ja, den Spiegel an der Wand und die Handtücher, die Kreuz und quer über den Badewannenrand geworfen worden waren, ja. Doch letztlich hatte jeder seine eigene Kollektion an Pflegeprodukten unterzubringen gehabt. Sero war dabei am spärlichsten vertreten: Ihm reichte ein Fach des kleinen Regals, in dem er Deo, Rasierer und Haargummies platziert hatte. Dafür schnorrte er sich andauern Rasiergel von Kirishima, der bei Rabatten immer einen Jahresvorrat kaufte, da er den Bartwuchs eines Grizzlys hatte, oder lieh sich Bakugous Haargel. Zugegebenermaßen benutzte er es selbst kaum.
Kaminaris Zeug füllte eine ganze Reihe kleiner Fächer. Alles war unordentlich und durcheinander, bestimmt hatte er noch Haarfärbemittel, das in irgendeiner Ecke verstaubte oder Cremes, die seit mehreren Jahren abgelaufen waren. Kirishimas Fächer sahen nicht anders aus, allerdings benutzte er all das Zeug noch und wusste sogar, wo sich was befand. Irgendwie fand er sich in seinem Chaos zurecht. Dieses Chaos bestand hauptsächlich aus Rasiergel, Haarbürsten, Stirnbändern und anderem Schmuck. Im Gegenzug dazu ähnelte Bakugou eher Sero, seine Sachen verstaute er fein säuberlich in der Schublade unter dem Spülbecken.

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