Er hatte schlecht geschlafen. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr waren ihm die Augen zugefallen, nur um alle halbe Stunde aus seinem Halbschlaf zu erwachen. Seine Gedanken folgten ihm in seine Träume und ließen ihm auch dort keine Ruhe. Insgesamt hielt sich Bakugou für einen emotional stabilen Menschen, doch auch er konnte nicht leugnen, dass die letzten Wochen einen Einfluss auf ihn hatten. Besonders weil er nicht gut damit klarkam, aus seiner gewohnten Routine gerissen zu werden. Also zum Beispiel, weniger Schlaf zu haben als gewöhnlich.
Tokoyami saß schon in dem Café, in dem sie sich bereits begegnet waren. Er hielt ein weißes, zuckrig aussehendes Getränk an seine Lippen, als sich ihre Augen über den Raum hinweg trafen. Er hob die Hand kurz zum Gruß und schlürfte dann an seinem Getränk weiter, während sich Bakugou seinen sehr benötigten schwarzen Kaffee bestellte. Als er sich auf einen Stuhl gegenüber von Tokoyami niederließ fiel ihm sofort auf, wie blass dieser aussah. Ja, er ist vorher schon blass gewesen, doch jetzt war seine Haut durchsichtig wie Papier. Venen und Adern hoben sich rotblau unter seiner transparenten Haut hervor und dunkle Augenringe schmückten sein Gesicht.
"Ich habe bis 12 Uhr Zeit, danach muss ich wieder an den Campus", erkläre Tokoyami knapp und kramte sein IPad aus seiner schwarzen Tasche, das er auf den Tisch zwischen den beiden aufstellte. Bakugou tat es ihm mit seinem Laptop gleich. Zusammen arbeiteten sie so präzise und zeiteffizient wie Bakugou es sich mit seinen Teampartnern meist nur erträumen ließ, was seine Stimmung ein wenig besserte. Womöglich lag das auch am Kaffee.
Manchmal musste er sich aber ermahnen, Tokoyami nicht anzusehen. Bakugou war jemand, der Leute entweder komplett ignorierte oder ihnen stets in die Augen schaute. Das konnte er diesmal nicht. Mental schaffte er es nicht, in den dunklen, mit Augenringen behangenen Augen zu bleiben. Sie spiegelten ihn wider. In Tokoyamis Augen sah er sich selbst, seine eigene Müdigkeit, Frustration und Erschöpfung, aber daneben auch Tokoyamis Abwehr. Bakugou war kein Experte der zwischenmenschlichen Kommunikation, definitiv nicht, doch selbst er erkannte Tokoyamis abwehrende Körperhaltung. Er schaute Bakugou auch nie in die Augen, zog sich in seinen Stuhl zurück und wandte sich ab, wann immer es möglich war. Als er es merkte flammte kurzzeitiger Ärger auf, doch er legte sich schnell wieder. Tokoyami hatte vor kurzem seinen besten Freund und Mitbewohner verloren. Was hätte er an Tokoyamis Stelle gemacht? Wenn Kirishima gestorben wäre? Er tat oft so als würden seine Freundschaften ihm wenig bedeuten, doch allein der Gedanke daran, Kirishima könnte sterben, ließ es ihm kalt den Rücken runter laufen. Und natürlich intensivierte es seine Schuldgefühle. Die blutigen Bilder der Träume aus der letzten Nacht kamen ihm wieder in den Sinn und er war sich sicher, sie die nächsten Nächte nicht loszuwerden zu können.
"Das scheint mir sinnvoll. Dann könnte ich bis zu unserem nächsten Treffen die Recherche zur Methode betreiben und das Ziel formulieren. Du machst die theoretischen Berechnungen für den Idealfall."
Bakugou nickte und warf einen Blick auf sein Handy. 11:30. Er fühlte sich etwas besser als zu Beginn des Tages doch immernoch ausgelaugt.
"Geht es dir... Du siehst müde aus", murmelte Tokoyami halb in seine dritte Tasse Zuckerkaffee. Bakugou schaute ihn leicht überrascht an. Er hatte nicht erwartet, nach seinem Wohlergehen gefragt zu werden. Eigentlich hatte er sich vorgestellt, Tokoyami würde sich am Ende der Besprechung schnellstmöglichst vom Acker machen.
"... Schlecht geschlafen", grummelte Bakugou, der damit zwar nicht log, aber auch nur die halbe Wahrheit erzählte. Was sollte er denn auch sagen? "Ich habe nur riesige Schuldgefühle weil ich nicht verhindert habe, dass dein bester Freund stirbt"? Das konnte ja nur gut ankommen.
Tokoyamis Fingerspitzen strichen über die Kanten des gemeinsamen Tisches. Er hatte schwarzen Nagellack aufgetragen, doch das war anscheinend länger her, denn er war an vielen Stellen schon abgeblättert.
"Ich habe mit Aizawa gesprochen und unsere Abgabe wurde um zwei Wochen verlängert."
"Okay."
"Hättest du Dienstag Zeit, um uns erneut zu besprechen? Reicht auch über Discord", schlug Tokoyami vor.
"Erst gegen Abend. 19 Uhr?"
"Da hab ich Computerclub bis 21 Uhr. Danach wäre möglich."
Bakugou grummelte.
"Ich brauch meinen Schlaf. Mittwoch irgendwann nachmittags."
Tokoyami lachte leise. Es war so leise und tief, dass Bakugou sich überhaupt nicht sicher war, es wirklich gehört zu haben.
"Frühaufsteher. Ja, Mittwoch passt. Würdest du mir deinen tag auf Discord geben? Dann können wir darüber kommunizieren."
Er reichte dem Schwarzhaarigen sein Handy und ließ ihn seine Daten in sein eigenes Handy eintippen.
"Gut. Danke." Ihm wurde sein Handy zurück gegeben und Tokoyami verließ um 11:37 das Café.
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Fantasma
Fanfiction[Künstler des Covers ist Koalka auf Reddit] Katsuki Bakugou ist ein ganz normaler Student, der die Schnauze von seinen Mitbewohnern voll hat und lieber an seinen Projekten arbeitet, als zu schlafen. Doch als seine "Freunde" ihn dazu bringen, ein Oui...
