"Gehst du nicht heim?", fragte Jirou verwundert, als er sich unter die Bettdecke schob, während sie noch vor dem Möbelstück stand.
"Es ist halb vier, also nein. Leg dich hin", befahl er und deutete neben sich. Er war kein großer Kuschler, definitiv nicht, aber er würde sich nicht den Rücken kaputt machen, indem er auf dem blanken Boden oder ihrem Stuhl schlief. Sie allein zu lassen kam erst recht nicht in Frage, nicht, bevor er von Uraraka bestätigt bekommen hatte, dass wieder alles in Ordnung war. Falls sich überhaupt etwas geändert hatte. Schließlich hatte er keine Ahnung, wann oder woran sie sterben sollte. Bei Shoji war es auch ein Autounfall gewesen. Vielleicht würde sie morgen die Stufen des Wohnheims herunterfallen? Oder ein Einbrecher erschlägt sie in der nächsten Nacht?
Ohne es verhindern zu können wurden seine Fingerspitzen frostig taub. Was dann?
Trotzig ließ sie sich neben ihn ins Bett gleiten. Es war ein Einzelbett und daher absolut nicht für sie beide geeignet, doch damit mussten sie auskommen. Ihr warmer Rücken berührte seinen Arm.
"Ich muss dich warnen, dass ich morgen früh um 10 aufstehen muss, um zu arbeiten", sagte sie leise.
Er schnaubte verächtlich.
"Weiß nicht, in welcher Welt 10 Uhr früh sein soll."
Er hörte sie noch verwundert den Kopf schütteln, als er schon fast in einen unruhigen Schlaf abgedriftet war.
Ihr Wecker riss ihn aus seinem Schlaf. Er hatte nicht erwartet, so lange zu schlafen, normalerweise wachte er wesentlich früher auf. Vermutlich hatte es mit dem konstanten Gefühl der emotionalen Erschöpfung zu tun. Bakugou war noch nie ein Mensch gewesen, der sich viel mit Menschen beschäftigt hatte, aber seit seiner Begegnung mit Uraraka hatte er eine ganze Menge mit ihnen zu tun.
Jirou erhob sich ruckartig neben ihm und versuchte, über ihn drüber zu greifen, um ihr Handy zu bekommen. Nach ein paar Sekunden lag sie halb auf ihm und ihr Handy klingelte und vibrierte weiterhin ohrenbetäubend laut - wenigstens handelte es sich um einen Metal-Song, kein dämliches "Guten Morgen-Lied" - bis er sich brummend erbarmte es vom Boden aufzuheben und ihr in die Hand zu drücken.
"Danke", murmelte sie gähnend und schaltete den Wecker aus. Sie stand auf um sich umzuziehen, also drehte er sich zur Wand und fummelte sein Handy, das er gestern noch vergessen hatte, aus seiner Hosentasche. Ein paar Anrufe von Kirishima und Mina, Texts von Kaminari... und einer von Shindo.
"Fuck you."
Leuchtete ihm in schwarzen Buchstaben entgegen.
Genervt griff er sich in die Haare. Jetzt war es endgültig vorbei. Verständlicherweise. Gleichzeitig war da noch Yaoyorozu, mit der er ja vorgab, in einer Beziehung zu sein. Da war es natürlich weniger klug, mitten in einer Party mit Shindo abzuhauen, nur um ihn dann sitzen zu lassen.
"Hast du nen Kater?", fragte Jirou, die seine Geste wohl falsch deutete.
"Nein. Mir ist nur klar geworden, dass ich am Arsch bin."
"Wegen der Sache mit Shindo?"
Er nickte.
"Meinst du das spricht sich schnell rum?"
"Das mit Yaoyorozu und mir wusste auch direkt jeder."
"Touché."
Sie ließ ihn schnell duschen und ihre Mundspülung nutzen - richtig Zähneputzen konnte er ja leider nicht - und roch danach deutlich femininer als gewohnt, was ihn aber nicht sonderlich interessierte. Als er erfrischt aus ihrem Bad stapfte saß sie am Küchentisch und schmierte sich eine Scheibe Brot.
"Du kannst auch gerne was haben, aber ich habe nur veganen Käse da."
Stirnrunzelnd schaute er sich die Packung an.
"Hat das nicht extrem viele Zusatzstoffe und so? Klingt mir nicht nach etwas, was man seinem Körper antun sollte."
"Isst du Fleisch?"
"Ja."
"Du weißt schon, dass man die Wirkstoffe von Antibiotika in Fleisch nachweisen kann? Klingt mir auch nicht nach etwas, was man seinem Körper antun sollte."
Er beschmierte sich sein Brot mit der veganen Margerine.
"Bist du Veganerin?"
"Mhm."
"Seit wann?"
"Fünf Jahre, glaube ich."
"Ah."
Damit war sein Gesprächsbedarf erstmal gedeckt, seine soziale Batterie gab langsam echt den Geist auf. Nicht dass er was gegen ihren Veganismus hätte. Er wollte nur momentan einfach über nichts sprechen.
Auch sie aß wortlos ihr Brot auf und packte sich dann eine Tasche.
"Soll ich dir was zum Drüberziehen geben?", fragte sie und deutete mit ihren schmalen Finger auf seinen nackten Oberkörper, "ich habe ein paar oversized Shirts. Kannst du mir einfach irgendwann zurück geben."
Da er ebenfalls keinen Bock hatte noch mehr aufzufallen als in letzter Zeit ohnehin schon nickte er und sie brachte ihm ein großes weißes Shirt mit einem Print, das einen weit aufgerissenen Mund und spitze Zähne zeigte.
"Wird reichen. Danke." Er warf es sich schnell über, es war nur an den Schultern etwas eng, ansonsten passte es ganz gut, und verließ mit ihr die Wohnung. Während sie abschloss sagte sie:
"Danke für gestern. Wirklich."
Sie drehte sich so schnell wieder weg, dass er nur das Rot auf ihren Ohren erahnen konnte.
Er grinste zufrieden. Jetzt sollte alles gut sein, oder? Nicht, dass er das wirklich überprüfen konnte, aber es fühlte sich richtig an.
Nur um sicher zu gehen schaute er sich klammheimlich ein paar Mal nach rechts und links um. Womöglich würde Uraraka irgendwelche Nachrichten hinterlassen, um ihn zu signalisieren, dass sich nichts geändert hatte, oder? Falls sie denn gerade bei ihm war.
Man, es war echt nervig, nicht zu wissen, wann sie um ihn herum schwebte und wann nicht.
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Fantasma
Fanfiction[Künstler des Covers ist Koalka auf Reddit] Katsuki Bakugou ist ein ganz normaler Student, der die Schnauze von seinen Mitbewohnern voll hat und lieber an seinen Projekten arbeitet, als zu schlafen. Doch als seine "Freunde" ihn dazu bringen, ein Oui...
