Am Brunnen (6)

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Der Weg führte durch mehrere Gänge und Türen und auf einmal befanden wir uns in einem Innenhof.

Er war klein, der Boden sandig. In der Mitte stand ein Brunnen, den ein paar Olivenbäume säumten. Auf dem steinernen Brunnenrand standen Gefäße, vermutlich um Wasser zu schöpfen. Auch eine Schale mit Seife lag dort, sowie eine Hand voll Kämme. Die Frauen zogen sich aus und begannen sich zu waschen.

Insgesamt waren wir sieben, alle von unterschiedlicher Gestalt, aber zweifelsohne alle recht jung. Ich ahmte nach was die anderen taten, da ich es nicht gewohnt war mich an einem Brunnen zu waschen. Zu Hause ging man dazu einfach im nahen Fluss baden, oder lief ein Stück weiter zum See, und gestern wurde Syltje und mir nur ein Eimer und zwei Schwämme zum waschen gegeben.

Mir fiel etwas merkwürdiges an drei der anderen Frauen auf. Es waren die Dunkelhäutige, die mich geweckt hatte, eine zweite mit glattem schwarzem Haar und eine dritte mit kürzerem, gelocktem. Sie trugen goldenen und silbernen Schmuck an ihren Oberarmen. Es waren teuer aussehende Ketten und Armbänder, die sie eng um ihre Haut gewickelt hatten. Bei den Dunja Gewändern war allerdings der obere Teil dieses Arms stets von Tuch verdeckt.

,,Warum tragt ihr euren Schmuck nur dort? Und wo habt ihr ihn her?" Fragte ich und das Geplauder verstummte.

Vorsichtig spähte die Frau von eben nach links und rechts, bevor sie mir antwortete. ,,Manchmal überreichen uns Stammkunden Ketten und Armbänder als Geschenk. Wir tragen sie nicht offen, weil die Herrin sie uns sonst abnehmen würde." Ich nickte, das leuchtete mir ein. Eigentlich hatten Sklaven keinen Anspruch auf Besitz. ,,Doch ihr möchtet den Schmuck tragen? Wieso? Erinnert er euch nicht?"

Die mit dem glatten Haar drehte sich zu mir, sie öffnete grade ihren langen Zopf. ,,Der Schmuck erinnert uns, aber er ist alles was wir hier haben und deshalb tragen wir ihn."

Syltje sah zaghaft auf. ,,Wenn ihr fliehen würdet, könntet ihr euren Schmuck verkaufen und mit dem Geld das Land verlassen."

Die Frau hob einen der Kämme vom Rand des Brunnens auf und begann, sich mit anmutigen Bewegungen das glatte Haar zu kämmen. ,,Ich habe nicht vor zu fliehen und wüsste auch nicht wohin. Woanders wäre es nicht besser."

Syltje zitterte. ,,Überall anders wäre es besser!"

Ich schöpfte mit der hohlen Hand Wasser aus dem Brunnen und wusch mir den letzten Rest des Puders von gestern vom Gesicht. Die schimmernden Ketten an den Armen der Frauen stimmten mich nachdenklich. Sie versteckten sie unter Stoff, damit sie ihnen nicht genommen wurden, obwohl dieser Schmuck ihr Leid symbolisierte. Es war alles was sie hatten und so klammerten sie sich an ihn. Der Schmuck nützte ihnen nichts, sie konnten ihn nicht verkaufen, sie konnten ihn nicht offen zeigen, da sie damit riskierten ihn zu verlieren. Das Einzige was sie tun konnten war, sich alleine an dem Glanz der Kostbarkeiten zu erfreuen, während die Bilder von den Nächten, in denen sie sie sich verdient hatten, wieder in ihren Köpfen aufstiegen und sie quälten. Sie hielten an Dingen fest, obwohl es nutzlos war und wehtat.

Die Frauen ließen jetzt einen Krug mit einer Öl-artigen Flüssigkeit herumgehen und massierten es in ihre Haut, sogar in ihre Gesichter. Ich machte es ihnen nach und merkte, wie es meine Haut sofort ein wenig geschmeidiger machte. Ob es auch gegen die angeblichen blauen Flecken an meinen Armen helfen würde? Da wo Kailan mich letzte Nacht festgehalten hatte, zeigten sich jedoch keine Abdrücke. So fest war sein Griff bei Weitem nicht gewesen.

Gedankenverloren betrachtete ich die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Warum hatte Kailan sich nicht verabschiedet? Im Endeffekt musste er mich nicht kümmern, ich würde ihn nie wieder sehen, doch ich konnte nicht anders als zu grübeln was einen Jungen wie ihn bloß gestern Nacht an diesen Ort verschlagen hatte.

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