Heute hat mein Wecker nicht geklingelt. Heute weckte mich auch nicht meine Mutter. Dieses ständige
"Benjamin, du verpasst noch deinen Bus. Beeil dich endlich mal!"
ging mir schon ziemlich auf die Nerven.
Aber heute ist es soweit.
Mein Tag ist gekommen.
Ich muss nicht mehr zu dieser lästigen Schule. Das hätte ich eigentlich schon lange nicht mehr gemusst. Aber jeder muss mal ein Opfer geben. Einige ein größeres als andere. Meins war im Vergleich zu anderen sehr klein.
Endlich muss ich diese unterbelichteten Menschen aus meiner Schule nicht mehr ertragen.
Ich muss mir keine Geschichten mehr von irgendwelchen Idioten anhören.
Ich muss mir keine Ansagen meiner Lehrer mehr anhören.
Und vorallem muss ich nicht mehr lügen.
Egal, was für ein Monster ich auch bin, das Lügen fiel mir schon immer schwer und das tut es jetzt auch noch.
Ich fühle noch mein weiches, warmes Bett unter mir. Vielleicht werde ich es vermissen? Aber damit muss ich klar kommen. Das hier ist mein Schicksal. Ich habe es mir ja indirekt selber ausgesucht. Genau, wie alle Narren, die meinem Beispiel folgen oder sogar von mir dazu gebracht wurden.
Sollte ich mich jetzt beeilen, oder den letzten Tag noch ein wenig genießen? Ich glaube, ich könnte so langsam mal mit allem anfangen. Das meiste und wichtigste wurde ja bereits erledigt. Aber nicht von mir. Ein breites Grinsen huscht über mein Gesicht. Ich bin heute so gut gelaunt wie lange nicht mehr.
Wann bin ich nur so geworden? Es ist schon ziemlich lange her. Einige Monate auf jedenfalls. Ziemlich lang für mich... Zu lang habe ich alles verstecken müssen.
Anfangs war alles etwas schwer, doch es dauerte nicht wirklich, bis ich mich daran gewöhnte und es mir sogar gefiel. Ich wurde aber sehr ungeduldig und musste etwas nachhelfen. Es war schon fast perfekt, aber dieser Bastard hat alles ziemlich erschwert. Dennoch hat alles funktioniert und ich kann endlich zufrieden sein. Ich stehe jetzt doch endlich auf und gehe runter ins Wohnzimmer. Ich öffne die Schränke und durchwühle alles.
Wo ist denn bitte meine Geburtsurkunde? Meinen Ausweis habe ich schon. Wenn ich doch nur danach fragen könnte. Aber wen denn bitte?
Mir fällt der schwarze Ordner meines Vaters auf. Villeicht ist meine Urkunde ja irgendwo da drinn? Ich öffne ihn und blättere darin rum. Ich finde echt alles, von Verträgen, bis zu Garantien, aber meine Geburtsurkunde bleibt weg. Ich suche jetzt nur noch 15 Minuten und wenn ich sie bis dahin nicht gefunden habe, habe ich nur eine Wahl.
Ich nehme mir mein Handy und will mir den Wecker für eine Viertelstunde stellen, doch ich werde angerufen. Das ist jetzt sicher schon sein tausendster Anruf. Er nervt mich ziemlich! Kann er denn nicht endlich verstehen, dass ich nicht dran gehen werde?
Wenn sein Schicksal nicht schon längst bestimmt wäre, dann würde ich es selbst in die Hand nehmen und nach meiner Laune ändern, wo ich es nur kann.
Ich warte, bis der Anruf endlich von meinem Display verschwindet. Jetzt kann ich mir endlich einen Wecker stellen.
Ich sehe mich an den verschiedensten Orten um, aber ich finde einfach nichts. Mein Handy klingelt, doch es ist nicht der Wecker, sondern wieder ein lästiger Anruf.
Einfach ignorieren! Ignorieren und weiter suchen! Genau.
Ich bin kurz davor mein Handy aus dem Fenster zu werfen. Er regt mich heute besonders auf. Kann er sich nicht denken, dass ich ihn hasse und ihn mit absicht ignoriere? Aber nein, der Bastard macht sich Sorgen...
Ich suche noch in ein paar weiteren Schubladen und Ordnern, doch ich gebe es schnell wieder auf. Mein Wecker klingelt und ich gehe ins Schlafzimmer meiner Eltern. Dort liegen sie. So friedlich. Doch auch Lori liegt in dem Raum, aber auf dem Boden. Grinsend betrachte ich mein Werk und trete einen Schritt zurück. Es ist so wundervoll! Ich habe mich schon so lange auf diesen Tag gefreut und habe alles schon sorgfältig geplant. Nur Lori kam unerwartet. Ich hatte nicht mit ihr gerechnet und war darauf nicht wirklich vorbereitet gewesen, doch richtig gestört hat sie im Nachhinein nicht.
Ich gehe schnell in die Garage und suche den Kanister mit Benzin. Ich finde ihn sehr schnell und renne damit durch's ganze Haus. Dabei verschütte ich hin und wieder etwas auf dem Boden. Ein Versehen ist das aber nicht. Aber das meiste schütte ich im Schlafzimmer meiner Eltern aus und werfe meinen Personalausweis dazu. Niemand wird sich an mich erinnern. Niemand wird noch an mich denken. Niemand wird bezeugen können, dass ich je existiert habe. Es wird Zeit. Ich nehme mir ein Streichholz, entzünde es und werfe es auf meine ehemaligen Eltern. Das Feuer breitet sich sehr schnell aus. Das schöne Feuer knistert und setzt sich auch an mir fest. Doch ich spüre nichts. Ich kann gar nichts spüren. Aber das ist ja auch kein Wunder.
Ben ist die ganze restliche Woche nicht mehr zur Schule gekommen. Er hat auch nicht auf meine Anrufe oder Nachrichten reagiert.
Ich machte mir ziemlich große Sorgen und wollte eigentlich Lori fragen, wie es ihm geht. Sie wollte ihm ja die Hausaufgaben bringen. Aber sie ließ sich auch nicht mehr blicken. Ich dachte schon, sie hätte sich bei Ben angesteckt, aber selbst ihre Freundinnen hatten keine Ahnung, wo sie war. Sonntag nachmittags hatte ich dann keine Lust mehr im Ungewissen zu bleiben.
Ich wollte unbedingt wissen, was mit ihm geschehen ist. Ich schnappte mir mein Handy, mein Schlüssel und verließ das Haus.
Ich lief sehr langsam, da ich Angst hatte. Angst, vor dem, was mich erwarten könnte oder würde. Aber trotzdem wollte ich wissen, ob es Ben gut ging.
Ich war schon fast da. Mir wurde schlecht. Ich war kurz davor wieder umzudrehen, doch irgendetwas wunderte mich plötzlich. Normalerweise hätte ich doch schon den Schornstein oder anderes vom Haus gesehen, doch zwischen zwei Häusern war einfach eine Lücke. Verwirrt und etwas schneller ging ich weiter. Ich traute meinen Augen nicht, doch es war wahr. Das Haus war plötzlich weg. Das Grundstück war komplett abgesperrt. Ich war mehr als nur verwirrt.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun oder denken sollte. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich verstand gar nichts mehr.
Ist der jetzt umgezogen? Aber... Wo ist dann das Haus? Was ist hier los?!
Ich löste mich aus meiner Starre und lief zum Haus direkt daneben. Ich schellte durchgehend, bis mir ein Mann Mitte 30 die Tür öffnete. Er war sichtlich genervt und setzte ich ein unechtes Lächeln auf.
"Na, wie kann ich dir helfen, kleiner?"
"Stand hier nicht mal ein Haus?!"
Ich deutete auf die leere Stelle und das gefakte Lächeln des Mannes verschwand. Sein Ausdruck war neutral, fast schon leer.
"Da steht doch schon lange kein Haus mehr."
"Da stand doch letzte Woche noch das Haus meines besten Freundes!"
"Nein, das Grundstück ist seit fast 2 Jahren leer. Das letzte Haus war von Schimmel befallen und musste abgerissen werden. Ein neues Haus ist schon in Planung, aber die Bauarbeiten haben noch nie richtig angefangen."
"Was?! Nein, ich... was?!"
"Hör mal, du scheinst wohl ein paar Jahre Verspätung zu haben, falls du hier wirklich deinen Freund besuchen wolltest. Wenn das alles war, dann gehe ich jetzt wieder rein, okay? Ist kalt hier draußen..."
Er lächelte noch einmal gezwungen zum Abschied und schloss die Tür hinter sich.
Ich klingelte noch an allen anderen Häusern, doch jeder sagte das selbe. Ich konnte das nicht glauben. Ich wählte noch einmal Bens Nummer. Doch dieses mal klingelte es nichtmals.
"Kein Anschluss unter dieser Nummer" ertönte es auch nach dem 10. Mal.
Bin ich etwa geistig gestört?
Nein...
Für mich gab es nur eine Erklärung für diese rätselhafte Situation. Es musste einfach etwas mit dem Mitternachtsspiel zu tun haben. Da war ich mir sicher. Und dann gab es wieder diese blöde frage.
Sollte ich nochmal spielen? Für Ben?
Dieses Mal hatte ich aber eine klare Antwort.
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Das Mitternachtsspiel
KorkuAnzeichen, dass ER näher kommt: Elf Es wird kälter, wenn er kommt. Zwölf Meine Kerze erlischt, wenn er kommt. Dreizehn Ich sehe vielleicht einen menschlichen, schwarzen Umriss, wenn er kommt. Vierzehn Irgendeine Strategie? Fünfzehn Wenn ich merke, d...
