Doch O'Hare und ich haben kein Glück. Das Boudoir der Hexe, das nicht weit entfernt in Chinatown liegt, ist an diesem Abend geschlossen. Daher beschließen wir, am nächsten Morgen wiederzukommen.
Die Nacht verbringe ich in meiner Upper-Class-Studentenbude, die in einem viktorianischen Gebäude am Bloomsbury Square zu finden ist. Bevor ich mich ins Bett lege, hole ich eine Packung tiefgekühlten Spinat aus dem Eisfach und presse ihn mir auf die Wange, um die Schwellung zu lindern. Schließlich will ich morgen nicht aussehen, als wäre ich gegen einen Schrank gelaufen. Ein Blick auf mein Handy sagt mir, dass Evie mir geschrieben hat.
Ich setze mich aufs Sofa und scrolle durch ihre lange, mit Emoticons und Ausrufezeichen gespickte Nachricht. Dem Text entnehme ich, dass mein Vater dem Vorhaben der Griffins zugestimmt hat. Außerdem hat Evie mit unseren Grenzwächtern über den fremden Wolf gesprochen. Tatsächlich gab es wohl in letzter Zeit mehrere Berichte über einen Eindringling im Griffin-Revier, doch da sich unsere Wächter nicht in Wolfsangelegenheiten einmischen, haben sie die ganze Sache nur protokolliert und nicht gemeldet.
Stöhnend lege ich mein Handy weg und lasse mich zurücksinken. Die Straßenlaternen werfen rechteckige Muster an die gegenüberliegende Wand, deren Regelmäßigkeit nur manchmal von den Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Autos gestört wird. Die Standuhr, die ich von meinem Opa geerbt habe, erzeugt ein melodisches Tick-Tack-Geräusch. Dem Rhythmus des Pendels folgend, wandern meine Gedanken zurück zu Clover.
Was ist mit ihr passiert?
Es gibt nicht viele Möglichkeiten.
Wölfe eines verfeindeten Rudels könnten unter Umständen ein Interesse daran haben, sie zu entführen, um ihren Vater unter Druck zu setzen. Rogues sind verrückte Einzelgänger-Wölfe und brauchen vermutlich keinen Grund, um ein Mädchen zu töten. Und Hexen stehen in Verdacht, Werwolforgane für ihre komplizierten Zauberexperimente zu benötigen.
Ich mag es mir gar nicht ausmalen.
Zuerst dachte ich noch, die ganze Sache würde mich kalt lassen, doch je mehr ich über Clover und ihr Leben erfahre, desto zorniger werde ich.
Natürlich ist es vollkommen legitim, dass das Griffin-Rudel über seinen wertvollen Nachwuchs wacht, aber was Jessica erzählt hat, klingt ganz danach, als hätte Clover ein ernsthaftes Problem gehabt – und niemanden, dem sie davon erzählen konnte.
Ich finde das traurig. Einfach nur traurig.
Wir Kaninchen werden schon früh zur Eigenständigkeit erzogen. Schon allein, weil unsere Eltern keine Zeit haben, sich um uns alle zu kümmern. Gleichzeitig gibt uns die Gemeinschaft aber auch Sicherheit und Schutz. Meine Geschwister, Cousins, Cousinen, Tanten, Onkel und Stiefmütter verstehen sich im Großen und Ganzen alle recht gut miteinander. Und auch ich wüsste immer an wen ich mich wenden könnte, wenn ich wirklich in Not wäre.
Zunächst einmal: Meine Mom ist immer für mich da. Sogar Evie, die als Erstfrau meines Vaters so etwas wie die Mutter der Kolonie darstellt, kann eine gute Ansprechpartnerin sein. Sie macht sich gerne über mich lustig und strebt in erster Linie danach, ihre eigene Position zu festigen, aber sie ist auch eine mächtige Verbündete. Gerade, wenn es darum geht, meinen Vater von etwas zu überzeugen. Und solange sie keinen Sohn bekommt, hat sie auch keinen Grund, mir Steine in den Weg zu legen. Darüber hinaus habe ich neben Jessica noch ein oder zwei Brüder und ein paar Schwestern, mit denen ich mich ganz gut verstehe. Von menschlichen Freunden und Kommilitonen mal ganz abgesehen. Ich bin also nicht alleine. Außer ich will es so.
Aber Clover muss ganz alleine gewesen sein. Mit Sicherheit hat sie nicht mal im Traum daran gedacht, sich Thomas Knight anzuvertrauen. Und wenn ich mich richtig erinnere, ist ihre Mutter schon vor Jahren bei einem Unfall verstorben. Da Werwölfe sich für das ganze Leben an einen Seelenpartner binden, hat niemand diese Lücke in ihrem Leben füllen können.
Je länger ich darüber nachdenke, desto zufriedener bin ich mit meinem Leben. Und desto wütender werde ich auf die Wölfe, die Clovers Qualen nicht wahrgenommen oder ignoriert haben.
Um mich nicht die ganze Nacht damit herumzuschlagen, schäle ich mich aus meinem Anzug und hüpfe unter die Dusche. Anschließend mache ich den Fernseher an und lege mich ins Bett. Es ist so eine Macke von mir, nicht ohne flackernde Bilder und leise Geräusche einschlafen zu können. Vielleicht, weil es bis zu meinem Auszug aus dem Familienanwesen in Greenwich immer laut um mich herum war. Kein Wunder, bei fünf Müttern und sechsundzwanzig Geschwistern. Darunter auch immer mindestens zwei Babys. Die ganz Kleinen bleiben zwar anfangs in Kaninchengestalt, aber irgendwann fangen sie mit dem Verwandeln an und dann geht die Schreierei los. Bestimmt ist das der Grund, aus dem ich nicht schlafen kann, wenn es still ist und ich den Eindruck habe, ganz alleine zu sein.
Mit geschlossenen Augen lausche ich auf die Stimmen der Talkgäste in einer Show, deren Name mir entgangen ist. Es spielt auch keine Rolle. Ich lasse mich davontragen.
Evie ... George Griffin ... Thomas Knight ... Dante O'Hare ... erneut kann ich vor mir sehen, wie er Toby eine perfekte Gerade gegen das Kinn gedonnert hat. Bestimmt hat er das nicht zum ersten Mal gemacht. Wieso will Griffin, dass ausgerechnet er nach seiner Tochter sucht? Und was will Dante in der vergessenen Metropole? Kann ich ihm wirklich vertrauen?
Während diese Fragen durch meinen Kopf kreisen, wie Fische durch ein zu kleines Aquarium, sinke ich tiefer, durch den Boden, vorbei an den Tunneln der Tube und hinab in den Untergrund, in ein labyrinthisches Höhlensystem voll blinder Kaninchen mit weißen Nebelaugen.
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Dante & Nick: Down The Rabbit Hole
ParanormalNick gehört der unterschätzten Gattung der Werkaninchen an, die sich auf dem ganzen Erdball rasch ausgebreitet hat und dabei immer wieder in Konflikt mit der dominanten Werwolf-Spezies gerät. Diese schwierige Situation wird noch verschärft, als die...
