Während die Wölfe den Tiger in Schach halten, legen Dante und ich unsere Kleidung ab. Ich komme mir noch immer vor wie in einem Film. Als hätte ich gar nicht wirklich die Kontrolle über meinen Körper. Mein Blick huscht zu Evie, aber von ihr haben wir keine Hilfe zu erwarten.
Dante wirkt ebenfalls unruhig, aber nicht beunruhigt. Vielmehr scheint er den Abstieg in die unterirdische Stadt kaum noch erwarten zu können. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie lange er schon darauf gewartet hat. Oder was er dafür alles getan hat. Unwillkürlich muss ich an Evies Bruder denken. Wieso jetzt? Als ob ich keine anderen Probleme hätte.
Bevor wir uns verwandeln, tauschen Dante und ich noch einen kurzen Blick. In Dantes pistaziengrünen Augen liegt eine vage Sorge, gepaart mit der unausgesprochenen Frage, ob ich durchhalten oder durchdrehen werde. Ich antworte ihm mit einem Lächeln, dem hoffentlich anzumerken ist, wie sehr ich unsere Situation verabscheue. Wenn es nach mir gehen würde, würden wir die ganze Sache so schnell wie möglich durchziehen. Wir würden den Schakal holen und zur Oberfläche zurückkehren. Keine Umwege, Ausflüge oder Experimente. Dante erwidert mein Lächeln und wendet rasch den Blick ab. Er weiß genau, was ich meine.
Dann ist unsere Zeit abgelaufen und wir müssen uns verwandeln. Die Wölfe begleiten uns zu den Toren, die ins Tigergehege führen. Das erste Tor öffnet sich wie eine normale Tür, das zweite wird wie ein Fallgatter hochgezogen. Aus der Grasperspektive wirkt alles noch viel größer und beeindruckender. Auch die Gerüche. Der Tiger-Gestank fährt mir derart unter die Haut, dass ich ganz automatisch einen Satz rückwärts mache und gegen die Stiefel eines Werwolfs pralle. Das Gelächter der Wölfe klingt wie Gebell. Ich ignoriere es und suche Dante, der sich neugierig ins Tigergehege schleicht und keine Scheu zu kennen scheint. Meine eigene Angst niederkämpfend, halte ich mich an seiner Seite. Während Wölfe in ihrer Tiergestalt wilder und brutaler werden, erhalten Kaninchen eine Extra-Dosis Furchtsamkeit. Meiner Meinung nach ist das ziemlich unfair.
Der Eingang in die unterirdische Metropole befindet sich in der Nähe eines Gebäudes, in dem vermutlich weitere Tiger untergebracht sind. Direkt bei der Mauer führt ein Tunnel unter die Erde. Der Zugang ist kaum größer als bei einem gewöhnlichen Kaninchenbau. Für einen jungen Schakal mag das ja noch ausreichen, aber für einen Wolfswelpen ...? Irgendwie kommt mir das komisch vor, aber ich habe keine Zeit, um darüber nachzudenken.
Der Tiger gibt ein mürrisches Grollen von sich, das mir derart in die Beine schießt, dass ich mich ohne darüber nachzudenken an Dante vorbeidränge und im Tunnel verschwinde. Wie im Rausch rase ich durch die Dunkelheit. Es ist lange her, dass ich zuletzt unter der Erde gewesen bin. Doch in meinen Genen scheint es ein eingebautes Tunnel-Programm zu geben, das dafür sorgt, dass ich mich in dem engen und dunklen Gang pudelwohl fühle. Wenn ich ehrlich bin, könnte es ruhig noch etwas schmaler und finsterer sein. Der intensive, saftige und stellenweise geradezu würzige Geruch der Erde streichelt besänftigend meine Riechknospen und schon bald habe ich die Wölfe und den Tiger vergessen. Ich verlangsame meinen Sprint und genieße das angenehme Gefühl, mich vollkommen sicher zu fühlen. Hier unten kann mir niemand etwas anhaben.
Der Tunnel führt eine Weile recht flach in die Tiefe, wird dann aber immer steiler. Würmer und andere Krabbeltiere kringeln sich in den Tunnelwänden. Ich kann ihre Anwesenheit riechen und hören. Sie sind es nicht gewohnt, Besuch zu bekommen. So wie ich es nicht gewohnt bin, mich in vollständiger Dunkelheit zu orientieren.
Mehr durch Zufall bemerke ich, dass sich der Gang vor mir gabelt. Mein Instinkt rät mir, einfach weiterzulaufen, aber ich bin wieder ruhig genug, um mich nicht von meinen Trieben kontrollieren zu lassen. Also halte ich inne und schnuppere in alle Richtungen.
Derweil schließt Dante zu mir auf. Er ist ein ganzes Stück größer als ich, füllt den Tunnel aber trotzdem nicht ganz aus. Offenbar ist es hier unten doch geräumiger als ich zunächst angenommen habe. Laut schnuppernd und ziemlich rücksichtslos zwängt er sich neben mich. Sein Fell ist kurz und drahtig; er riecht nach Karotten, Olivenöl und einer guten Portion Unverschämtheit. Ich habe große Lust, mich extra breit zu machen, sodass er nicht an mir vorbeikommt, aber damit wäre weder Clover noch Evie oder uns geholfen. Also erdulde ich es stillschweigend, dass er auf seinem Weg zur Tunnelbiegung über mich hinwegklettert und mir dabei seine Pfoten ins Gesicht drückt. Wenigstens scheint er zu wissen, in welche Richtung wir gehen müssen. Jedenfalls wendet er sich nach kurzer Schnüffelei der linken Abzweigung zu.
Den restlichen Weg über lasse ich ihm den Vortritt. Keine Ahnung, was seine Nase so besonders macht, aber er hat ganz offensichtlich keine Schwierigkeiten damit, den Weg in die unterirdische Stadt zu finden.
Nach einer undefinierbaren Zeitspanne und mehreren Abzweigungen wird der Gang breiter. Gleichzeitig verschwindet die Erde und wird durch abgeschliffene Steinquader ersetzt. Ganz eindeutig das Werk von Menschen. Sofort frage ich mich, wie das sein kann. Irgendwie habe ich gedacht, bei der vergessenen Metropole würde es sich nur bildlich gesprochen um eine Stadt handeln.
Doch wie groß der Irrtum ist, dem ich aufgesessen bin, erfahre ich erst, als Dante urplötzlich stehen bleibt und ich gegen sein Hinterteil pralle. Nicht gerade schwungvoll, aber es reicht aus, damit er sein Gewicht auf die Vorderbeine verlagern muss. Dadurch kippt der Boden unter uns, als säßen wir auf einer losen Klappe, und wir fallen.
Ich strampele mit den Gliedmaßen, spüre den plötzlichen Freiraum und kann den Drang, mich zu verwandeln, nicht länger zurückhalten. Wegen der natürlichen Schmerzstiller, die während der Verwandlung ausgeschüttet werden, spüre ich den Aufprall kaum. Ich lande auf einer schrägen Fläche und kullere daran hinab in einen großen Strohhaufen. Dabei begrabe ich Dante halb unter mir, was ihm – meiner Meinung nach – nur recht geschieht. Zum Glück hat er sich ebenfalls verwandelt. Andernfalls hätte ich ihn vielleicht zerquetscht.
Mit pochendem Herzen warte ich darauf, dass die Welt um mich herum wieder zum Stillstand kommt. Derweil kann ich Dante unter mir stöhnen hören. »Was war das denn?«
»Eine Falle«, schlage ich vor. Dante hält sich vielleicht für einen großen Abenteurer, aber ich habe Indiana Jones gesehen. Mehrfach.
»Nein, ich meine-« Dante bricht ab.
Ich komme langsam wieder zu mir. Die trockenen Halme stechen mir unangenehm in Rücken und Oberschenkel. Vorsichtig wälze ich mich herum, sodass ich Dante ansehen kann. Er liegt splitterfasernackt im Stroh und hat die Augen weit aufgerissen.
»Was ist?«, will ich wissen.
»Sieh dich doch mal um«, haucht Dante.
Ich tue ihm den Gefallen, auch wenn ein Teil von mir findet, dass meine Umgebung kaum interessanter sein kann als mein Begleiter. Und wieder habe ich mich geirrt.
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Dante & Nick: Down The Rabbit Hole
ParanormalNick gehört der unterschätzten Gattung der Werkaninchen an, die sich auf dem ganzen Erdball rasch ausgebreitet hat und dabei immer wieder in Konflikt mit der dominanten Werwolf-Spezies gerät. Diese schwierige Situation wird noch verschärft, als die...
