The Sister

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Ich habe gesagt, dass das Orchyd ein Theater sei – und das stimmt auch. Es besitzt eine Bühne und manchmal werden hier auch Schauspiele aufgeführt. Jedoch meist semiprofessionell und nur für ein ausgewähltes Publikum. Die Londoner schätzen das Orchyd eher für eine andere Form der Unterhaltung. Jeden Freitag- und Samstagabend gibt es ein buntes Programm aus Stand-up-Comedians, Bauchrednern, Jazzmusikern und Zauberern. Die meisten davon noch unbekannt, aber ausgesprochen talentiert.

Ob das auch auf den Großen Nepomuk zutrifft, wage ich nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall ist der selbsternannte Hasenflüsterer eine imposante Erscheinung mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz und einem grauenhaften Charakter. Deshalb bin ich auch froh, dass er nicht anwesend ist, als O'Hare und ich den klimpernden Perlenvorhang durchschreiten und den Zuschauerraum des Orchyd betreten.

Die Beleuchtung im Innern des kleinen Theaters lässt zu wünschen übrig. Das einzige Licht stammt von dem Strahler, der auf die Bühne gerichtet ist. Dort ist Jess soeben dabei, die Utensilien, die der Große Nepomuk für seine Zaubertricks benötigt, für die anstehende Probe herzurichten. Dabei ist sie selbst das wichtigste Utensil.

Als ich es zuerst gehört habe, konnte ich es auch nicht glauben. Meine Schwester hat tatsächlich einen Nebenjob als weißes Kaninchen, das sich aus dem Hut zaubern lässt.

»Bist du das, Nick?«

Jessica schirmt ihre Augen mit einer Hand gegen das grelle Licht ab und blinzelt fragend in die Dunkelheit des Zuschauerraums. Sie hat Vaters hellblaue Augen und Evies weizenblonde Haare geerbt, die sie meist locker zusammengebunden trägt. Ihr hübsches Puppengesicht, ihr offenes Lachen und ihre quirlige Art machen sie bei Menschen und Kaninchen sehr beliebt. Vielleicht will der Große Nepomuk sie deswegen ausschließlich in Karnickelgestalt auf der Bühne haben. Seine Eitelkeit erträgt keine Konkurrenz. Dabei wäre es für seine Einnahmen bestimmt von Vorteil, Jessica in einem knappen Glitzerkleid auf die Bühne zu stellen. Oder sie singen zu lassen. Denn das ist ihr eigentlicher Traum: eine Karriere als Sängerin.

Laszlo, der schmierige Besitzer des Orchyd, hat ihr versprochen, dass er sie irgendwann auftreten lassen wird. Ich habe den Verdacht, dass er dafür eine Gegenleistung erwartet. Und sollte das so sein, werde ich meine Einstellung zur Gewalt nochmal überdenken. Immerhin ist meine Schwester erst sechzehn.

»Ja, ich bin's«, rufe ich Jessica zu und hebe die Hand zum Gruß.

Jessica strahlt über das ganze Gesicht. »Nick! Was machst du denn hier?«

»Ich ... ich muss dich was fragen«, antworte ich, während ich etwas ungelenk auf die Bühne klettere.

Jessicas Lächeln verblasst. »Was ist mit deinem Gesicht passiert?«

»Das waren deine Freunde draußen vor der Tür.«

Für einen Moment wirkt Jess ehrlich verwirrt, dann scheint es ihr zu dämmern. »Ach, die ...« Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. »Das sind nicht meine Freunde.« 

»Ach nein?«

»Das sind nur Tony und seine Cousins.«

»Sollte ich die kennen?«

Jessica zieht einen Schmollmund. »Als zukünftiger Alpha vermutlich schon.«

»Du weißt doch, dass ich-«

»Ja, ja«, fällt mir Jessica ins Wort. »Aber keine Sorge. Ich rede mit Tony. Er wird sich bei dir entschuldigen.« Ohne auf meinen Protest zu achten, wendet sie sich erneut der Dunkelheit im Zuschauerraum zu. »Und wer ist das?«

Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter.

Dante wartet vor der Bühne. Die Möhre hat er gegen ein lässiges Lächeln und einen interessierten Blick eingetauscht.

Dante & Nick: Down The Rabbit HoleGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt