The Moon

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Ich warte. Und warte. Doch eigentlich weiß ich, dass Dante nicht noch einmal an der Wurzel ziehen wird. Ich kann es spüren. Und irgendwie habe ich es auch schon geahnt.

Trotzdem steigt meine Anspannung immer weiter an, bis ich es nicht mehr aushalte und meinerseits an der Wurzel zerre. Zu meiner Überraschung gibt sie nach. Ich stolpere rückwärts und lande unsanft auf dem Hintern. Eine Fliesenscherbe bohrt sich in meine linke Pobacke, aber ich ignoriere es und ziehe das andere Ende der Wurzel zu mir heran. Die Stelle, an der Dante sie festgehalten hat, ist mit einem durchsichtigen Pflanzensaft und einer dunkelroten Flüssigkeit benetzt. Ich muss nicht daran riechen oder lecken, um festzustellen, dass es sich um Blut handelt. Dantes Blut?

Sofort bin ich wieder auf den Beinen und husche zum Feuer, das still und stumm vor sich hin brennt. Wohin hat es Dante gebracht? Ist ihm etwas zugestoßen?

Ich will ihm nachfolgen, überlege es mir aber im letzten Moment anders und taumele ungelenk zur Seite. Schweratmend klammere ich mich an der steinernen Affenskulptur fest und versuche, einen klaren Gedanken zu fassen. Wenn Dante wirklich etwas zugestoßen sein sollte, werde ich mich mit einem überstürzten und unüberlegten Vorgehen ebenfalls in Gefahr bringen – und dann wäre die ganze Sache mit der Wurzel vollkommen umsonst gewesen. Außerdem ... irgendwer muss Evie und Clover retten. Ich weiß, dass Dante sich auf mich verlässt.

Nur ... was soll ich tun? Das magische Feuer ist der einzige Ausweg aus der vergessenen Metropole. Oder?

Ich bin so aufgedreht, dass ich nicht stillsitzen und den Gedanken zu Ende denken kann. Hektisch renne ich zum Ausgang des Tempels und lasse meinen Blick über die Stadt unter mir und das steinerne Gewölbe über mir wandern. Ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit überkommt mich. Gefolgt von einer nicht weniger überwältigenden Furcht. Kalt ergießt sie sich über meinen Körper. Ich bin alleine in einer unterirdischen Stadt, in der unzählige Werkaninchen an einer mysteriösen Seuche gestorben sind, schießt es mir durch den Kopf. Wenn das nicht wie der Ausgangspunkt eines neuen Zombie-Horrorfilms klingt, weiß ich es auch nicht.

Nein, auf keinen Fall werde ich hierbleiben. Aber wenn es neben dem Feuer noch einen weiteren Ausgang geben sollte, werde ich ihn vermutlich nicht im Zentrum von Rabbiton, sondern eher am Stadtrand finden.

Auf zittrigen Beinen laufe ich los. Ich fühle mich beobachtet. Als würden die eiskalten Blicke aus tausend toten Augen auf mir ruhen. Wie früher, wenn ich in den dunklen Keller unseres Familienanwesens hinabsteigen musste, um Holz für den Kamin zu holen.

Am liebsten würde ich mich einfach wegbeamen. Zurück an die Oberfläche. Wo die Luft nicht nach Feuchtigkeit und Moder stinkt. Wo die Zeit nicht im ewigen Zwielicht darauf wartet, dass jemand die Uhren wieder aufzieht.

Die nächsten Stunden – es hätten auch Tage oder Monate sein können – verbringe ich damit, nach einem Ausgang zu suchen. Ich überquere den See und gehe die steinernen Außenwände der unterirdischen Halle ab, doch die wenigen Schächte, die noch nicht wieder vermauert worden sind, liegen in großer Höhe und lassen sich nicht ohne Weiteres erreichen.

Spuren an den Wänden deuten jedoch darauf hin, dass das nicht immer so gewesen sein kann. Vermutlich ist es in der Anfangszeit der Metropole durchaus üblich gewesen, die Stadt durch die Tunnel zu betreten und wieder zu verlassen. Bevor die Kaninchen beschlossen, sich ein für allemal von der Oberfläche abzuschneiden. Sie haben sich selbst hier unten eingesperrt. Die Vorstellung ist so absurd und unheimlich, dass es mir den Brustkorb zusammenschnürt. Wer ist bloß auf diese dumme Idee gekommen?

Nachdem ich erfolglos alles abgesucht habe, kehre ich zum Tempel zurück. Inzwischen ist das Licht, das durch die Löcher in der Gewölbekuppel hereinfällt, verblasst. Vermutlich ist es Nacht geworden. Ich frage mich, wie diese Konstruktion funktionieren kann und komme zu dem Schluss, dass es nur mit vielen Spiegeln möglich ist, das Licht von der Oberfläche in die unterirdische Stadt zu leiten. Aber vielleicht ist auch Magie im Spiel. Wer weiß?

Erschöpft lasse ich mich in der großen Tempelhalle neben das Feuer sinken, reibe mir mit den Handballen die Augen und überlege, was ich jetzt tun soll. Der nachlassende Adrenalinspiegel legt meine tiefergehenden Gefühle frei: Hunger, Müdigkeit, Resignation und Verzweiflung. Ich will nicht hier unten bleiben. Und ich will Dante nicht im Stich lassen. Selbst wenn das bedeuten sollte, wie der Mondhase durchs Feuer gehen zu müssen.

Mein Blick wandert zum Oculus hinauf, das einen fahlen, mondgleichen Schimmer verströmt. Bestimmt führt das Feuer an einen sicheren Ort. Alles andere wäre doch unvernünftig. Und wenn Dante aus irgendwelchen Gründen in Gefahr geraten sein sollte, dann ist diese Bedrohung vielleicht längst vorbeigezogen.

Der Gedanke macht mir neuen Mut. Ich rappele mich auf und betrachte das Feuer aus der Nähe. Die Flammen verströmen keine Wärme. Sie sind kalt wie Glas. Vorsichtig strecke ich die Hand danach aus und spüre, wie sich in meinem Innern ein Entschluss formt. Ich werde hindurchgehen, Dante suchen und Evie retten. Alles ist besser, als weiter hier unten herumzusitzen.

Mit einem letzten kurzen Rundumblick, einem letzten tiefen Ein- und Ausatmen, trete ich ins Feuer. Die Flammen hüllen mich ein, lodern an mir empor und rauben mir die Sicht. Sie fühlen sich glitschig an. Als wäre ich in einen Fischschwarm eingetaucht.

Und dann ziehen sie sich einfach wieder zurück. Was bleibt, ist Finsternis.

Ich blinzele. Die Dunkelheit klärt sich. Ein diffuser, grünlicher Lichtschein breitet sich aus. Ich erkenne, dass ich mich in einer Art Passage befinde. Zu beiden Seiten sind Türen auszumachen. Hintertüren und Liefereingänge, teilweise vergittert, Edwardianische Fliesen auf dem Boden, Klimaanlagen, Graffitis und grüne Leuchten an den Mauern. Während sich meine Augen noch an die Bedingungen gewöhnen, nähere ich mich dem Ausgang der Passage. Mein Blick fällt auf ein weißes Schild. Darauf steht Man in Moon Passage W1 und darunter City of Westminster.

Jenseits des Schildes öffnet sich der schmale Durchgang zu einer großen, gut beleuchteten und viel befahrenen Straße. Dort erheben sich die mächtigen Georgianischen Gebäude der Regent Street mit ihren unverkennbaren, grauweißen Portland-Stone-Fassaden. Der Mond steht rund und voll über den Mansardendächern und kleinen Türmchen der gebogenen Häuserzeilen. Ich bin zurück an der Oberfläche. Und mitten in London. Eine gewaltige Last fällt mir vom Herzen, sodass ich kurz Schlagseite bekomme und gegen die Wand taumele.

Im nächsten Moment werde ich gepackt und unsanft herumgezerrt.

Dante & Nick: Down The Rabbit HoleGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt