In der Winkelgasse

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Das Wetter war heute zwar ungeheuer trübselig, aber das machte nichts. Heute würde Felix die Zwillinge und Lee wiedersehen. Viel zu früh war er schon wach und beim Frühstück raubte er Mrs Weasley den letzten Nerv.
„Jetzt hör schon auf, so rumzuzappeln", befahl sie und stemmte ihre Hände in die Seiten. „Wir müssen sowieso auf den Wagen warten."

Diesen besorgte das Familienoberhaupt, Mr Weasley. Es war einer der Spezialwagen des Ministeriums, der Harrys Sicherheit garantieren sollte. Zudem war er auch so geräumig, dass es ein Leichtes war, darin Platz zu finden. Zu fünft, das Trio, Ginny und Felix, passten sie auf die breite Rückbank. Sobald sie alle  bequem saßen, startete der Fahrer, der mit Mr Weasley und Mrs Weasley auf dem vorderen Sitz saß, den Motor und unter dem verabschiedenden Winken von Bill und Fleur entfernten sie sich Stück für Stück vom Fuchsbau.

Genüsslich streckte sich Ron.
„Gut, dass Dad uns die jetzt wieder besorgen kann."
„Gewöhnt euch nicht dran. Das ist nur wegen Harry", kam es nüchtern von vorne. „Für ihn gilt die höchste Sicherheitsstufe und im Tropfenden Kessel bekommen wir auch noch Verstärkung."
Verstohlen warf Felix einen Blick auf Harry, der die Lippen zusammenkniff. Er konnte es ihm gut nachvollziehen. Er selbst war diesem überfürsorglichen Verhalten, das man ihm im letzten Jahr hatte zuteil werden lassen, überdrüssig geworden. Und genützt hatte es letztendlich sowieso nicht. Wie mochte es da dem Auserwählten gehen?

~

„Nun, da sind wir. Ich soll auf Sie warten, wissen Sie, wann Sie fertig sind?"
Aufgeregt sah Felix auf den Eingang des Tropfenden Kessels. Gleich. Gleich sah er sie wieder.
„Ah, da ist er ja", hörte er Mr Weasley sagen, genau in dem Moment, in dem sich die schäbige Tür des Pubs öffnete und die breite Gestalt eines Halbriesens auf die Straße trat. Hagrid.
Sofort verließ Harry den Wagen und schloss ihn in seine Arme. Felix selbst sah zu den Weasley-Geschwistern.
„Na dann, los geht's."

Er platzte fast vor Vorfreude. Immer wieder biss er sich auf die Zunge, während sie Hagrid durch den trüben Schankraum des Tropfenden Kessels folgten. Er tat es auch, als sie den kleinen Hinterhof erreichten und Hagrid den Weg zur Winkelgasse freigab. Erst jetzt stockte Felix und für einen Moment hatte er seine Freunde völlig vergessen.

„Was ist denn das?", flüsterte er leise, ungläubig auf die tristen Läden starren, an denen sie vorübergingen. Bei den meisten waren Fenster und Eingang zugenagelt worden. Stattdessen hingen dort jetzt Sicherheitsratschläge und Warnungen des Ministeriums.
An der Hauswand von einem der unzähligen Cafés grinste ihnen Bellatrix Lestrange höhnisch entgegen. Weitere Todesser folgten.
Als ein elend aussehender Mann förmlich auf Felix zustürzte, stolperte er zurück.
Die fettigen Haare des Mannes hingen diesem wild über das aufgeblasene Gesicht und über seine Arme hatte er lauter Amulette gehängt, welche ein unheilverkündendes Rasseln von sich gaben.

„Amulette. Zögere nicht, junger Sir, nur meine Ware kann dich vor gemeinen Werwölfen oder Dementoren schützen. Selbst Inferi werden sich von dir fernhalten." Sein Blick huschte zu Ginny. „Oder eins für Ihr kleines Mädchen, Madam?", rief er jetzt Mrs Weasley zu, die ihre Tochter schnell weiterschob. „Damit ihr hübscher Hals geschützt ist?"
Mit einem unbehaglichen Gefühl im Magen folgte Felix dem knurrenden Familienvater, welcher allerdings schnell wieder von seiner Ehefrau abgelenkt wurde, welche besorgt auf ihre Einkaufsliste sah.

„Ich denke, wir gehen erstmal zu Madam Malkin", sagte sie mit bemüht fester Stimme. „Hermine
will einen neuen Festumhang und bei Rons Schulumhang schaut
unten schon viel zu viel Knöchel raus. Und du wirst auch einen
neuen brauchen, Harry, du bist so gewachsen. Nun kommt alle..."
„Molly, es ist Unsinn, wenn wir alle zu Madam Malkin gehen. Warum gehen die drei hier nicht mit Hagrid,
und wir können inzwischen zu Flourish & Blotts und..."
Verkniffen starrte Felix die Winkelgasse hinauf. Er wollte doch nur endlich weiter. Räuspernd drehte er sich zu den anderen.

„Ich würde schon einmal vorgehen, mir passiert ganz bestimmt nichts. Und ich kann gleich sichergehen, dass auch wirklich alles sicher ist", fügte er hinzu, als Mrs Weasley - offenbar wenig begeistert - ansetzte zu widersprechen.
Felix lächelte.
„Ich bin doch kein kleines Kind mehr und Sie haben eine Person weniger, um die Sie sich Sorgen machen müssen, Mrs Weasley."
Die Hexe seufzte, aber der Familienvater nickte schon eifrig.
„Aber natürlich, geh nur. Wir sehen uns später."

Erleichtert lächelte Felix, drehte sich um und marschierte der grauen Straße entlang, an all den verlassenen, einst so fröhlichen Geschäften vorbei.
Mehrmals begegneten ihm Hexen und Zauberer, aber sie alle sahen so abgehetzt aus, dass sie nicht einmal reagierten, wenn er zuerst grüßte. Vielmehr beschleunigten sie ihre Schritte nur noch, weshalb er auch das nach kurzer Zeit unterließ. In diesen Zeiten unternahm man wohl keine näheren Kontaktversuche.
Leise brummte Felix, als...er stolperte zur Seite, als der Zauberer ihn anrempelte und fast reflexartig griff er unter seinen Umhang. Doch bevor er seinen Zauberstab erreichen konnte, wurden sein Handgelenk fest von seinem Gegenüber umschlossen und ein knurrendes „Pass doch auf!" ertönte.

Der junge Gryffindor versuchte, sich irgendwie aus dem festen Griff zu winden, doch er wurde bereits losgelassen und der Fremde eilte weiter. Tief Luft holend sah er ihm hinterher, aber abgesehen von dem Geruch von Holz und Alkohol und dem leicht schlurfenden Gang gab es nichts, was ihm an dem Zauberer mit der Kutte hätte auffallen wollen. Etwas zittrig richtete Felix seinen Umhang.
Unglaublich. Da war er schon vorerst sicher, trotzdem fürchtete er sich noch. Er ballte seine Fäuste. Das musste aufhören!
Tief durchatmend lief er weiter.

~

Das Erscheinungsbild des Geschäftes von Fred und George war das Letzte, was Felix in dieser tristen Umgebung erwartet hatte.
Allein die Schaufenster des unfassbar ulkigen Gebäudes strahlten so grell, dass es in den Augen brannte. Die verschiedensten Angebote hingen darin aus, sodass der Großteil der Passanten sogar dazu veranlasst wurde stehenzubleiben.
Das linke Fenster zerbrach fast unter der Last der sich dahinter auftürmenden Artikel, die munter vor sich hin kreischten, pfiffen, drehten und knallten und blitzten. Auf dem rechten Fenster hing jedoch eines dieser Plakate des Ministeriums und...nein!
Felix war nähergekommen und erkannte nun die knallgelben Buchstaben.

Wen ängstigt noch Du-weißt-schon-wer?
Ihr solltet EHER Angst haben vor
DU-SCHEISST-NIE-MEHR -
der Verstopfungssensation, die die Nation in Atem hält!

„Unglaublich", murmelte Felix beeindruckt, sah sich aber im nächsten Moment unsicher um.
Seine Freunde lehnten sich ja ganz schön weit aus dem Fenster. Wenn das die falschen Leute sahen, was mit Sicherheit früher oder später geschehen würde (wenn es nicht schon längst eingetroffen war), dann würde die Situation sicher heikel werden.
Noch einmal schluckt der Gryffindor, dann trat er auf diese laute und bunte Welt zu.

Der Erbe des Prinzen - Die Entscheidung (IV)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt