Kapitel 21: Junimond

30 3 9
                                        

EINS

Sie öffnete die Augen.
Die Hand in ihrem Haar war verschwunden, ebenso der Geschmack von Thérèse' Lippen.

"Fuck!"

Vic wirbelte herum. Sie war nicht mehr in Berlin. Sie stand auf der Alten Brücke in ihrer Heimatstadt.
Der Akkordeon-Spieler, der wie immer am Anfang der Brücke saß, reckte verwundert den Kopf nach ihr.

Sie hatte sie verloren.

Der Petunienduft der Blumenampeln wehte ihr um die Nase. Sie umgriff das blaue Brückengeländer und starrte einen Augenblick überfordert ins Wasser.

Dann lief sie hastig los. Den Berg zu ihrer Wohnung rauf. Ihre Beine brannten und ihr Herz pumpte mit voller Kraft Blut durch ihren Körper, doch sie bekam davon nichts mit.

Irgendwie fand der Schlüssel das Wohnungstürschloss und sie schlug die Tür hinter sich zu.

Die Wohnung sah normal aus. Die 60er-Jahre-Tapete hatte einer einfachen Weißen wieder Platz gemacht.

Erschöpft steuerte sie auf ihr Sofa zu und ließ sich drauffallen. Sie atmete den trockenen Polstergeruch ein. Gleich darauf war sie eingeschlafen.

Tock tock tock

Vic blinzelte und richtete sich auf. Sie hatte bis in die Abendstunden geschlafen, der Himmel verfärbte sich bereits rosa.

Tock tock

Es klopfte an ihrer Fensterscheibe. Sie stand auf und strich die Gardinen zur Seite. Sie sah niemanden. Dann öffnete sie das Fenster und beugte sich raus. "Hallo?", rief sie halblaut.

Ein helles Surren erklang. Plötzlich kam etwas von oben angeschossen und machte gerade noch rechtzeitig eine Vollbremsung vor ihrem Gesicht.

"Oh mein Gott, Dibbelabbes! Wo kommst du denn her?", rief sie voll ehrlicher Freude und Verwunderung. "Magst du rein kommen?", sie ging einen Schritt zurück und hielt ihm das Fenster auf.

Der Besen machte mit dem Stil eine links-rechts-Bewegung, als würde er den Kopf schütteln.

"Nein? Soll ich...raus kommen?"

Der Besen nickte.

"Okay, moment", grinste sie und stieg in den Fensterrahmen und von dort aus direkt auf den Besen. "Aber bitte vorsichtiii—aahhhhh!".

Dibbelabbes schoss aus dem Stand direkt 20 Meter nach oben und die junge Frau hatte einige Mühe, sich festzuklammern.

"Das hast du Extra gemacht", brachte sie zusammen mit einem erleichterten Ausatmen heraus, als der Besen anhielt und auf der Stelle schwebte.

Dann schaute sie nach vorn und begriff erst, was vor ihnen lag: "Oh, okay – wow. Das ist schön."

Vor ihnen hing ein riesiger Vollmond am pastellfarbenen Abendhimmel. Er war gerade erst aufgegangen und in einen warmen Gelbton getaucht. Sie konnte alle Krater und Furchen erkennen, von hier oben sah er wie zum Angreifen aus.

Die milde Juni-Luft spielte mit ihren Haaren.

Vic seufzte und gab Dibbelabbes ein Zeichen. Nach unten vom Panorama der Stadt gesäumt, flogen sie gemeinsam dem Mond entgegen.



3 Wochen später

Vic flog auf ihrem Besen von der Arbeit heim. Diesen Luxus nahm sie jetzt fast jeden Tag in Anspruch und der Heimweg dauerte in direkter Luftlinie auch nur 1 Minute, mit einem kleinen Spazierausflug saaraufwärts unbestimmte Zeit länger.
Sie hatte keine Angst mehr, gesehen zu werden.
Die meisten Menschen zweifelten an ihrer eigenen Wahrnehmung, wenn sie sie vorbei fliegen sahen. Für die anderen hatten Heiko und Annegret eine Meldestelle eingerichtet, an die sie sich wenden konnten. Wenn immer jemand brav das Online-Formular ausfüllte, statteten Maas oder AKK ihm einen Besuch ab und versahen ihn mit einer Gedächtnislücke.

Das SchattenkabinettWo Geschichten leben. Entdecke jetzt