Kapitel 13: Sternschnuppen

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Vic blickte auf die kleinen schwarzen Augen, die Nase, den einzelnen Haarpuschel der unter der Kapuze hervorlugte, die Falten auf der Stirn.
"Ja, das ist er. Der selbsternannte Bundeskanzler Friedrich Merz. Warum suchst du ihn?"
Thérèse wurde blass um die Nasenspitze und ballte die Hand zusammen in der sie das Papier mit der Kohlezeichnung hielt. Sie presste zwischen den Zähnen hervor: "Er hat unsere Zeitmaschine gestohlen."

Die Staatsanwältin zog überrascht die Augenbrauen hoch. Sie war, ohne es zu hinterfragen davon ausgegangen, dass er sie selbst gebaut hatte.

"Ich habe Hinweise darauf bekommen, dass er in diesem Jahr und in Berlin sein soll. Ich will sie zurück bringen. Niemand darf so ein mächtiges Instrument für seine eigenen Interessen missbrauchen."
"Fürchte, das hat er aber bereits getan", meinte Vic unglücklich, "Wir wurden erst in die 70er zurück katapultiert und sind jetzt anscheinend in 1997 oder einer Zeit, die aussieht wie 1997. Aber das ist nicht korrekt. Alles hier ist nicht korrekt. Er war nie Bundeskanzler und wird es hoffentlich auch nie sein."

"Weißt du, wo er sich befindet?"

"Nein. - Also es gibt eine Wohnung oben im Bundeskanzleramt, aber ich hab keine Ahnung ob er sie bezogen hat, oder sich gerade dort aufhält. Und er wird wohl kaum seine Zeitmaschine dorthin mitgenommen haben."

"Unsere Zeitmaschine", korrigierte sie sie, "Wir gehen da jetzt hin. Kennst du den Weg?"

"Ähm." Sie hätte gerne Nein gesagt und ihr dieses Unterfangen ausgeredet, da sie die Erfolgschancen als äußerst gering einschätzte, aber sie konnte Thérèse nicht nicht helfen.

Sie stemmte die Arme in die Seiten und drehte sich seufzend in Richtung des Waschmaschinen-artigen Baus um, der eigentlich erst 2001 fertig gebaut worden war.

Jetzt standen beide Frauen mit verschränkten Armen vor dem Bundeskanzleramt und blickten am Gemäuer hoch. Annegret und Heiko hatten sie an der Bar zurück gelassen, diese sahen auch nicht aus, als hätten sie mitgehen wollen.

"Was ist dein Vorschlag, wie wir da rein kommen? Und zwar unbemerkt?", meinte Vic skeptisch.

"Klettern. Welcher Stock ist es? Der oberste?"

Die Staatsanwältin schaute entsetzt: "Bist du verrückt? Wir klettern doch nicht die Fassade hoch! Und noch dazu in deinem -", sie wedelte mit den Armen in der Luft, "Kleid!"

Thérèse zuckte mit den Schultern: "Ich bin dazu ausgebildet. Du glaubst nicht wozu ich fähig wäre, hätte ich meinen Schimmel mitnehmen dürfen."

Vic schnappte nach Luft, überging die Pferdesache dann aber doch kommentarlos.
"Okay, aber Nein. Wir...", sie wog still Für und Wieder ab, aber es erschien ihr die einzige Möglichkeit, "Wir fliegen stattdessen besser."

"Also ich kann mir keine Flügel wachsen lassen, du dir etwa?"

"Besser." Vic schluckte und schloss die Augen. Wenn es nicht funktionierte, wurde es peinlich. Noch dazu wusste sie nicht inwieweit ihr das Hexerische Standesrecht verbat, Magie vor fremden Personen zu wirken, aber eine Zeitreisende war ja wohl eine Ausnahme.
Es diente einem legitimen Zweck, dem Zweck den das Schattenkabinett die ganze Zeit verfolgte und dessen Ziel bisweilen offensichtlich noch nicht umgesetzt worden war.
Mildestes Mittel, erforderlich - Sie schloss die Verhältnismäßigkeitsprüfung im Geiste ab um sich zu beruhigen.  Dann streckte sie ihre Hände aus.

"Ene mene Kappes, komm her mein Dibbelabbes. Hex hex!"

Ein magisches Bling ertönte, aber nichts geschah.
Mit einem zementierten Lächeln blickte Vic am Himmel umher. Jede Sekunde kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Kein Besen in Sicht.

Das SchattenkabinettWo Geschichten leben. Entdecke jetzt