"Wach auf."
Vic öffnete die Augen und sah Thérèse vor sich stehen. Gleich darauf schloss sie die Augen wieder und zog sich hastig die Decke über den Kopf.
Ihre Glieder waren schwer wie Blei, die Erdgravitation hatte scheinbar zugenommen.
In der zweiten Nachthälfte war sie nicht zur Ruhe gekommen. Sie hatte sich noch im wegdämmernden Zustand unentwegt Gedanken gemacht und ihr Herz schlug zwischendurch zu laut.
Gefühlt erst 20 Minuten bevor Thérèse sie weckte, fiel sie in erholsamen Tiefschlaf.
"Noch fünf Minuten", nuschelte sie, wohl wissend, dass es 45 werden würden, wenn sie noch einmal die Augen zumachte.
Sie hörte durch die Bettdecke gedämpft das Knarzen der Holzdielen. Thérèse lief unruhig im Raum hin und her.
Vic stöhnte und riss sich die Decke weg. "Schon gut! Wie viel Uhr ist es?"
-"Viertel nach 7."
"Sieben?!", stöhnend fiel die Staatsanwältin wieder zurück auf die Matratze und rollte sich in Embryonalhaltung zusammen.
Die andere Frau rollte die Augen: "Gut, ich gehe ohne dich. Zieh die Tür einfach hinter dir zu, wenn du den Raum verlässt."
Zufrieden, ihre Ruhe zu haben, brummte Vic etwas und kuschelte sich ins Kissen. Bis sie die Türklinke quietschen hörte.
"Hey, nein warte! Wo willst du denn hin? Ich mache mich fertig, warte bitte auf mich."
Kerzengerade setzte sie sich im Bett auf. Der Blick aus kleinen glasigen Augen und die verstrubbelten Haare schienen die Zeitreisende milde zu stimmen. Sie ließ die Türklinke los.
Vic klopfte neben sich auf die Matratze. "Setz dich doch noch. Wir haben doch garkeinen Zeitdruck."
-"Ich möchte die Mission so schnell wie möglich abschließen."
"Wir frühstücken jetzt erst mal."
Dann zauberte Vic ein Tablett mit Croissants, Kaffee, Orangensaft und grünen Weintrauben her und rutschte zur Seite.
Thérèse schlürfte an ihrer Kaffeetasse und sah einen Hauch zufriedener aus.
Vic beobachtete sie von der Seite. "Du siehst angespannt aus. Deine Disziplin ist beeindruckend, aber schalt doch mal einen Gang runter. Du kannst nicht permanent 120% geben."
-"Wir dürfen aber nicht verlieren. Entweder wir gewinnen oder die Welt wird nie mehr so sein, wie vorher. Ich weiß nicht, wie dich das nicht stören kann? Was ist dein Plan überhaupt?"
"Ich hab keinen Plan. Ich bin da irgendwie reingeraten und eigentlich nur eine kleine Staatsanwältin."
-"Du bist eine Hexe."
"Ich bin keine Hexe, man hat mir nur beigebracht wie man zaubert. - Also eigentlich auch nur ein bisschen, ich habe erst den kleinen Hexschein gemacht und dann brauch ich noch drei große und dann noch die zwei Hexamen und dann muss ich mich bei der Kammer anmelden und werde als Hexe zugelassen - also wenn ich das überhaupt will, ich weiß garnicht ob ich das will -", sie zog hastig Luft ein, sie hatte wieder viel zu schnell gesprochen.
Die Zeitreisende sah sie wie so oft mit ihrem undurchdringlichen Pokerface an.
Vic wüsste zu gerne was sie über sie dachte. Schnell biss sie in ihr Croissant um die aufsteigende Nervosität zu überdecken.
Je mehr die Müdigkeit wich, desto mehr war ihr wichtig was die Andere von ihr hielt. Im Schlaf sah sie so nahbar und weich aus, doch am Tag strahlte sie mit jeder Pore Professionalität aus, und dass sie für Zwischenmenschliches nicht viel übrig hatte.
Sie griffen gleichzeitig zu den Trauben und ihre Finger berührten sich. Blitzschnell zog Vic ihre Hand zurück. Sie hielt für eine Sekunde die Luft an und starrte vor sich. Sie spürte ihren Puls steigen und steckte sich so ruhig wie möglich eine Traube in den Mund, um das zu kaschieren.
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Das Schattenkabinett
FantezieDas Genre auf das keiner gewartet hat: ✨️Polit-Fantasy✨️ (oder so ähnlich) In der Hauptrolle: Diese eine Staatsanwältin, die zu neugierig war...
