Verlegen presste ich meine Lippen aufeinander. Ich spürte, wie eine angenehme Wärme in meine Wange schoss. Flirtete Charlie etwa gerade mit mir?
Verdammt, was antwortete man denn auf sowas? Ich hatte noch nie geflirtet. Ich konnte mir ein verlegenes Grinsen nicht verkneifen und natürlich lächelte er zurück.
„Komm mal hierher", meinte er schließlich und ich sah ihn mit großen Augen an. Was wollte der denn jetzt von mir. Ich stand auf und lief zu ihm hinüber, bevor ich mich dann wieder setzte.
Wir saßen nun gegenüber und ich wusste nicht wie mir geschah. Warum war er auf einmal so freundlich?
„Ich habe übrigens gesehen, dass es dir nicht so gut ging während dem Ausmalen. Aber ich wollte dich nicht vor Britt darauf ansprechen. War es wirklich so herzzerreißend für dich, mich mit einer anderen zu sehen?"
Da war sie wieder - Charlies Art, in keiner Situation ernst bleiben zu können.
„Du Idiot", schimpfte ich und boxte ihm auf den Oberschenkel, denn bis zur Schulter reichte mein Arm durch die Gittersteine nicht.
„Ist ja gut, ich hör schon auf dich damit zu ärgern."
Was? Wollte er mir wirklich Gnade erweisen? Das glaubte ich nicht.
„Ich habe an meine Familie gedacht", platzte es aus mir heraus. „Was ist, wenn in meiner Dimension die Zeit einfach weitergeht, obwohl ich nicht da bin? Unsere Welten hängen doch miteinander zusammen. Meine Mutter macht sich bestimmt wahnsinnige Sorgen um mich." Traurig blickte ich auf den Boden. „Ich will endlich hier weg, Charlie."
Wenn ich an meine Mutter dachte, zerriss es mir Herz. Ich war das Einzige, was sie hatte, wenn man meine Tante nicht mit einbezog.
Er seufzte. „Das wird aber leider noch dauern, bis wir hier wieder raus sind."
„Ich weiß!", jammerte ich und Tränen stiegen mir in die Augen. „Ich will nach Hause!"
„Es hat keinen Sinn, jetzt darüber zu grübeln. Ich vermisse Dust auch schrecklich, aber wir dürfen nicht so viel darüber nachdenken. Lass uns lieber mit etwas ablenken."
Verdutzt sah ich ihn an. „Womit soll ich mich hier ablenken? Hier gibt es ja nichts", meinte ich und der schüttelte den Kopf. „Doch uns beide. Lass uns einfach über etwas anderes reden."
„Ich glaub mir fällt sofort ein Thema ein. Eines, das mich schon länger interessiert", sagte ich und wischte mir die Tränen aus den Augen, welche sich zuvor gebildet hatten.
„Gut. Fang du an."
„Eine Frage stelle ich mir nämlich schon länger", begann ich und er sah mich gespannt an.
Seit wann war er denn so interessiert an einem Gespräch mit mir? Hatte ich etwas verpasst?
„Und zwar?" hakte Charlie nach, als ich für ein paar Sekunden aufgehört hatte zu sprechen.
„Warum ist deine Familie von Instagram auf Snapchat ausgewandert?" Er hob überrascht seine Augenbrauen.
„ Ich wusste gar nicht, dass ich meine Vorgeschichte interessiert", gab er zu.
„Hä? Ist das nicht offensichtlich, wenn du so ein Mysterium darum machst?"
„Hm", machte er und ich begann langsam darüber nachzudenken, ob es vielleicht doch keine so gute Idee war, in etwas so Persönliches zu fragen. Im Endeffekt war er aber sowieso nicht verpflichtet, mir eine Antwort zu geben.
„Na gut", sagte er schließlich. „Ich werde dir die ganze Geschichte erzählen", er schluckte und ich nahm an, dass er schon länger mit niemandem mehr darüber gesprochen hatte.
„Meine Eltern haben damals mit Algorithmus-Zügen gearbeitet und nach einiger Zeit haben Sie bemerkt, dass die Arbeit, die sie verrichten, den Menschen in deiner Dimension schadet. Deswegen haben wir eines Tages unsere Sachen gepackt und sind hinüber zu Snapchat gegangen, weil wir uns dort ein besseres Leben erhofft haben. Damals waren die Plattformen noch nicht so weit voneinander entfernt. Ich frage mich, weshalb sie das jetzt sind", überlegte er und kniff nachdenklich seine Augen zusammen.
„Bleib beim Thema", ermahnte ich ihn. „Was ist denn so schlimm an diesen Zügen?", wollte ich wissen und Charlie seufzte. „Nun ja, jeder Zug steht für einen Nutzer. ‚Schaffner', wie wir die Leute nennen, die mit ihnen arbeiten, sind dazu zuständig herauszufinden, was die jeweiligen Nutzer gerade interessant finden und was ihn noch länger auf der Plattform behält. Die Schaffner sehen auf den Fenstern, welche Videos oder Fotos sich ein User besonders gerne ansieht und notieren dabei alles, was ihnen auffällt. Je nachdem wie schnell ein Nutzer scrollt, desto schneller fahren die Züge, deswegen ist es auch wichtig, deren Geschwindigkeit zu messen. So wird ein perfektes Konzept entwickelt, das auf jeden Nutzer angepasst wird. Es werden dementsprechende Waggons an den Zug gehängt." Er rutschte ein wenig näher und begann zu flüstern: „Meine Eltern haben es nicht mehr ausgehalten, zu sehen, wie viele Videos und Bilder die Menschen sich ansehen und vor allem, was sie sich ansehen. Und natürlich, womit sie sozusagen ihre Zeit verschwenden. Das schlechte Gewissen hat eben irgendwann überhandgenommen und sie sind abgehauen", erzählte er und ich versuchte immer noch das Konzept der Algorithmus-Züge zu verstehen.
„Also stelle ich mir das richtig vor: Es gibt Millionen von diesen Zügen und genauso viele Bahnsteige, auf denen Leute stehen, die ganz genau notieren, was der Nutzer mag und voraussehen, was sie sich als Nächstes anschauen möchten. Das Ziel dabei ist, den Nutzer in einer endlosen Schleife festzuhalten und so lange wie möglich an den Bildschirm zu fesseln?", fasste ich zusammen und Charlie begann zu klatschen.
„Genauso ist es! Du begreifst schneller, als ich dachte", meinte er und ich war mir nicht sicher, ob ich diese Aussage als Kompliment auffassen sollte.
„Und warum seid ihr dann nach Snapchat gegangen? Ist es dort nicht genauso?", fragte ich und er schüttelte den Kopf. „Nicht genauso extrem. Es ist besser, nicht perfekt, aber besser."
„Aber wieso machen die das hier überhaupt. So ein Konzept meine ich, wenn es doch den Menschen schadet?"
„Genau das ist der Punkt. Es kommt eben der Plattform zugute, je mehr Menschen aus deiner Welt mehr Zeit auf der jeweiligen Plattform verbringen, desto mehr Gewinn bringt uns das Ganze. Wenn es eure Dimension nicht gäbe, würden auch wir nicht existieren. Ihr könntet aber ohne uns existieren. Wir sind also von euch abhängig und um unsere Existenz nicht zu verlieren...
„...macht ihr uns von euch abhängig", vollendete ich seinen Satz und der nickte. „Bingo!"
„So und jetzt, wo ich dir etwas aus meinem Leben erzählt habe, würde ich auch gerne mehr über dich und dein Leben in der anderen Dimension wissen", meinte er und ich nickte.
Es war nur fair, dass ich ihm jetzt etwas von mir erzählte. „Ich bin am Land aufgewachsen, mit meiner Mutter. Sie und ich sind schon immer ein super Team gewesen. Meinen Vater kenne ich nicht wirklich und ich weiß auch gar nicht, wo er genau ist. Das finde ich aber mittlerweile auch gut so, auch wenn ich mir früher oft gewünscht habe, er wäre da. Jedenfalls mache ich aktuell eigentlich gar nicht so viel. Meine Tante hat mir nämlich ein Handy zum Geburtstag geschenkt und naja, was soll ich sagen, ich bin wohl den Algorithmus-Zügen zum Opfer gefallen."
Ein Grinsen erschien auf Charlies Lippen. „Dann ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass du hier bist und siehst, was diese ganzen Plattformen in einem auslösen können", meinte er und so langsam bekam ich das Gefühl, dass Charlie alles andere als glücklich in dieser Welt war, aber wer konnte es ihm übelnehmen. Ich ganz sicher nicht. Schließlich wollte ich ja unbedingt weg hier.
DU LIEST GERADE
Hinter dem Bildschirm
PetualanganEndlich ist es so weit! Elodies altes Nokia ist Geschichte, als ihr ihre Tante gegen den Willen ihrer Mutter zum 15ten Geburtstag ein brandneues Smartphone schenkt. Sie freut sich riesig darüber sich endlich mit ihren Freunden über soziale Medien un...
