12.- Hilfe.

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Es war mal wieder Mittwoch. Ich war gerade auf dem Weg zu meinem Stammcafé, ein Buch, bereit zum lesen, unter einer Achsel geklemmt. Es war ziemlich kalt, aber ich hatte mich trotzdem entschieden zu Fuß zu gehen. Ich mochte die kühle Luft in meine Lungen und den kalten, stechenden, lähmenden Schmerz in den Wangen. Ich fühlte mich dann einfach so viel lebendiger, so real.
Ich zog meine Schultern vor Kälte hoch, verstaute meine Hände in meine Jackentaschen und blickte um mich. Das Café lag in einem ziemlich häßlichen Platz. Die Straßen waren eng und klein, die Häuser standen dicht neben einander, deren einstig weißen Wände jetzt grau. Auch die Menschen, hier, wirkten immerzu trostlos und genervt. Das einzig schöne Plätchen war war das Café.
Aber war das nicht immer so? Egal wie gräßlich ein Ort sein konnte, es gab immer dieses kleine Etwas, das herausstach, das einem Hoffnung gab.
Das Café war jetzt in Sichtweise. Es war eines der wenigen Gebäude, das noch eine frisch gefärbte weiße Wand besaß. Der kleine Laden hatte große Fenster, in denen man schon das gemütliche Innenleben erspähen konnte. Ich freute mich schon auf den gewärmten Raum und den Kaffee.
Ein lautes Knallen, recht von mir, ließen meine Augen zu einem blauen Wagen wandern. Ein bekanntes Gesicht war aus dem Auto gestiegen und grinste mich herzlich an. ,,Hey Bruderherz."
Claire.
Na super, ich konnte sie jetzt echt nicht gebrauchen.
Meine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Strich. ,,Was willst du denn hier?"
Die harsche Begrüßung veranlasste Claire dazu, ihr fröhliches Lächeln in ein enttäuschtes zu verwandeln.
Vielleicht sollte ich mich deswegen schlecht fühlen, aber inzwischen war ich es gewohnt, jedem dem ich begnete, miese Stimmung zu zubereiten.
,,Ehm... .", unbeholfen fuchtelte Claire mit ihren Armen herum, ,,ich war zufällig in der Gegend und ich habe dich gerade hier lang gehen sehen uuund..... ehm ja."
Ich hob misstraurisch eine Augenbraue. Nicht einmal ein Kleinkind würde ihre Lüge abkaufen, vorallem wegen ihrem komischen Rumgestottere.
Ich schielte in das Innere des Wagens. Eine Jacke war unordentlich auf dem Beifahrersitz geworfen worden, darauf lag eine fast leergetrunkene Wasserflasche und ein aufgeklapptes Buch. All diese Indizien ließen mich darauf schließen, dass sie alles andere als 'zufällig in der Gegend' gewesen war, sondern die ganze Zeit auf mich, im Auto, gewartet haben musste.
,,Aha. Und jetzt?"
,,Wir können ja mal wieder was machen, du weist schon, so wie früher. Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Tyler."
Ich seufzte genervt auf. Ich hätte wissen müssen, dass sie deswegen hier war. ,,Hör zu Claire. Ich habe jetzt echt keine Zeit, okey? Vielleicht ein anderes mal."
Meine Schwester schnaubte entrüstet auf. ,,Du hast keine Zeit? Was machst du denn jetzt, hmm?! Du hockst doch nur in diesem Scheißcafé und machst nichts!" Ihre Stimme war von Wort zu Wort immer lauter geworden und ihr Gesicht hatte eine verletzte Fratze angenommen.
In gewisser Weise konnte ich ihre Wut verstehen. Die letzten Monate war ich jedem, der mir mal irgendwie nahe stand, aus dem Weg gegangen oder hatte Abstand gehalten. Es nervte mich einfach, dass jeder so tat als würden sie sich Sorgen um mich machen, obwohl sie das gar nicht brauchten. Ich fühlte mich gut, mir ging es noch nie besser!
Ok!
Ich geb's ja zu. Vielleicht versuchte ich mir das ja auch nur einzureden, aber, hey, das komplette Leben war doch sowieso eine fette, große Lüge, oder?
Anstatt, also, auf Claire einzugehen, tat ich das was ich in letzter Zeit am besten konnte: auf Abwehr schalten.
,,Besser als mit dir abzuhängen und so tun als wäre alles okay! Weil eben nichts okay ist! Komm mal damit klar, Claire und hör auf in deiner beschissenen Regenbogen-Einhorn Welt zu leben!"
...
Ups, war das irgendwie zu hart gewesen? Anscheinend schon, denn Claire starrte mich mit großen, fassungslosen Augen an.
Sie presste ihre Lippen zusammen und holte mehrere male Luft. Ihre blauen Augen musterten mich forschend und irgendwie unangenehm aufdringlich. Der Blick erinnerte mich an meinen Therapeuten, Mr.Clint und das machte mich noch wütender.
Meine große Schwester legte eine Hand auf meine Schulter. Es sollte anscheinend beruhigend wirken, aber es fühlte sich stattdessen so an als würde ich in einem Käfig hocken. Als würde Claire nicht wollen, dass ich frei sein wollte.
,,Tyler.", die Stimme meiner Schwester war unfassbar ruhig, obwohl sie doch vorhin fast einen Anfall erlitten hatte, ,,ich weis du willst das nicht hören, aber Mom und Dad und April und ich machen uns Sorgen um dich. Wir sehen dich kaum noch und wenn wir dich zu Gesicht bekommen, siehst du einfach nur scheiße aus. Wir wollen dir doch nur helfen, Tyler."
Genau das hätte sie nicht sagen sollen. Auf das Wort 'helfen' reagierte ich, in letzter Zeit, sehr empfindlich. Fast allergisch. Ich war noch nie einer dieser Menschen gewesen, die sich nach 'Hilfe' und Aufmerksamkeit sehnten. Ich wollte schon immer alles auf eigene Faust bekämpfen. Also brauchte ich erst recht jetzt nicht 'Hilfe'.
Als ich zu sprechen begann, zitterte meine Stimme vor Wut.
,,Du hast Recht.", Ich trat einen Schritt zurück, sodass ihre Hand von meiner Schulter glitt, ,, ich will das nicht hören und ich will eure verdammte Hilfe nicht!"
Ich war so in Rage, dass ich Claire das Buch, welches zuvor noch unter meinen Achseln geklemmt hatte, vor die Nase pfefferte. ,,Oder euer scheiß Mitleid! Oder eure behinderten Umarmungen! Oder eure, ach so lieben, mitfühlenden Worte. Ich brauche EUCH nicht! Ich brauche gar KEINEN!"
Mein Herz schleuderte gegen die Brust und mein ganzer Körper schien zu zittern. Ich wartete nicht auf Claires Reaktion, ich stapfte einfach auf das Café zu. Ich brauchte unbedingt heiße Schokolade um mich zu beruhigen.
Als ich den kleinen Laden betrat, steuerten meine Füße sofort auf meinen Stammtisch zu. Doch heute war irgend etwas anders.
Caleb saß ein meinen Tisch und grinste mir frech entgegen. ,,Hey!"

My sweet LaviniaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt