Ich hatte nie gedacht, dass Stille so laut sein kann.
Das monotone Piepen der Maschinen, das leise Summen der Lüftung, die gedämpften Schritte auf dem Flur – all das vermischte sich zu einem Geräusch, das ich nicht mehr loswurde.
Krankenhausstille.
Mein Vater lag in einem weißen Bett, die Haut zu blass, die Hände zu kalt.
Ich saß jeden Tag an seiner Seite, manchmal stundenlang, ohne zu reden.
Manchmal las ich ihm etwas vor, nur um meine eigene Stimme zu hören.
Sie sagten, es sei nicht lebensgefährlich – Erschöpfung, Überlastung, zu viel Stress.
Aber für mich war das egal.
Er war mein Vater. Und er lag da, reglos, und das allein reichte, um mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Die ersten Tage war ich allein. Zumindest im zimmer. Theodore saß draußen im Flur.
Ich wollte keine Besucher, keine Gespräche, keine Mitleidsblicke.
Ich wollte nur ihn – wach, gesund, wieder lachend.
Doch eines Abends, als ich von der Cafeteria zurückkam, saß jemand auf dem Stuhl neben seinem Bett.
Ich brauchte keine Sekunde, um zu wissen, wer es war.
Theodore.
Er hatte die Arme verschränkt, die Schultern leicht nach vorn gebeugt.
Sein Blick lag ruhig auf meinem Vater, nicht auf mir.
Als ich eintrat, hob er langsam den Kopf.
„Hey," sagte er leise.
Ich wollte etwas sagen – vielleicht ihn rausschicken, vielleicht schreien.
Aber die Worte blieben mir im Hals stecken.
„Wie bist du hier reingekommen?" fragte ich stattdessen, leise, fast flüsternd.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab gefragt, ob du Besuch hast. Sie haben gesagt, du bist kurz weg."
Ich verschränkte die Arme. „Und du dachtest, du setzt dich einfach rein?"
Er nickte. „Ich wollte nicht, dass du allein bist."
Ich seufzte. „Ich bin nicht allein, Theodore. Ich hab meinen Vater."
„Er schläft," sagte er ruhig. „Und du hast seit Tagen nicht mehr richtig gegessen."
Ich war kurz davor, etwas zu erwidern, doch dann sah ich den Ausdruck in seinen Augen.
Keine Überheblichkeit. Keine Kontrolle. Nur Sorge.
Echte, aufrichtige Sorge.
Ich atmete tief durch, drehte mich weg und setzte mich wieder an den Stuhl neben Papas Bett.
„Dann bleib halt," murmelte ich.
Er blieb.
Von da an kam er jeden Tag.
Nie unangekündigt, nie laut.
Immer mit einem caffe in der Hand, denn er dan vor mich stellte.
Er las in der Zeitung, während ich meinen Vater beobachtete.
Manchmal redeten wir, manchmal nicht.
Ich weiß nicht, wann es passierte, aber irgendwann... wurde seine Anwesenheit selbstverständlich.
Wie das Piepen der Maschinen oder das leise Tropfen des Infusionsschlauchs.
Er war einfach da.
Eines Nachts, gegen zwei Uhr, als ich fast eingeschlafen war, legte mir jemand eine Decke über die Schultern.
Ich öffnete die Augen.
Er stand da – halb im Schatten, mit diesem müden Lächeln, das mehr sagte als tausend Worte.
„Du musst dich auch ausruhen," flüsterte er.
„Ich kann nicht schlafen," murmelte ich.
Er nickte langsam. „Ich weiß."
Dann setzte er sich in die Ecke, zog seinen Mantel enger und blieb.
Bis zum Morgen.
Es war komisch.
Dieser Mann, der mich einmal betrogen, belogen und in Stücke gerissen hatte, saß nun Nacht für Nacht still in der Ecke eines Krankenzimmers – nur, damit ich nicht allein war.
Und jedes Mal, wenn ich ihn ansah, fragte ich mich, wann sich alles verändert hatte.
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𝐌𝐲 𝐌𝐚𝐟𝐢𝐚 𝐁𝐨𝐬𝐬
Fantasy•𝐌𝐚𝐟𝐢𝐚 𝐁𝐨𝐬𝐬• 𝐌𝐲 𝐌𝐚𝐟𝐢𝐚 𝐁𝐨𝐬𝐬 Fantasy ___________________________________________ Ein 17 jähriges Mädchen was vertieft in ihren Büchern und Fantasien ist, wird ihrer Welt aufeinmal nicht mehr klar. Ihre Welt war nicht das beste was...
