Der Arbeitstag zog sich endlos.
Ich hatte das Gefühl, jede Stunde doppelt so lange zu brauchen wie sonst.
Das Restaurant war laut, stickig, voller Stimmen und Gerüche, und trotzdem fühlte sich alles leer an.
Ich tat, was ich tun musste – lächeln, servieren, Bestellungen aufnehmen – aber mein Kopf war woanders.
Als ich endlich Feierabend hatte, atmete ich tief durch.
Meine Füße schmerzten, mein Rücken auch, aber das war mir egal.
Ich wollte einfach nur nach Hause.
Nur Ruhe. Nur... nichts.
Die Sonne war schon untergegangen, als ich die Haustür aufschloss.
Ich trat hinein, schob die Schuhe von den Füßen – und blieb abrupt stehen.
Stimmen.
Zwei davon.
Eine davon... war seine.
Das Herz schlug mir bis zum Hals, und für einen Moment wusste ich nicht, ob ich wegrennen oder die Tür wieder schließen sollte.
Langsam trat ich in den Flur, und als ich um die Ecke bog, sah ich sie:
Meinen Vater – lachend, entspannt, mit einem Glas Tee in der Hand.
Und ihm gegenüber: Theodore.
Er saß ruhig da, die Hände locker auf den Knien, die Jacke neben sich.
Sein Blick fiel sofort auf mich, und in dem Moment stand die Zeit still.
Er war nicht überrascht, mich zu sehen – als hätte er gewusst, dass dieser Moment kommen würde.
Aber er sagte nichts.
Er stand langsam auf, nickte meinem Vater zu, und dann sah er mich an – ruhig, respektvoll, mit diesem Blick, der mich schon damals verrückt gemacht hatte.
„Ich wollte nur kurz vorbeischauen," sagte er leise, die Stimme warm, aber kontrolliert.
„Ich hab ihn eingeladen"
Ich schluckte, spürte, wie meine Hände zitterten.
„Oh," brachte ich leise hervor. Mehr fiel mir nicht ein.
Er lächelte kaum merklich.
„Mach dir keine Sorgen, ich geh gleich."
Er wandte sich wieder zu meinem Vater. „Danke für den Tee, Sir. Es war schön, Sie wiederzusehen."
Mein Vater grinste. „Du kannst ruhig öfter kommen, Junge. Es ist schön, mal mit jemandem zu reden, der noch Manieren hat."
Theodore lachte leise, und dann – ganz kurz – trafen sich unsere Blicke noch einmal.
Er nickte mir zu.
Ein stilles, ehrliches Ich verstehe.
Dann ging er.
Ohne ein weiteres Wort.
Nur dieses leise Geräusch der Tür, die sich hinter ihm schloss.
Ich stand noch immer da, wie festgefroren, bis mein Vater sich zu mir drehte.
„Was für ein guter Junge," sagte er, beinahe schwärmerisch.
Ich blinzelte überrascht. „Was?"
Er stellte die Teetasse ab, lehnte sich zurück.
„Ich sag's dir, Bella. So einen trifft man selten. Höflich, ruhig, respektvoll."
Ich runzelte die Stirn. „Papa, du kennst ihn nicht einmal richtig."
Er grinste. „Vielleicht nicht. Aber ich weiß, was er getan hat."
Ich verschränkte die Arme. „Was meinst du?"
Er hob den Blick zu mir, ernst, aber mit einem Hauch Stolz.
„Meine Krankenhausrechnungen, die Medikamente, sogar die Schulden von damals. Alles bezahlt. Ohne, dass ich's wollte. Ich hab's erst durch die Bank erfahren."
Mir wurde plötzlich warm und kalt zugleich.
„Was?" flüsterte ich.
„Er meinte, das sei das Mindeste, was er tun könne," fuhr mein Vater fort. „Und er wollte nicht, dass du's erfährst. Ich hab's dir jetzt nur gesagt, weil ich finde, du solltest wissen, was für ein Mensch er wirklich ist."
Ich schwieg.
Mein Herz raste.
Er hatte also wirklich alles getan.
Nicht, um mich zu beeindrucken.
Nicht, um irgendwas zu erzwingen.
Einfach, weil er's wollte.
Mein Vater nahm wieder einen Schluck Tee und lächelte.
„Wenn du mich fragst, Kind... der Junge liebt dich. Und er tut's auf die richtige Art."
Ich stand einfach nur da, unfähig, etwas zu sagen.
Die Worte meines Vaters hallten in meinem Kopf nach, überlagerten sich mit Theodores' letzter Bitte.
Und plötzlich spürte ich es wieder – dieses kleine, kaum greifbare Ziehen in meiner Brust.
Das Gefühl, dass da etwas war, was nie wirklich aufgehört hatte.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Die Worte meines Vaters schwebten noch im Raum, schwer und warm zugleich.
Also tat ich das Einzige, was ich in solchen Momenten immer tat – ich wich aus.
„Ich... mach uns was zu essen," murmelte ich und machte mich auf dem zur Küche, bevor er noch etwas sagen konnte.
In der Küche war es still.
Nur das leise Ticken der Uhr über der Spüle und das Summen des Kühlschranks füllten die Luft.
Ich öffnete die Schublade, nahm ein Messer, schnitt Gemüse – mechanisch, ohne nachzudenken.
Doch meine Gedanken waren laut.
Zu laut.
Er hat die Schulden bezahlt.
Die Krankenhauskosten.
Alles.
Ich biss mir auf die Lippe, schüttelte den Kopf.
„Warum, Theodore..." flüsterte ich leise, „warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?"
Ich stellte die Schüssel ab, atmete tief durch – und dann fiel mein Blick auf etwas auf dem Küchentisch.
Ein schwarzes Portemonnaie.
Schlicht, edel, aus echtem Leder.
Ich runzelte die Stirn, wischte mir die Hände an einem Küchentuch ab und nahm es in die Hand.
Es roch nach Parfum – nicht nach dem meines Vaters.
Neugierig öffnete ich es.
Ein paar Karten. Bargeld. Und dann... ein Foto.
Ich erstarrte.
Es war ein Bild von mir.
Nicht gestellt, nicht zufällig.
Es war das Foto, das wir damals zusammen im großen Haus gemacht hatten – als alles noch leicht gewesen war, als er mich angelacht hatte, als wäre ich das Schönste, was er je gesehen hatte.
Ich spürte, wie sich meine Lippen ganz von selbst zu einem kleinen Lächeln formten.
Für einen kurzen Moment glaubte ich, mein Vater hätte es dort hineingetan.
Vielleicht, weil es ihn an bessere Zeiten erinnerte.
Ich drehte mich halb um und rief:
„Papa... das ist echt süß, aber woher hast du das Bild?"
Er lachte leise aus dem Wohnzimmer.
„Welches Bild?"
„Na das hier..." Ich trat in den Türrahmen, hielt das Portemonnaie hoch. —„Du hast ja richtig Geschmack in der Auswahl!"
Mein Vater blinzelte kurz, dann grinste er breit.
„Oh," sagte er, als hätte er's gerade erst bemerkt, „er muss wohl sein Portemonnaie vergessen haben."
Ich erstarrte.
„W-was?"
„Na, Theodore," antwortete er seelenruhig. „Er hat's wohl dagelassen. Der Junge war wohl etwas durcheinander, nachdem du reingekommen bist."
Mir rutschte das Portemonnaie fast aus der Hand.
Ich sah wieder auf das Foto und sah erst jetzt die kleine aufschrift in der ecke Amore– und plötzlich fühlte es sich ganz anders an.
Nicht mehr wie eine alte Erinnerung.
Sondern wie ein stilles Bekenntnis.
Ich klappte es langsam zu, als könnte jede Bewegung das Bild zerreißen, und legte es vorsichtig auf den Tisch zurück.
Mein Herz raste, aber ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
„Ich... ich stell das Essen fertig," murmelte ich und drehte mich wieder zum Herd.
Aber während ich das Gemüse in die Pfanne gab, hörte ich mein Herz schlagen – laut, unregelmäßig, fast schmerzhaft.
Und inmitten all der Gedanken kam dieser eine Satz wieder in mir hoch, flüsternd, unaufhaltsam:
Er hat dich nie losgelassen, Bella.
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𝐌𝐲 𝐌𝐚𝐟𝐢𝐚 𝐁𝐨𝐬𝐬
Fantasy•𝐌𝐚𝐟𝐢𝐚 𝐁𝐨𝐬𝐬• 𝐌𝐲 𝐌𝐚𝐟𝐢𝐚 𝐁𝐨𝐬𝐬 Fantasy ___________________________________________ Ein 17 jähriges Mädchen was vertieft in ihren Büchern und Fantasien ist, wird ihrer Welt aufeinmal nicht mehr klar. Ihre Welt war nicht das beste was...
