Am nächsten Morgen war es sehr schwer, den Teil von mir, der die Ereignisse des Abends für Einbildung hielt, davon zu überzeugen, dass sie wirklich passiert waren. Ich erinnerte mich immer wieder an ihren unvergleichlichen Duft und an ihre warmen braunen Augen. Ich stand von meinem Ledersofa auf und schaute aus dem Fenster. Draußen war es neblig und düster, dass perfekte Wetter für uns.
Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, ging ich runter und merkte wie aufgeregt ich bin.
>>Fährst du jetzt schon zur Schule?<< fragte Rosalie.
>>Ich fahre zu Bella. Ich hole sie ab.<<
>>Warum so aufgeregt?<< fragte Jasper grinsend.
Ich gab keine Antwort darauf und ließ mich von seinem grinsen anstecken. Denn ich war glücklich darüber Bella wieder zu sehen.
>>Bis später.<< rief ich in den Raum und ging zur Tür raus.
Es war ungewöhnlich neblig, der Dunst verschleierte die Luft wie Rauch und legte sich eiskalt auf die Haut. Die Kälte störte mich kein bisschen und dann dachte ich an Bellas zarte Haut.
Schnell setzte ich mich ins Auto, startete den Motor und fuhr los.
Bellas Vater war vor kurzem zur Arbeit gefahren und so konnte ich mich auf seinen Parkplatz stellen.
Ich parkte rückwärts ein, stieg aus dem Auto und ging auf die andere Seite. Angelehnt am Auto beobachtete ich das Haus. Es war sehr leise im Haus, hin und wieder hörte ich Geräusche. Ich hörte wie die Kühlschranktür aufgemacht und nach kurzer Zeit wieder zugemacht wurde. Kurz darauf ging die Haustür auf und Bella kam heraus.
Sie kniff leicht ihre Augen zusammen und versuchte etwas zu erkennen. Dann blieb sie abrupt stehen und ich hörte wie ihr Herz einmal aussetzte, stotterte und schlug dann doppelt so schnell weiter.
Ich hielt ihr die Beifahrertür auf und lächelte sie an.
>>Möchtest du heute mit mir fahren?<< fragte ich sie verunsichert und leicht erheitert von ihrem überraschten Gesichtsausdruck.
>>Sehr gern, danke.<< sagte sie und stieg in das vorgewärmte Auto ein.
Sie bemerkte meine Jacke, die ich davor über die Kopfstütze des Beifahrersitzes gelegt hatte. Ich machte die Tür zu und stieg einen Augenblick später - schneller, als es möglich sein sollte - saß ich an ihrer Seite und ließ den Motor an.
>>Ich hab dir die Jacke mitgebracht. Nicht, dass du krank wirst oder so.<< sagte ich etwas zurückhaltend.
Sie musterte mich von Kopf bis Fuß und ihr Blick war an meinem Gesicht geheftet.
>>So eine Mimose bin ich nun auch wieder nicht<< sagte sie mit ihrer zarten Stimme und schob dabei ihre Arme in die übermäßig langen Ärmel.
>>Bist du nicht?<< fragte ich zweifelnd und so leise, in der Hoffnung sie hört es nicht.
Wir fuhren durch die nebelverhangene Straßen und waren ein bisschen befangen. Vergangene Nacht waren alle Mauern weggebrochen ... fast alle. Ich wusste nicht ob wir erneut so freimütig sein würden und die Ungewissheit verschlug mir die Sprache. Ich überlegte womit ich anfangen könnte, dann fiel mir auf, dass Bella kmir keine Fragen stellt. Sie saß einfach ruhig da und versank in meiner Jacke. Ich hörte, wie Bella tief einatmete und noch mehr in der Jacke versank. Ich müsste für sie auch unwiderstehlich duften und fing an zu grinsen.
>>Was denn, keine zwanzig Fragen heute?<< fragte ich grinsend.
>>Stören dich meine Fragen?<<fragte sie.
>>Nicht so sehr wie deine Reaktionen.<<
Sie runzelte die Stirn. >>Ich reagiere nicht richtig?<<
>>Genau, das ist das Problem. Du nimmst alles so cool hin - das ist unnatürlich. Ich frage mich dann immer, was du wirklich denkst.<<
>>Ich sag dir immer, was ich wirklich denke.<<
>>Du behälst Dinge für dich<< warf ich ihr vor.
>>Nicht viele.<<
>>Genügend, um mich in den Wahnsinn zu treiben.<<
>>Du willst sie doch nicht hören<< murmelte sie so leise, dass es fast nur ein Flüstern war und es schwang sehr schwacher Schmerz in ihrer Stimme mit. Doch meinen Ohren entgeht nichts und schon grübelte ich darüber nach was sie damit meinte.
Ich fuhr auf den Parkplatz und ihr Gesicht war unergründlich.
>>Wo ist eigentlich der Rest deiner Familie?<< fragte sie.
>>Sie sind mit Rosalies Auto gekommen.<< antwortete ich und parkte neben Rosalies roten Kabrio mit geschlossenem Verdeck.
>>Ist das nicht protzig?<< sagte ich und zuckte mit den Schultern.
>>Ähm - wow<< brachte sie heraus.
>>Wenn das ihres ist, warum fährt sie dann immer mit dir?<<
>>Wie gesagt, es ist protzig. Wir versuchen zumindest, nicht aufzufallen.<<
>>Ohne Erfolg.<< sagte sie lachend und stieg kopfschüttelnd aus dem Auto.
>>Wenn es so auffällig ist, warum ist Rosalie dann heute mit dem Kabrio gekommen?<< fragte sie verwirrt.
>>Hast du noch nicht gemerkt, dass ich im Moment sämtliche Regeln breche?<<
Ich wartete vor dem Volvo auf sie und blieb dicht an ihrer Seite, als wir das Schulgelände betraten. Die Versuchung, sie zu berühren, war sehr groß und ich kämpfte gegen den drang an.
>>Wenn ihr so unbehelligt wie möglich bleiben wollt, warum habt ihr dann überhaupt solche Autos?<< fragte sie immer noch verwundert.
>>Genusssucht<< gestand ich mit einem verschmitzten Lächeln. >>Wir fahren alle gerne schnell.<<
>>Warum wundert mich das nicht?<< murmelte sie vor sich hin.
Unter dem Dachvorsprung der Cafeteria wartete Jessica und hielt Bellas Jacke im Arm. Ihr fielen fast die Augen raus, als sie und sah.
>>Hallo Jessica<< sagte Bella melodisch, als wir nur noch ein paar Schritte entfernt waren.
>>Danke, dass du dran gedacht hast.<<
Ohne ein Wort reichte sie Bella die Jacke.
>>Guten Morgen, Jessica<< sagte ich höflich.
>>Äh ... hi.<< Sie richtete ihre weit aufgerissenen Augen auf Bella und versuchte ihre wirren Gedanken zu sortieren.
>>Wir sehen uns dann in Mathe, nehm ich an.<< sagte Jessica und schaute Bella bedeutungsvoll in die Augen.
>>Ja, genau, bis dann.<<
Jessica ging fort, nicht ohne sich noch zweimal verstohlen nach uns umzuschauen.
>>Was willst du ihr erzählen?<< fragte ich leise.
>>Hey, ich dachte, du kannst meine Gedanken nicht lesen!<< zischte sie.
>>Kann ich auch nicht.<< sagte ich verwundert. Dann Begriff ich was gemeint war. >>Aber dafür ihre - sie kann's kaum erwarten, dich nachher mit ihren Fragen zu bombardieren.<<
Mit einem Stöhnen zog sie meine Jacke aus, reichte sie mir und schlüpfte in ihre eigene. Ich legte mir meine Jacke über den Arm.
>>Also - was willst du ihr sagen?<< fragte ich neugierig.
>>Wie wär's mit ein wenig Hilfe? Was will sie denn wissen?<<
Ich schüttelte den Kopf und grinste spitzbübisch. >>Das wäre nicht fair.<<
>>Ich sag dir, was nicht fair ist ... Dass du etwas weißt, was du mir nicht verrätst.<<
Während wir liefen, dachte ich darüber nach. Wir blieben vor Haus drei stehen.
>>Sie will wissen, ob wir insgeheim zusammen sind. Und sie will wissen, was du für mich empfindest<< sagte ich schließlich.
>>Oje. Was soll ich bloß sagen?<< fragte sie mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck.
Andere Schüler liefen an uns vorbei. Wahrscheinlich zogen wir ihre Blicke auf uns, aber ich nahm sie kaum wahr.
>>Hmmm.<< Ich hielt inne, nahm eine Strähne, die aus dem Haarknoten in ihrem Nacken entwischt war, zwischen meine Finger und wickelte sie wieder auf. Bellas Herz überschlug sich.
>>Vielleicht könntest du das Erste bejahen ... das heißt, wenn du nichts dagegen hast - es ist die einfachste Erklärung.<<
>>Ich habe nichts dagegen<< sagte sie mit schwacher Stimme.
>>Und was die andere Frage angeht ... Da bin ich auch schon gespannt, was du sagst.<< Mein Mund zog sich an einer Seite hoch zu einem Lächeln. Ehe Bella etwas sagen konnte, drehte ich mich um und ging.
>>Bis zum Mittagessen<< rief ich ihr im Weggehen zu.
Drei Schüler, die gerade reingehen wollten, blieben stehen und schauten Bella verwundert an.
Mit rotem Kopf hastete sie ins Klassenzimmer. Sie ging zu ihrem Platz und knallte ihre Tasche auf den Tisch.
Über die Gedanken von anderen beobachtete ich Bella und unterdrückte mein kichern.
>>Morgen Bella, wie war's in Port Angeles?<< fragte Mike neben ihr.
>>Oh, es war ... << sie hielt inne >>Super<< vollendete sie den Satz nicht gerade überzeugend.
>>Jessica hat ein echt süßes Kleid bekommen.<< fing sie an zu erzählen.
>>Hat sie irgendwas über Montagabend gesagt?<< fragte er und dachte an Jessica.
Bella lächelte wunderschön und ihre Wut verrauchte.
>>Ja, sie fand's toll.<< versicherte sie ihm.
>>Sicher?<< fragte er begierig.
>>Ganz sicher.<<
Dann sorgte Mr Mason für Ruhe und sammelte die Aufsätze ein.
Die Unterrichtsstunde verstriche, ohne dass ich viel davon mitbekam.
Nach der zweiten Stunde hatte sich der Nebel fast verzogen, aber der Tag war immer noch trübe. Niedrig und bleiern hingen die Wolken am Himmel. Über die Gedanken von Mike sah ich wie er Bella beobachtete. Bella ging raus, schaute zu den Wolken auf und lächelte.
>>Bis später<< sagte Mike zu ihr.
Bella antwortete ihm nicht und lächelte ihn einfach an. Sie drehte sich um und ging zur nächsten Unterrichtsstunde.
Ich wurde immer ungeduldiger und konnte es kaum abwarten zu hören was Bella über mich erzählt und wie sie über mich denkt.
Jessica saß schon auf ihrem Platz in der letzten Reihe und brannte vor Neugierde. Über Jessicas Gedanken sah ich wie Bella steif auf sie zu ging.
>>Erzähl mir alles!<< verlangte Jessica, bevor Bella überhaupt saß.
>>Was willst du denn wissen?<< fragte sie ausweichend.
>>Was gestern alles passiert ist.<<
>>Er hat mich zum Essen eingeladen und dann nach Hause gefahren.<<
Jessica schaute Bella skeptisch an.
>>Wie bist du denn so schnell nach Hause gekommen?<<
>>Er fährt wie ein Irrer. Der blanke Horror.<< erzählte Bella und ein grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus.
>>War das sowas wie ein Rendezvous? Hattest du dich mit ihm dort verabredet?<<
>>Im Gegenteil - ich war vollkommen überrascht, ihn dort zu treffen.<<
Jessica schürzte ihre Lippen und war sehr enttäuscht.
>>Aber er hat dich heute früh zu Hause abgeholt?<< bohrte Jessica weiter.
>>Ja - dashat mich genauso überrascht. Ihm ist gestern aufgefallen, dass ich keine Jacke hatte<< fügte sie hinzu.
>>Und, trefft ihr euch wieder?<<
>>Na ja, er hat mir angeboten, mich am Samstag nach Seattle zu fahren, weil er der Meinung ist, mein Transporter schafft das nicht - zählt das?<<
>>Das zählt.<< sagte Jessica nickend.
>>In dem Fall - ja.<<
>>W-o-w.<< Sie zog das Wort zu drei Silben auseinander. >>Edward Cullen.<<
>>Ich kann's auch kaum glauben<< sagte Bella ihr zustimmend. >>Wow<<
>>Warte, warte!<< Jessicas Hände schossen in die Höhe, die Handflächen waren zu Bella gedreht - als würde sie gerade ein Auto anhalten. >>Hat er dich geküsst?<<
>>Nein<< murmelte Bella. >>So ist es irgendwie nicht.<<
Bella sah so enttäuscht aus wie Jessicas Gedanken.
>>Meinst du, dass er am Samstag ... << sagte Jessica und zog ihre Augenbrauen hoch.
>>Ich glaube kaum.<< antwortete Bella mit einem unzufriedenen Ton in ihrer zarten Stimme.
>>Warteorüber habt ihr geredet?<< Flüsternd versuchte sie, mehr aus mir herauszubekommen. Die Stunde hatte begonnen, aber Mr Varner schien es nicht weiter zu stören und die beiden waren nicht die Einzigen, die sich unterhielten.
>>Keine Ahnung, Jess, über alles Mögliche<< flüsterte Bella zurück. >>Ein bisschen über die Schule.<<
>>Bella, bitte<< quengelte sie. >>Wie wär's mit ein paar Einzelheiten.<<
>>Mmmh ... okay, also. Du hättest sehen sollen, wie die Kellnerin mit ihm geflirtet hat - es war nicht mehr zum Aushalten. Aber er hat sie nicht mal beachtet.<< erzählte Bella.
>>Das ist ein gutes Zeichen.<< sagte sie nickend. >>War sie hübsch?<<
>>Ziemlich - und wahrscheinlich so neunzehn oder zwanzig.<<
>>Noch besser. Er muss dich wirklich mögen.<<
>>Das Gefühl hab ich auch, aber es ist schwer zu sagen.<< sagte sie seufzend. >>Er ist immer so kryptisch<< fügte sie hinzu, als wäre dieser Satz für mich.
>>Ich weiß gar nicht, woher du den Mut nimmst, mit ihm alleine zu sein<< sagte Jessica mit tonloser Stimme.
>>Wie meinst du das?<< fragte Bella irritiert.
>>Er ist so ... einschüchternd. Ich wüsste überhaupt nicht, was ich zu ihm sagen sollte.<< Sie verzog das Gesicht und dachte an gestern Abend.
>>Ehrlich gesagt, manchmal fehlen mir auch die Worte, wenn ich mit ihm zusammen bin.<<
>>Na ja. Dafür ist er wirklich unglaublich süß.<< Jessica zuckte mit den Schultern und dachte daran, dass gutes Aussehen alle Fehler entschuldigte.
>>Es gibt noch viel mehr, was toll an ihm ist.<<
>>Wirklich? Was denn?<< fragte Jessica neugierig und ich war mindestens genau so neugierig.
>>Ich kann's nicht so richtig erklären ... Aber hinter seinem Äußeren ist er noch viel unglaublicher.<< sagte Bella und starrte nach vorne zur Tafel.
>>Und das geht?<< fragte Jessica ungläubig und kicherte.
Bella ignorierte sie und achtete auf Mr Varner.
>>Das heißt, du magst ihn?<< So schnell gab Jessica nicht auf und bohrte weiter.
>>Ja<< sagte Bella schroff.
>>Ich meine, so richtig?<< setzte sie nach.
>>Ja<< sagte Bella noch einmal und bekam ihre wunderschönen rosa Wangen.
>>Wie sehr magst du ihn?<<
>>Viel zu sehr<< flüsterte Bella zurück. >>Mehr als er mich. Aber ich wüsste nicht, was ich dagegen tun sollte.<< sagte sie seufzend.
Ich schüttelte nur mit dem Kopf, als ich hörte was Bella von sich gab.
Mr Varna rief in diesem Augenblick Jessica auf und für den Rest der Stunde hatte sie keine weitere Möglichkeit das Thema zu vertiefen.
Als es dann klingelte, startete Bella ein Ablenkungsmanöver.
>>Mike hat mich in Englisch gefragt, ob du was zu Montagabend gesagt hast<< berichtete sie Jessica.
>>Nicht dein Ernst! Und was hast du gesagt?!<< fragte Jessica und schnappte nach Luft.
>>Ich hab ihm gesagt, dass du's toll fandest und er hat sich gefreut, als er das hörte.<<
>>Sag mir ganz genau, was er gefragt hat und was du ihm geantwortet hast.<<
Den ganzen Weg zu Spanisch verbrachten die beiden damit, Mikes Satzstrukturen zu analysieren, den größten Teil der nachfolgenden Stunde war Bella mit minuziösen Beschreibungen seines Gesichtsausdrucks zu verschiedenen Zeitpunkten beschäftigt.
Dann klingelte es zur Mittagspause. Immer noch in Jessicas Gedanken versunken, schnappte ich meine Bücher und lief schnell zu Bella. Ich lehnte mich gegen die Wand und wartete.
Bella sprang auf und stopfte die Bücher achtlos in ihre Tasche. Ich sah wie sich Vorfreude auf ihrem Gesicht breit machte.
>>Ich nehm mal an, du sitzt heute nicht bei uns, oder?<< fragte Jessica.
>>Wahrscheinlich nicht.<< sagte sie im gehen und blieb im Flur abrupt stehen, als sie mich sah.
Jessica ward einen kurzen Blick auf mich, verdrehte die Augen und verzog sich.
>>Bis später, Bella.<< sagte sie bedeutungsvoll im Weggehen.
>>Hallo.<< sagte ich erheitert und verärgert zugleich.
>>Hi.<<
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und sie schwieg ebenfalls.
Es wurde also ein stiller Gang zur Cafeteria.
Ich ging voraus zur Warteschlange. Noch immer sagte sie nichts und alle paar Sekunden blickte ich forschend in ihr perfektes Gesicht. Doch sie verzog keine Miene und ich wurde immer nervöser. Bella sah dagegen so gelassen und spielte an dem Reißverschluss ihrer Jacke rum.
Ich trat an die Essensausgabe, wählte von allem etwas aus, damit es Bella an nichts mangelt und legte alles auf ein Tablett.
>>Was hast du vor?<< protestierte sie mit ihrer süßen Stimme. >>Soll das alles für mich sein?<<
Ich schüttelte nur den Kopf und ging weiter zur Kasse. >>Die Hälfte ist natürlich für mich.<<
Bella zog eine Augenbraue hoch.
Ich nahm das Tablett und ging zum gleichen Tisch wie das letzte mal. Als wir uns setzten, schauten vom anderen Ende des langen Tisches ein paar ältere Schüler voller Erstaunen zu uns herüber. Ich ignorierte ihre Gedanken und konzentrierte mich nur auf Bella.
>>Nimm dir, was du willst<< sagte ich und schob das Tablett in ihre Richtung.
Sie nahm sich einen Apfel. >>Aus reiner Neugier<< sagte sie und ließ den Apfel von einer Hand in die andere rollen. >>Was würdest du machen, wenn jemand dich fragt, ob du dich traust, so was zu essen?<<
>>Aus reiner Neugier, wie immer.<< Ich verzog mein Gesicht und schüttelte den Kopf. Dann sah ich sie grimmig an, nahm mir ein Stück Pizza vom Tablett, biss ab, kaute kurz und schluckte - alles, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
Sie schaute mir mit aufgerissenen Augen zu.
>>Wenn jemand dich fragt, ob du dich traust, Erde zu essen, dann könntest du das doch auch, oder?<< fragte ich herablassend.
Sie rümpfte ihre Nase. >>Hab ich mal ... Es war eine Wette<< gab sie zu. >>Es war gar nicht so schlimm.<<
Ich lachte. >>Ich würde sagen, das überrascht mich nicht.<<
Ich schaute kurz an Bella vorbei und hörte Jessicas Gedanken zu.
>>Jessica analysiert jede meiner Bewegungen - Sie wird das alles später haarklein vor dir ausbreiten.<< sagte ich und schob ihr den Rest der Pizza rüber.
Sie legte den Apfel beiseite und biss von der Pizza ab, ohne mich anzuschauen.
Das war die Gelegenheit los zulegen. >>Die Kellnerin war also hübsch, ja?<<
>>Hast du das wirklich nicht bemerkt?<<
>>Nein. Ich hab sie nicht beachtet. Mir ging eine Menge durch den Kopf.<<
>>Armes Ding.<<
Ich ließ mich nicht ablenken. >>Eine Sache, die du zu Jessica gesagt hast ... na ja, die wurmt mich.<< sagte ich, senkte den Kopf und schaute besorgt wieder auf.
>>Das wundert mich gar nicht, dass du was gehört hast, was dir nicht gefallen hat. Du weißt ja, wie es dem Lauscher an der Wand ergeht.<< erinnerte sie mich.
>>Ich habe dir gesagt, dass ich zuhören werde.<<
>>Und ich habe dir gesagt, dass du nicht alles wissen willst, was ich denke.<<
>>Das hast du gesagt<< pflichtete ich ihr bei. >>Aber das stimmt nicht ganz. Ich möchte sehr wohl wissen, was du denkst - alles. Ich wünschte nur ... dass du über einige Sachen anders denken würdest.<<
Sie schaute mich finster an. >>Das ist ein ziemlicher Unterschied.<<
>>Aber darum geht's im Moment sowieso nicht.<<
>>Und worum geht es?<< fragte sie neugierig und legte ihren Kopf schief.
Wir hatten uns über den Tisch hinweg einander zugeneigt. Ich verschränkte meine Hände unter meinem Kinn und Bella umfasste mit ihrer zarten blassen Hand ihren Nacken. Wir beachteten die gutgefüllte Cafeteria nicht mehr und wahrscheinlich sind etliche neugierige Augenpaare auf uns gerichtet.
>>Glaubst du wirklich, dass du mehr für mich empfindest als ich für dich?<< fragte ich leise, wobei ich mich weiter zu ihr rüber lehnte und sie durchdringend anschaute.
Sie wandte ihren Blick von mir. >>Du tust es schon wieder<< murmelte sie.
Überrascht weiteten sich meine Augen. >>Was denn?<<
>>Du bringst mich aus der Fassung<< gestand sie ein und schaute mir wieder in die Augen.
>>Oh.<< Ich runzelte die Stirn.
>>Du kannst nichts dafür<< sagte sie seufzend.
>>Beantwortest du meine Frage?<<
Sie schlug ihre Augen nieder. >>Ja.<<
>>Ja, du beantwortest die Frage, oder ja, du glaubst das wirklich?<< fragte ich etwas verärgert.
>>Ja, ich glaube das wirklich.<< Antwortete sie und vertiefte sich in das Holzmuster, das auf dem Laminat der Tischplatte gedruckt war.
Das schweigen hielt an.
Ich atmete tief ein, als bräuchte ich Luft. >>Du irrst dich.<< sagte ich leise.
Sie blickte auf. >>Das weißt du doch gar nicht<< widersprach sie flüsternd.
Zweifelnd schüttelte sie ihren Kopf und ich hörte wie ihr Herz stärker und lauter pochte.
>>Wie kommst du denn darauf?<<
Sie hielt meinem Blick stand und ich wurde immer ungeduldiger. Je länger sie nichts sagte, desto ungeduldiger wurde ich. Sie löste ihre Hand vom Nacken und hob den Zeigefinger.
>>Lass mich bitte nachdenken<< verlangte sie.
Ich ließ ihr natürlich die Zeit zum antworten.
Sie ließ ihre Hand auf den Tisch sinken und presste sie gegen die andere, so dass ihre Ballen aneinander lagen. Sie betrachtete ihre zarten Hände, verschränkte ihre Finger, löste sie wieder voneinander und schließlich sprach sie auch.
>>Also, abgesehen von den offenkundigen Gründen ist es manchmal ...<< sie zögerte. >>Ich bin mir nicht sicher - ich kann keine Gedanken lesen. Aber manchmal ist es, als würdest du versuchen, dich von mir zu verabschieden, obwohl du scheinbar etwas anderes sagst.<<
>>Gut erkannt<< flüsterte ich. >>Aber genau das ist der Grund, warum du dich irrst<< begann ich zu erklären, doch dann stockte ich und kniff die Augen zusammen. >>Aber von welchen >offenkundigen Gründen< redest du eigentlich?<<
>>Guck mich doch an. Ich bin absolut durchschnittlich. Na ja, abgesehen von den negativen Besonderheiten wie dem Talent, ständig in Todesgefahr zu geraten und einer Ungeschicklichkeit, die an körperliche Behinderung grenzt. Und dann guck dich an.<< sagte sie und machte mit ihrer Hand eine Bewegung in meine Richtung.
Verärgert zogen sich meine Augenbrauen zusammen, dann wurde mir bewusst, dass Bella sich nicht im klaren ist. >>Du kannst dich selber nicht sonderlich gut einschätzen, weißt du das? Ich gebe zu, dass du vollkommen recht hast, was die negativen Besonderheiten angeht.<< Verschmitzt lachte ich vor mich hin. >>Doch im Gegensatz zu mir hast du nicht mitbekommen, was jedem männlichen Wesen an dieser Schule durch den Kopf ging, als du zum ersten Mal hier aufgetaucht bist.<<
Bella blinzelte erstaunt. >>Kann ich mir nicht vorstellen ...<< murmelte sie vor sich hin.
>>Glaub mir, nur dieses eine Mal - du bist das exakte Gegenteil von durchschnittlich.<<
Verlegen schaute sie zur Seite.
>>Ich bin es aber nicht, die sich verabschiedet<< wandte sie ein.
>>Verstehst du nicht? Genau das ist es doch, was mir Recht gibt. Du bedeutest mir mehr, denn wenn ich so etwas tun kann ...<< Ich schüttelte meinen Kopf. >>Wenn es das Richtige ist, mich zurückzuziehen und ich mache das, um dich nicht zu verletzten - dann heißt das, dass mir deine Sicherheit wichtiger ist als meine Wünsche.<<
Sie funkelte mich darauf hin an. >>Und du meinst nicht, ich würde dasselbe tun?<<
>>Du würdest nie in eine solche Lage kommen.<<
>>Andererseits - allmählich kommt es mir so vor, als erforderte deine Sicherheit meine Anwesenheit rund um die Uhr.<< sagte ich lachend.
>>Heute hat noch niemand probiert, mich um die Ecke zu bringen<< erinnerte sie mich.
>>Aber dennoch<< ergänzte ich.
>>Aber dennoch<< stimmte sie zu.
>>Ich hab da noch eine Frage.<<
Ich bekam ein mulmiges Gefühl, sobald ich an meine Frage dachte.
>>Na los.<< drängte sie mich.
>>Musst du wirklich nach Seattle am Samstag oder brauchtest du nur eine Ausrede für deine ganzen Verehrer?<<
Sie verzog das Gesicht als ich sie daran erinnerte.
>>Ganz ehrlich, die Sache mit Tyler nehme ich dir immer noch übel<< warnte sie mich. >>Es ist deine Schuld, dass er jetzt denkt, ich würde mit ihm zum Jahresabschlussball gehen.<<
>>Ach, er hätte schon noch ohne mich eine Möglichkeit gefunden, dich zu fragen - und ich wollte so gern dein Gesicht sehen<< erwiderte ich lachend.
Bella versuchte ihr Lächeln zu unterdrücken.
>>Wenn ich dich gefragt hätte, hättest du mir auch eine Abfuhr erteilt?<< fragte ich lachend und hoffte das sie den nervösen Unterton nicht wahrnahm.
>>Wahrscheinlich nicht<< antwortete sie. >>Aber später hätte ich dann wegen Krankheit oder einem verstauchten Fuß abgesagt.<<
>>Warum denn das?<< fragte ich verdutzt.
Bella schüttelte ihren Kopf. >>Okay, du hast mich nie in Sport gesehen, aber ich hätte gedacht, dass du weißt, was ich meine.<<
>>Was denn - etwa die Tatsache, dass du nicht über eine gerade und feste Oberfläche laufen kannst, ohne zu stolpern?<<
>>Was sonst?<<
>>Das wäre kein Problem.<< versicherte ich ihr. >>Beim Tanzen kommt alles darauf an, wie geführt wird.<<
Bella schob die Augenbrauen zusammen und öffnete ihren Mund zum protestieren. Doch ich Schnitt ihr das Wort ab. >>Aber was denn nun - willst du unbedingt nach Seattle fahren oder wärst du auch einverstanden, wenn wir etwas anderes machen?<<
Ihre Augenbrauen entspannten sich. >>Ich bin offen für Vorschläge. Aber ich muss dich um einen Gefallen bitten.<<
>>Ja?<<
>>Kann ich fahren?<<
>>Warum?<< fragte ich mit gerunzelter Stirn.
>>Hauptsächlich deshalb, weil mich Charlie, als ich ihm erzählte, dass ich nach Seattle will, ausdrücklich gefragt hat, ob ich alleine fahre und zu dem Zeitpunkt nahm ich das an. Wenn er mich noch mal fragt, werde ich sicher nicht lügen, aber ich vermute, dass er mich nicht noch mal fragen wird. Und wenn ich jetzt meinen Transporter zu Hause stehen lasse, beschwöre ich das Thema nur unnötigerweise herauf. Abgesehen davon macht mir deine Fahrweise Angst.<<
Ich verdrehte die Augen. >>Vor allem, was dir an mir Angst machen könnte, sorgst du dich ausgerechnet um meine Fahrweise.<< Empört schüttelte ich den Kopf. >>Willst du denn deinem Vater nicht sagen, dass du den Tag mit mir verbringst?<<
>>Bei Charlie ist weniger grundsätzlich mehr. Wo fahren wir denn überhaupt hin?<<
>>Es wird schönes Wetter sein, ich werde mich also von der Öffentlichkeit fernhalten ... und du kannst mit mir kommen, wenn du magst.<<
>>Heißt das, du zeigst mir, was du meinst, mit der Sonne?<< fragte sie begeistert.
>>Ja. Wenn du allerdings nicht mit mir ... allein sein willst, wäre es mir trotzdem lieber, du würdest nicht ohne Begleitung nach Seattle fahren. Wenn ich daran denke, was dir in einer Stadt dieser Größe zustoßen könnte, läuft es mir kalt den Rücken runter. <<
>>Phoenix hat allein schon dreimal so viele Einwohner wie Seattle und was die Größe angeht ...<<
>>Aber anscheinend<< unterbrach ich sie. >>waren deine Tage in Phoenix noch nicht gezählt. Deshalb wär's mir lieber, du bist in meiner Nähe.<< Kaum hatte ich es ausgesprochen, merkte ich wie glücklich mich die Worte machten.
>>Wie es der Zufall will, bin ich gar nicht abgeneigt, mit dir allein zu sein.<<
>>Ich weiß<< sagte ich seufzend. >>Trotzdem solltest du Charlie Bescheid sagen.<<
>>Warum um Himmels willen sollte ich das tun?<<
Ich schaute Bella finster an. >>Um mir einen kleinen Anreiz zu geben, dich heil zurückzubringen.<<
Sie schluckte. >>Ich glaube, ich lass es drauf ankommen.<<
Aufgebracht blies ich meine Backen auf und schaute zur Seite.
>>Lass uns über was anderes reden<< schlug sie mit weicher Stimme vor.
>>Worüber willst du denn reden?<< fragte ich immer noch verärgert.
Bella schaute um sich und blieb mit dem Blick bei meinen Geschwistern haften. Kurz darauf schaute sie schnell wieder zu mir. >> Warum seid ihr eigentlich am Wochenende zum ... Jagen in die Goat Rocks Wilderness gefahren? Charlie meinte, das sei keine gute Gegend, wegen der vielen Bären.<<
Verwirrt schaute ich Bella an.
>>Bären?<< Stieß sie hervor und schnappte nach Luft und ich grinste.
>>Und das, obwohl keine Jagdsaison ist<< fügte sie etwas entgeistert hinzu.
>>Wenn du die Bestimmungen sorgfältig liest, dann wirst du feststellen, dass die Verbote lediglich das Jagen mit Waffen betreffen.<<
Amüsiert betrachtete ich ihr wunderschönes Gesicht, während meine Worte auf sie einwirkten.
>>Bären?<< wiederholte sie zaghaft.
>>Grizzlybären mag Emmett am liebsten.<< erzählte ich und verfolgte genau ihre Reaktion.
>>Hmmm<< sagte sie und nahm einen Bissen von der Pizza. Sie kaute langsam, trank ausgiebig von der Cola und allmählich machte ich mir sorgen. Vielleicht habe ich zu viel gesagt und sie gekränkt.
>>Und? Was magst du am liebsten?<< fragte sie. Sie betrachtete mich eindringlich und neugierig an.
Ich zog skeptisch eine Augenbraue nach oben. >>Puma.<<
>>Ah.<< sagte sie desinteressiert und wandte sich wieder ihrer Cola zu.
>>Selbstverständlich achten wir darauf, nicht durch unüberlegte Jagdverhalten in die Umwelt einzugreifen<< sagte ich.
>>Wir sind bemüht, uns auf Gegenden mit einem Überbestand an Raubtieren zu beschränken und nehmen dafür auch weite Strecken in Kauf. Natürlich wären hier in der Gegend immer genügend Rehe und Elche verfügbar, aber es soll ja auch ein bisschen Spaß machen.<< Erklärte ich schalkhaft und lächelte.
>>Oh, selbstverständlich<< murmelte sie kauend.
>>Die ersten Frühlingswochen sind Emmetts bevorzugte Bärensaison - da kommen sie gerade aus dem Winterschlaf und sind besonders reizbar.<< Ich lächelte über die Erinnerung in den Goat Rocks mit Emmett.
>>Es geht doch nichts über einen gereizten Grizzlybären<< sagte sie und nickte.
Ich kicherte und schüttelte den Kopf. >>Bitte sag mir, was du wirklich denkst.<<
>>Ich versuche mir das vorzustellen, aber es gelingt mir nicht<< gab sie zu. >>Wie jagt man einen Bären ohne Waffen?<< fragte sie und legte ihren Kopf schief.
>>Oh, Waffen haben wir schon.<< sagte ich und präsentierte ihr mit einem kurzen, bedrohlichen Lachen meine blitzenden Zähne.
>>Nur nicht solche, die unter die Jagdbestimmungen fallen. Falls du jemals im Fernsehen einen angreifenden Bären gesehen hast, dann kannst du dir ein Bild von Emmett beim Jagen machen.<<
Bella schüttelte sich und blickte zu Emmett hinüber. Ich folgte ihrem Blick und lachte in mich hinein.
Bella schaute mich verunsichert an. >>Bist du auch wie ein Bär?<< fragte sie leise.
>>Mehr wie eine Raubkatze, das sagen zumindest die anderen<< antwortete ich gutgelaunt. >>Vielleicht sind unsere kulinarischen Vorlieben ja bezeichnend für unser Wesen.<<
Sie lächelte über meine Vermutung.
>>Vielleicht<< wiederholte sie. >>Werde ich das auch einmal zu sehen bekommen?<<
>>Auf gar keinen Fall!<< funkelte ich sie wütend und entsetzt an.
Bella wich zurück, ich lehnte mich ebenfalls zurück und verschränkte die Arme.
>>Zu beängstigend für mich?<<
>>Wenn es das wäre, würde ich dich noch heute Nacht mitnehmen<< sagte ich schneidend. >>Es gibt nichts, was du dringender nötig hast als eine gesunde Portion Angst.<<
>>Warum dann?<< drängte sie weiter und ignorierte meine verärgerte Miene.
Ich war sprachlos und saß eine Weile nur da und starrte Bell wütend an.
>>Später<< sagte ich schließlich und stand auf. >>Wir müssen los.<<
Sie schaute um sich und stelle verblüfft fest, dass die Cafeteria fast leer war. Sie sprang auf und nahm ihre Tasche von der Lehne. >>Okay, dann später<< willigte sie ein.
