"Was war das?", japse ich komplett durcheinander. Eigentlich denke ich in diesem Moment nur laut. In meinem Kopf dreht sich alles, ich habe Mühe Marco anzusehen, weil mir so schwindelig ist.
"Sorry. Das war n bisschen zu früh, oder?" Er ist rot geworden und scheint selbst ein wenig überrascht von seiner Aktion zu sein.
Dieser Kuss war atemberaubend schön, doch ich bin nicht in der Lage das zuzugeben. Ich habe ein schlechtes Gewissen, Josie gegenüber. Sie ist erst ein paar Wochen tot. Ich kann doch nicht mit einem fast Fremden rumknutschen - und SIE dabei völlig vergessen.
Das hatte ich nämlich getan in den letzten Sekunden. Ich hatte nicht an Josie gedacht. Nicht an den Schmerz. Umso heftiger kehrt dieser jetzt zurück. Er trifft mich wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Wie konnte ich nur? Was bedeutet mir dieser Kerl da drüben schon im Gegensatz zu ihr? Nichts. Mein Herz tut weh, es schmerzt fürchterlich."Ich glaub, du gehst jetzt besser, Marco", sage ich kalt. "Ich wollte dich nicht..", erwidert er mit einem flehenden Unterton. "Ciao", entgegne ich bloß. "Summer, ich...", setzt Marco wieder an. Ich schüttle nur mit dem Kopf, sehe ihn nicht an. "Okay, Summer. Bis dann."
Er sieht enttäuscht aus, nimmt tatsächlich seine Sachen und verlässt mit hängenden Schultern mein Zimmer. Ich höre die Haustür ins Schloss fallen und starre auf das Bild an meiner Wand. Wie konnte ich bloß. Ich habe es ihr versprochen. Ich werde sie nie vergessen. Und was mach ich? Ich knutsche mit Marco rum und denke nur an IHN! Du bist echt eine tolle Freundin, Summer. Ganz, ganz toll.
Auch wenn Josie nicht mehr auf dieser Erde weilt, ist sie bei mir. In meinem Herzen. Aus Angst, ich könnte sie sogar dort verlieren, sie könnte sich auflösen wie eine kurzlebige, schwache Nebelschwade - habe ich Marco weggestoßen.
Ich will Josie nicht vergessen. Für nichts in der Welt. Wenn ich sie vergesse, bin ich auch tot. Denn nur dann sehe ich sie wieder. Nur dann.Wieder starre ich das Bild an. Ich erinnere mich noch exakt an den Tag, an welchem das Bild aufgenommen worden war.
Wir waren an den Stadtrand gefahren, mitten ins Grüne und hatten gepicknickt. Es war noch sehr warm an diesem Septembernachmittag gewesen. Josie hatte trotzdem glücklich die bunten Herbstblätter beim Fallen beobachtet und von jeder Farbe ein besonderes schönes Exemplar gesammelt. Sie freute sich wie ein kleines Kind darüber und redete ununterbrochen davon, dass sie sie pressen, trocknen würde und dann rahmen lassen wird. Das hatte sie wirklich getan. Es waren 5 Blätter gewesen, sie hingen gerahmt in ihrem Zimmer.
Josie liebte den Herbst, schon immer. Das Farbenspiel, das langsam immer wilder werdende Wetter. Josie liebte das. Ich liebte den Herbst auch, doch ich tat es nur wegen Josie.
Kurz bevor das Foto geschossen wurde, hatten wir uns über unseren nächsten geplanten Urlaub unterhalten. Wir wollten nach Thailand. Josie freute sich wahnsinnig auf diese Reise und ich war auch schon sehr gespannt.
Wir fantasierten, was wir alles erleben würden, welche verrückten Abenteuer. Wir lagen uns lachend in den Armen und Josie meinte zu mir: "Darling, wir haben noch so viele großartige Reisen vor uns! Wir beide werden uns die ganze Welt ansehen! Die ganze wunderschöne Welt! Wir beide erobern sie! Ach Summer, Ich bin so froh, dass wir noch so viel Zeit haben zusammen - um all das zu sehen! Mit meiner Summer!" Sie drückte mich an sich und fragte daraufhin einen Spaziergänger, ob er ein Bild machen könnte.
Überglücklich strahlten wir beide in die Kamera, hielten uns in den Armen.Wir hatten noch Zeit. Wir wussten noch nicht, dass Josies Zeit bald ablaufen sollte. Wir wussten es doch noch nicht.
Ich hänge meinen Gedanken hinterher, da klingelt mein Handy.
"Schatz, ich bin's Mama."
"Hey Mam."
"Wie geht es dir, Summer?"
"Das weißt du doch."
"Summer..."
"Mam, ich vermisse sie. Ich vermisse Josie so sehr."
"Ich weiß, Summer. Ich weiß das. Summer?"
"Ja?"
"Geh mal ins Wohnzimmer, an den Sekretär. Im obersten Schubfach liegt ein Brief für dich."
"Ein Brief? Von wem?"
"Von Josie, mein Schatz. Sie meinte, ich soll ihn dir geben, wenn du sie besonders vermisst."
"Von Josie? Wirklich?"
"Ja. Lies ihn. Ich bin mir sicher, es wird dir helfen. Josie hat schon immer die richtigen Worte gefunden."
"Oh Mama, wieso sagst du mir das erst jetzt?"
"Ich wollte dich erstmal ankommen lassen. Aber ich will dich nicht weiter warten lassen. Ich hab dich lieb, mein Schatz."
"Danke, Mam. Ich dich auch."
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Klatschmohn & Lilien [Marco Reus]
Short StoryKlatschmohn und Lilien, das waren wir. Josie und Summer. Beste Freundinnen fürs Leben, den Tod und die Ewigkeit. Dich zu verlieren, bringt mein Leben zum Einsturz. Ich ertrage diese Welt nicht mehr und versuche mich mich mit Alkohol und...