Lily
Die vertrauten Gerüche zahlreicher Speisen erfüllten die Luft. Ich sog sie tief ein und versuchte mir jeden Einzelnen von ihnen einzuprägen. Ich hatte mir vorgenommen, dieses Jahr besonders fleißig zu sein und jedes kleinste Detail des Schlosses im Gedächtnis zu behalten, denn es war mein letztes Jahr in Hogwarts. Mein letztes Jahr Zuhause.
Der Geruch des wunderbaren Essens zu Beginn jedes Schuljahres gehörte also unvermeidlich in meine Sammlung, genauso wie der im Abendrot leuchtende Himmel, der durch die verzauberte Decke zu sehen war und zusammen mit den Kerzen alles in ein warmes Licht tauchte.
"Hey Lily!", Mar schnippste ungeduldig mit ihren Fingern vor meinem Gesicht herum. Erschrocken zuckte ich zusammen und sah mit einer hochgezogenen Augenbraue zu meiner besten Freundin hinüber, die mich angrinste. Anscheinend hatte sie schon eine Weile mit mir geredet. Ich hatte es nur nicht bemerkt, weil ich mit den Gedanken bei Essen war. Wenn ich nicht aufpasste, wurde ich noch wie Remus, wenn es um Schokolade ging. Erst ein paar Minuten später viel mir auf, das ihr Lächeln nicht bis zu ihren Augen gereicht hatte und mein Magen zog sich vor Sorgen zusammen. Mar holte tief Luft um erneut anzusetze. Es war, als hätte ihr jemand das Lachen vom Gesicht gewischt und sie wirkte wie ausgewechselt. "Ich habe Angst, Lils. Ich sitze hier und lache. Es komnt mir so schrecklich falsch vor. Andere Zauberer, Hexen und Muggel sterben gerade oder kämpfen um ihr Leben und ich lebe meines weiter, als hätte sich nichts seit meinem ersten Jahr hier geändert, als wären nicht Alle, die mir wichtig sind, kurz davor zu sterben oder..." eine Träne rann ihre Wange hinunter. Ich schluckte und wischte sie ihr mit dem Ärmel meines Shirts weg. Marlene, meine beste Freundin, war schon die ganze Zugfahrt über ungewöhnlich still gewesen, trotzdem hatte ich nicht mit so einem ernsten Thema gerechnet und war ziemlich geschockt. Jedoch sollte es mich eigentlich nicht wundern. Jeden Tag lasen wir die Todesanzeigen in den Zeitungen, jeden Tag wurde von neuen Morden berichtet und nie wusste man, ob es sich nicht doch um Jemanden handelte, den man kannte. Es war immer wieder eine Überwindung, die Zeitung zu lesen. "Es tut mir so leid", sagte ich leise und nahm sie in den Arm. Tröstendere Worte konnte ich nicht finden, denn ihre Angst war berechtigt. Es waren dunkle Zeiten und sie sollten noch dunkler werden, wenn man dem sprechenden Hut Glauben schenken konnte.
Unsere kleine rührseelige Szene wurde von lauten Schreien und vereinzelten Hilferufen unterbrochen. Eine Traube von Schülern hatte sich bereits um das hintere Ende des Slytherin-Tisches gebildet und weitere strömten hinzu, gefolgt von einigen Lehrern. Mar schien alles vergessen, oder eher erfolgreich verdrängt, zu haben, denn ihre Augen leuchteten, auch wenn sie noch von Tränen verschleiert waren. Wir kämpften uns durch die Massen, bis wir endlich etwas sehen konnten. Inzwischen war das Schreien, lautem Stöhnen und Lachen gewichen. Mein Magen zog sich zusammen, als ich sah, wer dort auf dem Boden kauerte und das Abendessen, dessen Düfte ich eben noch inhaliert hatte, auf den Fußboden reierte. Snape, Malfoy und Mulciber schienen es auch nicht besonders lustig zu finden, denn ihre Gesichter blühten rot vor Zorn, oder vor Ekel, wer wusste das schon. Mar lachte sich die Seele aus dem Leib und ich war froh, dass sie ihren Schmerz, wenn auch nur kurz, verdrängt hatte. Doch sie war nicht die Einzige, der es so ging und ich musste mich ziemlich zusammenreißen, damit ich nicht auch in schallendes Gelächter ausbrach. Die Rumtreiber hatten mal wieder für einen gelungenen Start in das neue Schuljahr gesorgt. Achtung, tropfender Sarkasmus. Ich hatte ja gehofft, dass sie dieses Jahr etwas vernünftiger wären, weil es das letzte Jahr mit den Utz Prüfungen war und vor allem, weil ich gehofft hatte, dass Potter seine Aufgaben als Schulsprecher etwas ernster nehmen würde, doch Potter blieb Potter und Rumtreiber blieben eben Rumtreiber. Dennoch war ich ihnen ein ganz klitzekleines bisschen dankbar, dass sie Mar zum lachen gebracht hatten.
Ich sog scharf die Luft ein, als sich das Erbrochene auf einmal selbstständig machte und vom Boden abhob. Entsetzt und fasziniert folgten alle Blicke den Essensresten, wie sie sich neu zusammensetzten und in der Luft die Initialen 'Rt' bildeten. Die Buchstaben waren von einem Kreis umrandet, der dem Vollmond nicht unähnlich sah.
Die Menge begann zu klatschen und zu johlen, als das Symbol in sich zusammenbrach und auf Diejenigen herab fiel, aus dessen Magen es gekommen war. Niemand schritt ein, nicht mal McGonagall, die mit einem leichten Grinsen, welches bei ihr aus zusammengekniffenen Lippen mit leicht gehobenen Mundwinkeln bestand, neben Dumbledore saß und das Geschehen beobachtete. Ich verdrehte genervt die Augen. Nicht mal in Ruhe essen ließen einen diese Idioten. "Willkommen in Hogwarts!", brüllte eine mir nur zu gut bekannte Stimme und ich sah gerade noch einen schwarzen, verstruppelten Haarschopf in der Menge verschwinden. Der hatte mir gerade noch gefehlt. "Willkommen in Hogwarts, Potter", knurrte ich.
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Hinter Den Mauern
De TodoEine Jily Fan Fiction aus der, wer hätte das gedacht, Rumtreiberzeit.
