Der Flur vor meinem Zimmer ist lang und dunkel. Außer mir ist noch niemand zu Hause, alle Lichter sind aus und ich kümmere mich nicht um Dunkelheit in der Hoffnung, die Bilder an den Wänden nicht erkennen zu müssen. Doch dies ist nicht mein erster Versuch. Trotz des wenigen Sonnenlichts, das durch das einzelne Fenster fällt, kurz bevor die Sonne untergeht, kann ich die alten Familienfotos erkennen voller glücklicher kleiner Mädchen, Lächeln auf Grillpartys und Hochzeiten von Verwandten oder Freunden meiner Mutter.
Aufwachsende Kinder, blonde Locken, bunte Kleider. Ich finde es gleichermaßen überraschend und traurig, dass meine Mutter die Bilder nie abgehangen hat. Wir sind keine glückliche Familie mehr
(nicht seit papa weg ist seitdem war es nie wieder so wie früher nicht einmal ansatzweise wieso musste er gehen wieso hat er uns zurückgelassenwiesoistereinfachgegangenwieso)
und diese Fotos, die mich im ganzen Haus verfolgen zu scheinen, zeigen ein Kind, mit dem ich mich nicht identifizieren kann. Wieso hat meine Mutter sie nie weggeräumt? Will sie mich wieder so haben, wie ich damals war? Das wird niemals passieren, Mama. Ich werde niemals so sein. Nie wieder.
(das bin ich nicht diese bilder das bin ich nicht)
Und trotzdem nennen sie alle dieses kleine, glückliche blonde Ding bei meinem Namen. Sehen sie nicht, dass dieses Kind vor Jahren gestorben ist? Das bin ich nicht mehr.
Als ich endlich den alten Spiegel an der Wand sehe, kann ich mich von diesen Gedanken losreißen und starre konzentriert auf das Muster der hässlichen Tapete, bis mein Blick nicht mehr von Tränen verschleiert ist.
Mein Herz klopft wie wild als ich in den Spiegel sehe - doch nichts Außergewöhnliches passiert. Meine Mimik und Gestik sind gleich, nur andersherum. Kein individuelles zweites Ich, keine Stimme wie meine, nichts. Nur mein eigenes Gesicht, das ich schon so oft ewig angestarrt hatte in der Hoffnung, das würde reichen um es zu verändern. Schnell weiche ich dem Blick meiner grauen Augen aus und gehe schnell in mein Zimmer zurück. Der Anblick meiner eigenen Augen verfolgt mich merkwürdig verstörend, doch ich weiß einfach nicht wieso.
(waren sie nicht mal blau)
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mirrors
Fantastique,,Du bist ich", sage ich in Richtung Spiegel und sehe ihn letztendlich richtig an. Seine Haare sind wie meine, sein Shirt, seine Jeans, sogar die unterschiedlichen Socken, weil ich heute Morgen verschlafen und panisch irgendetwas aus meinem Schrank...